Kriminelle Kinder
Raub, Gewalt, sexueller Missbrauch: Immer mehr Straftaten an Schulen
Die Zahl der Straftaten an Schulen in NRW ist 2022 stark gestiegen – und die Täter werden immer jünger. Vor allem das Ausmaß der Gewalt ist besorgniserregend.
Köln – Fast 70 Straftaten wurden 2022 durchschnittlich pro Tag an Schulen in NRW begangen. Das geht aus den Zahlen hervor, die das Landesinnenministerium kürzlich veröffentlichte. Dabei sind die Straftaten im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 um fast 19 Prozent angestiegen. Besonders häufig kommt es in NRW dabei zu teils schweren Körperverletzungen und Diebstählen. Auch die Zahlen zum sexuellen Missbrauch sind besorgniserregend. Ein Überblick.
Kriminelle Kinder an Schulen in NRW: Viele Diebstähle in 2022 – meist von Fahrrädern
Knapp 25.000 Mal kam es in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr zu Straftaten mit der „Tatörtlichkeit Schule“. Dazu gehören Straftaten im Schulgebäude, auf dem Schulgelände oder im unmittelbaren Umfeld der Schule. Darunter besonders häufig vertreten: Diebstähle. Fast jedes dritte Vergehen gehörte 2022 zu dieser Kategorie, meist wurden Fahrräder gestohlen.
Mit über 2.500 Fällen ist die Menge der besonders schweren Fälle von Diebstahl zudem recht hoch. Solche Straftaten können mit Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren bestraft werden. Um als besonders schwerer Fall eingestuft zu werden, muss die Tat eine der folgenden Voraussetzungen erfüllen:
- Der Täter ist zur Ausführung in ein Gebäude, einen Dienst- oder einen anderen umschlossenen Raum eingebrochen, beispielsweise mit einem falschen Schlüssel oder anderweitigem Werkzeug.
- Der Täter hat eine Sache gestohlen, die durch ein verschlossenes Behältnis oder eine andere Schutzvorrichtung gegen Wegnahme gesichert ist.
- Der Täter stiehlt gewerbsmäßig.
- Der Täter stiehlt eine Sache aus einer Kirche oder einem anderen zur Religionsausübung dienenden Raum.
- Der Täter stiehlt eine Sache, die für Wissenschaft, Kunst oder Geschichte oder für die technische Entwicklung von Bedeutung.
- Der Täter stiehlt, indem er die Hilflosigkeit einer anderen Person, einen Unglücksfall oder eine gemeine Gefahr ausnutzt.
- Der Täter stiehlt eine Handfeuerwaffe, ein Gewehr oder Sprengstoff.
Kriminelle Kinder in NRW: Körperverletzungen gehören zu den häufigsten Straftaten an Schulen
In vielen weiteren Fällen blieb es nicht beim Entwenden von fremdem Eigentum, sondern es wurde dafür Gewalt eingesetzt oder angedroht. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 208 Fälle von Raub, räuberischer Erpressung oder einem räuberischen Angriff an Schulen in Nordrhein-Westfalen. Ein Beispiel: An der evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck gingen Jugendliche Anfang des Jahres auf regelrechte Raubzüge. Gleich mehrere Schüler zwischen 13 und 15 Jahren gaben an, beraubt, erpresst und bedroht worden zu sein.
Dass es zu justiziablen Drohungen kommt, war im vergangenen Jahr keine Seltenheit an Schulen in NRW. Knapp 1.000 Straftaten in dem Bereich wurden 2022 von den Polizistinnen und Polizisten erfasst. Doch noch erschreckender ist, dass es noch viel häufiger nicht bei einer Drohung bleibt. Über 5.200 Körperverletzungen in den und im Umkreis der Bildungseinrichtungen wurden im vergangenen Jahr aktenkundig. Davon handelte es sich in über 1.500 Fällen um eine schwere und/oder gefährliche Körperverletzung.
- Körperverletzung: Körperliche Misshandlung oder Schädigung eines anderen
- Gefährliche Körperverletzung: Angriff mit Gift oder anderen schädlichen Stoffen, bewaffneter Angriff, hinterlistiger Überfall, gemeinschaftlicher Angriff, lebensgefährliche Behandlung
- Schwere Körperverletzung: Opfer verliert nach Angriff das Sehvermögen, das Gehör, das Sprechvermögen, die Fortpflanzungsfähigkeit, ein wichtiges Glied des Körpers, erleidet eine Lähmung, eine geistige Krankheit oder eine Behinderung.
Jugendkriminalität in 2022: Fast 200 Fälle von sexuellem Missbrauch an Schulen in NRW
Ein weiterer thematischer Block, der in den Statistiken immens vertreten ist, sind die sogenannten „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ – mit insgesamt 729 Fällen. Darunter: Fast 200 Fälle des sexuellen Missbrauchs an Schulen in NRW, 58 Fälle von sexuellen Übergriffen und 21 Vergewaltigungen. Bei dem allergrößten Teil dieser Straftaten war ein Kind das Opfer. In 92 Fällen wurde eine sexuelle Handlung an einem Kind vorgenommen oder durch ein Kind vornehmen lassen. 84-mal wurden kinderpornografische Inhalte verbreitet, erworben, besessen oder hergestellt.
Welche Bereiche umfasst die „Tatörtlichkeit Schule“?
Die „Tatörtlichkeit Schule“ erfasst die Polizei bei allen Straftaten, die innerhalb eines Schulgebäudes, dem umfriedeten Gelände einer Schule oder im unmittelbaren Umfeld der Schule begangen werden. Schulische Veranstaltungen, wie beispielsweise eine Klassenfahrt, werden in die Statistik nicht mit einbezogen, der Schulweg ebenso nicht. Wichtig ist dabei, dass auch Straftaten dazu gezählt werden, die nicht während des Schulbetriebs begangen wurden.
In ganz NRW werden mehr Kinder kriminell: Polizei richtet vereinzelt Ermittlungskommissionen ein
Die Entwicklungen der Kriminalität an den Schulen ist besorgniserregend, doch klar ist: Das Problem existiert nicht nur an den Bildungseinrichtungen. In vielen Städten ist das gesamte Stadtgebiet von einer höheren Jugendkriminalität geprägt. So wird beispielsweise in Oberhausen die Region rund um das Centro häufiger zum Schauplatz von Kriminalität.
Auch in der Gelsenkirchener Innenstadt kam es in den vergangenen Wochen und Monaten zu zahlreichen Vorfällen mit kriminellen Kindern. Eigens zur Bekämpfung der Kinder- und Jugendkriminalität wurde dort die Ermittlungskommission König ins Leben gerufen. Im Stadtgebiet von Hamm sorgten mehrere Krawall-Kinder zuletzt ebenso für Unruhe. Auch dort wollen Stadt und Polizei von nun an härter durchgreifen. In Essen wurde vor kurzem ein 13-Jähriger mit einer Stichwaffe angegriffen.
Ebenso klar ist: Das Problem mit kriminellen Kindern und Jugendlichen ist nicht auf einzelne Städte und Kommunen begrenzt, sondern es ist ein landesweites. Jeder fünfte Tatverdächtige war im vergangenen Jahr unter 21 Jahre alt. Die Anzahl der Tatverdächtigen unter 14 Jahren ist innerhalb weniger Jahre in ganz NRW um mehr als 50 Prozent angestiegen. (mg)
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