Gelsenkirchen

Kriminelle Kinder terrorisieren die Stadt: die schlimmsten Fälle der letzten Monate

Es wird zu einem Phänomen: Kinder geraten immer häufiger in den Fokus der Polizei, weil sie Straftaten begehen.

Gelsenkirchen – Sie schlagen zu, sie erpressen, sie rauben: In Nordrhein-Westfalen sind die Fälle von Kinder- und Jugendkriminalität im vergangenen Jahr stark gestiegen. Jeder fünfte Tatverdächtige war 2022 unter 14 Jahre alt. Die Entwicklungen in einer Stadt stehen dabei exemplarisch für die Entwicklung: Gelsenkirchen. Immer wieder und immer öfter werden dort Minderjährige straffällig, teilweise sind die Täter dabei noch nicht einmal 14 Jahre alt und damit noch Kinder. Ein Überblick, über die Fälle der vergangenen Monate.

Jugendkriminalität in Gelsenkirchen: Teenie-Bande geht an Schule auf Raubzüge

Auch Schulen wurden dabei immer wieder zum Tatort – allen voran: die evangelische Gesamtschule im Gelsenkirchener Stadtteil Bismarck. Anfang des Jahres kamen die Verantwortlichen der Bildungseinrichtung einfach nicht zur Ruhe. Der Unterricht war nach zwei Amok-Drohungen innerhalb weniger Tage gerade erst wieder aufgenommen worden, als erneut Polizistinnen und Polizisten zum Schulgelände anrückten.

Der Grund: Kinder sind dort regelrechten Raubzügen zum Opfer gefallen: „Gleich mehrere Schüler im Alter zwischen 13 und 15 Jahren gaben an, beraubt, bedroht oder erpresst worden zu sein“, teilte die Polizei mit. Die Einsatzkräfte holten zwei Schüler aus dem Unterricht. Gegen insgesamt sechs weitere wird ermittelt. Die Täter haben teilweise noch nicht einmal das strafmündige Alter erreicht, sie sind zwischen zwölf und 15 Jahren alt.

Jugendliche Intensivtäter: 15-Jähriger wird am Tag nach Haftentlassung erneut straffällig

Teilweise wurden Kinder schon in frühem Alter zu Intensivtätern. Am 10. Januar wurde ein 15-Jähriger nach einer Jugendstrafe aus der Haft entlassen. Schon während der Zeit hinter Gittern wurde der Jugendliche erneut straffällig. Und so dauerte es auch nach seiner Entlassung nicht lange, bis der Teenager wieder kriminell wurde. Schon am ersten Tag nach seiner Entlassung beging er bereits wieder Straftaten. So sitzt der 15-Jährige nur drei Wochen später erneut in Untersuchungshaft. Der Grund: Er soll mehrere schwerere Raubdelikte begangen haben.

Die Polizei Gelsenkirchen hat in den vergangenen Monaten alle Hände voll zu tun. (Symbolbild)

Drei Fälle von Jugendkriminalität in Gelsenkirchen an nur einem Tag

Bezeichnend für das Phänomen waren die Vorkommnisse vom Mittwoch (27. April). Gleich dreimal innerhalb weniger Stunden wurden Kinder straffällig. Beim ersten Vorfall des Tages wurde erneut eine Schule zum Tatort, diesmal die Gesamtschule in Buer. Am frühen Vormittag wurde dort ein 13 Jahre altes Kind von einem 15-Jährigen und zwei weiteren Jugendlichen festgehalten und nach Bargeld gefragt. Der Schüler konnte kein Geld geben, worauf der 15-Jährige mehrfach zuschlug. Erst als weitere Schüler hinzukamen, ließ das Trio schließlich von dem Kind ab. Der Täter sitzt nun in U-Haft.

Noch am selben Vormittag rückt ein weiterer 15-Jähriger in den Fokus der Polizei. Der Jugendliche fing an der Hohenzollernbrücke an, ein gerade mal zwölf Jahre altes Kind während einer polizeilichen Maßnahme zu beleidigen und zu bedrohen. Dann richtete er seine Wut gegen die Einsatzkräfte der Polizei, baute sich vor ihnen auf und wollte mit den erwachsenen Polizisten kämpfen. Selbst als die Polizisten den Teenager in Handschellen zur Polizeiwache brachten, hörten die Beleidigungen nicht auf. Gegen ihn läuft nun ein Strafverfahren.

Familienvater und Sohn wehren sich

Noch am selben Tag wurde ein 17-Jähriger in Gelsenkirchen-Buer Opfer einer räuberischen Erpressung. Zwei 14-Jährige sprachen den Heranwachsenden an und forderten sein mitgeführtes Geld und drohten mit Schlägen. Ein Hilferuf an einen zufällig anwesenden Passanten sorgte dafür, dass die Minderjährigen flüchteten. Die Flucht blieb jedoch ohne Erfolg – der Vater des Opfers machte sich gemeinsam mit seinem Sohn erfolgreich auf die Suche nach den Tätern und hielt die beiden 14-Jährigen bis zum Eintreffen der Polizei fest. Sie erwartet nun eine Anzeige.

Jugendkriminalität in Gelsenkirchen: Jugendliche schlagen und bestehlen 55-Jährigen

Doch nicht immer haben es die kriminellen Kinder auf Altersgenossen abgesehen, wie folgender Fall zeigt: An einem Abend im März wurde ein 55-Jähriger an einer Kreuzung in der Gelsenkirchener Innenstadt von einer Gruppe Jugendlicher umringt. Nur kurze Zeit später nahmen die Minderjährigen dem Mann seine Geldbörse ab. Der 55-Jährige versuchte, sein Eigentum zurückzubekommen – ohne Erfolg. Stattdessen schlug ihm einer der Jugendlichen mit der Faust ins Gesicht, so die Polizei. Die Täter flüchteten, und werden von der Polizei wegen räuberischem Diebstahl gesucht. Laut Beschreibung waren die Täter zwischen 14 und 16 Jahre alt.

Polizei Gelsenkirchen: Ermittlungskommission zur Bekämpfung von Jugendkriminalität

Die Vorfälle haben ein solches Ausmaß erreicht, dass die Gelsenkirchener Polizei im September 2022 die Ermittlungskommission König ins Leben rief. Ihre Aufgabe: Jugendkriminalität auf den Grund gehen und bekämpfen – und die Ermittlungen brachten einiges ans Licht: Ganze 165 Straftaten wurden seither erfasst. 107 davon konnten bereits geklärt werden, 92 Verdächtige wurden ermittelt. Fast jeder fünfte davon war noch unter 14 Jahren, nur drei hatten bereits das Erwachsenenalter erreicht.

Erklärungen für den Anstieg der Gewalttätigkeit bei Minderjährigen gibt es bislang nur in Ansätzen. Eine davon: Corona hat die Kinder aggressiver gemacht, wie ein Kinderpsychotherapeut zuletzt gegenüber wa.de sagte. Auch NRW-Innenminister Herbert Reul mutmaßte zuletzt, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie zumindest mit an den Entwicklungen schuld sein könnten. (mg)

Rubriklistenbild: © Gottfried Czepluch/Imago

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