Jugendkriminalität

Mehr Straftaten als Lebensjahre: Wer sind die jungen Intensivtäter in NRW?

Immer öfter werden Jugendlicher und Kinder kriminell. Fast bei jeder zweiten Straftat in NRW sind die Täter bereits polizeibekannt.

Köln – Sie sind noch sehr jung, doch haben bereits einiges auf dem Kerbholz. Viele von ihnen haben schon mehr Straftaten angesammelt als Lebensjahre. Die Rede ist von jungen Intensivtätern. Über 450 junge Menschen wurden 2021 von den Kreispolizeibehörden in Nordrhein-Westfalen in dieser Kategorie geführt – immer wieder begehen sie Straftaten: Bis zum 25. Lebensjahr bestehlen, berauben oder verprügeln diese jungen Mehrfachtäter laut Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) durchschnittlich 100 Menschen. Doch wieso geraten Kinder und Jugendliche schon so früh auf die schiefe Bahn? Wer sind die jungen Menschen?

Kriminelle Kinder in NRW: Jugendliche Intensivtäter begehen Hälfte der Straftaten in der Altersgruppe

Der rasche Anstieg der Jugendkriminalität in NRW beschäftigt aktuell Politik, Polizei und Anwohner gleichermaßen. Die Anzahl der Straftaten von unter 14-Jährigen ist seit 2015 um über 50 Prozent angestiegen. Im vergangenen Jahr war jeder fünfte Tatverdächtige laut der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) noch unter 21 Jahre alt. Doch einige Namen tauchen in dieser Liste doppelt, dreifach oder noch viel häufiger auf, denn: Sechs bis zehn Prozent aller tatverdächtigen Kinder und Jugendliche sind für jedes zweite Delikt in dieser Altersgruppe verantwortlich.

Frustration, Perspektivlosigkeit und Gewalterfahrungen: Ursachen für Jugendkriminalität sind vielfältig

Warum haben einige junge Menschen eine solch geringe Hemmschwelle vor Straftaten? Eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, aber es gibt Muster. Meist handelt es sich bei den jungen Intensivtätern um heranwachsende Männer, wie das NRW-Justizministerium sagte. Häufig sind sie bereits in frühen Jahren selbst zum Opfer geworden – physisch wie psychisch: „Sie wachsen oft sozial oder emotional vernachlässigt auf und verfügen frühzeitig über teils erhebliche Gewalterfahrungen“, so das Ministerium.

Mehrere Faktoren sorgen für eine zunehmende Frustration bei den kriminellen Kindern und Jugendlichen. Zu den Problemen im Umgang mit den Mitmenschen, negativen Erfahrungen in der Schule oder während der Ausbildung kommt häufig eine allgemeine Perspektivlosigkeit hinzu. „Ihre Lebensweise lässt befürchten, dass es sich nicht um eine bloße Episode handelt, sondern ihr Weg in ein von Kriminalität geprägtes Leben vorgezeichnet ist“, hieß es.

Jede zweite Straftat von Jugendlichen wird von einem Intensivtäter begangen. (Symbolbild)

Und eine solche kriminelle Karriere als Intensivtäter kostet den Steuerzahler eine Menge Geld: Bis zu seinem 25. Lebensjahr ziehen die Delikte eines Mehrfachtäters durchschnittlich rund 1,7 Millionen Euro an Kosten für Krankenhausaufenthalte, Polizeieinsätze und Co. nach sich. Die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist in vielen Fällen schwierig, wie auch Herbert Reul im Interview mit 24RHEIN von Ippen-Media sagte – doch nicht unmöglich.

Junger Intensivtäter aus Duisburg: „Ich war sofort auf 180, kein Lehrer konnte mich stoppen“

Auch der 22-jährige Berat Ergüner aus Duisburg war einmal ein Mehrfachtäter. Bereits mit elf Jahren stand er „ganz oben auf der Liste der Kandidaten, denen die Polizei eine steile kriminelle Karriere vorhersagte“, so das Innenministerium NRW. Als Fünftklässler hatte der Sohn einer türkischen Arbeiterfamilie bereits mehrere Einträge in der Strafakte gesammelt. Viele Punkte in seiner Vita passen in das Muster eines Mehrfachtäters, wie aus einem Bericht des Innenministeriums zum Thema hervorgeht.

Er wuchs in einem Wohnblock im Duisburger Stadtteil Hamborn auf – schon damals war der Stadtteil auffällig. Noch im vergangenen Jahr gerieten dort Rocker der Hells Angels und Clan-Mitglieder aneinander. Dass die Freunde seines Vaters immer mal wieder im Knast waren, fand der damals Jugendliche normal. Schnell rutschte auch Ergüner selbst in die Kriminalität ab – und wurde gewalttätig: „Ich war sofort auf 180, kein Lehrer konnte mich stoppen“. Doch das sollte sich ändern.

Projekt gegen Jugendkriminalität in NRW: Kriminelle Kinder können noch die „Kurve kriegen“

Der „Rambo mit der kurzen Zündschnur“ hat sein Leben wieder in den Griff bekommen. Nach einer Teilnahme an dem Projekt „Kurve kriegen“, das straffällige Jugendliche vor einer kriminellen Karriere bewahren soll, und dutzenden Gesprächen mit Pädagogen ist Ergüner wieder auf dem rechten Weg gelangt. Er schloss sein Fachabitur ab und machte im Anschluss eine Lehre zum Berufskraftfahrer. Er hat seiner kriminellen Vergangenheit erfolgreich den Rücken gekehrt – und hilft heute selbst dabei mit, dass kriminelle Kinder und Jugendliche die „Kurve kriegen“.

Wie auch Berat Ergüner, haben Polizisten und Sozialarbeiter durch das Programm seit dem Start im Jahr 2011 bereits über 1.000 Minderjährige von der schiefen Bahn geholt – doch die Jugendkriminalität ist in vielen Städten in NRW weiterhin ein großes Problem. In Hamm terrorisierte zuletzt eine Gruppe an Krawall-Kindern die Bürgerinnen und Bürger. An einer Schule in Gelsenkirchen ging eine Jugendbande Anfang des Jahres auf regelrechte Raubzüge. Die Polizei sah sich dort gezwungen, die Ermittlungskommission König ins Leben zu rufen – eigens zur Bekämpfung der Jugendkriminalität. (mg)

Rubriklistenbild: © ImageBroker/Imago

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