Besorgniserregendes Phänomen
Immer mehr Kinder werden kriminell – Expertin warnt vor Problem in der Zukunft
Gruppen von Kindern und Jugendlichen terrorisieren Gelsenkirchen seit Monaten. Aber warum werden so junge Menschen überhaupt straffällig?
Gelsenkirchen – Raubzüge, Körperverletzungen und Bedrohungen – seit Monaten häufen sich die Vorfälle: Kriminelle Kinder und Jugendliche terrorisieren Gelsenkirchen. Die Täter sind meist in kleinen Gruppen unterwegs und oft kaum älter als 15 oder 16 Jahre. Ihre Opfer sind häufig in einem ähnlichen Alter und allein oder zu zweit unterwegs. Es passiert in Schulen, in Bussen, an Haltestellen oder einfach auf offener Straße. Ein Kind oder Jugendlicher wird angesprochen und sieht sich kurz darauf den aggressiven Tätern gegenüber, die das Handy, die Uhr oder Bargeld fordern.
In Gelsenkirchen ist es in den vergangenen Monaten so schlimm geworden, dass die Polizei sogar eine eigene Ermittlungskommission für diese Vorfälle ins Leben gerufen hat. Die „EK König“ beschäftigt sich seitdem intensiv mit diesem besorgniserregenden Phänomen – und kann regelmäßig Ermittlungserfolge präsentieren. Allein zwischen September 2022 und Januar 2023 wurden 165 Straftaten im Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität in Gelsenkirchen erfasst. Die EK König konnte davon bereits mehr als 100 klären und über 90 Tatverdächtige ermitteln. Trotzdem bleibt die Frage: Wie konnte es überhaupt so weit kommen und was macht Kinder und Jugendliche heute grundsätzlich überhaupt zu Straftätern?
Kinder- und Jugendkriminalität in Gelsenkirchen und NRW von 2021 zu 2022 stark angestiegen
Prof. Dr. Bärbel Bongartz ist Kriminologin an der IU Internationale Hochschule und lehrt dort im Zentrum für Radikalisierungsforschung und Prävention (ZRP). Auch sie beobachtet die aktuelle Entwicklung in der Kinder- und Jugendkriminalität mit Sorge. „Es scheint sich etwas in der Vehemenz und der Intensität der Taten verändert zu haben“, erklärt Bongartz im Gespräch mit wa.de. Das schlägt sich auch in der Anzahl der erfassten Fälle und Tatverdächtigen nieder. Besonders auffällig dabei: der Sprung der Zahlen in der Kinder- und Jugendkriminalität in der polizeilichen Kriminalstatistik des Bundes von 2021 zu 2022.
„2021 wurden rund 68.000 Taten von Kindern erfasst. 2022 waren es über 90.000 Taten. Das ist schon eine beachtliche und besorgniserregende Entwicklung. Da muss man natürlich genau hingucken“, betont die Professorin. Bei der Jugendkriminalität ist es ähnlich. Dort stieg die Anzahl der Taten von rund 154.000 im Jahr 2021 auf fast 190.000 im vergangenen Jahr.
Hohe Kriminalitätsrate schon Ende der 90er – aber: „Taten werden massiver“
Bongartz erklärt, dass es schon immer „Wellenbewegungen“ gab, also die Zahlen der Taten auch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten oftmals gestiegen und auch wieder gefallen seien. Es sei daher auch wichtig, bei einem Blick auf die Statistik auf die letzten 20 und nicht nur die letzten fünf Jahre zu schauen. Denn Ende der 1990er waren die Zahlen sogar noch deutlich höher als heute. Dennoch sei das Problem aktuell wieder groß. „Es ist in der Tat so, dass wir mehr Intensivtäter haben, dass die Taten massiver werden und die Zahlen von Körperverletzungsdelikten, Raubdelikten und Rohheitsdelikten angestiegen sind“, sagt Bongartz.
Nach diesen Altersgruppen sortiert die Polizei:
► Unter 14 Jahren: Kinder
► 14 bis unter 18 Jahren: Jugendliche
► 18 bis unter 21 Jahren: Heranwachsende
► Ab 21 Jahren: Erwachsene
Immer mehr kriminelle Kinder in NRW und Gelsenkirchen: Corona als Grund?
Doch was ist der Grund für den sprunghaften Anstieg der Taten? NRW-Innenminister Herbert Reul nannte im Februar 2023 bei der Vorstellung der neuen Kriminalstatistik für Nordrhein-Westfalen die Corona-Pandemie als eine der möglichen Ursachen. „Wir haben in einigen Bereichen im Vergleich zum Corona-Vor-Jahr einen Anstieg. Das, was in den Pandemiejahren nicht gemacht wurde, wurde 2022 nachgeholt – dann aber exzessiver, wilder und noch mehr davon“, sagte Reul. Könnte also die fehlende Betreuung bei vielen Kindern und Jugendlichen im Zuge der Corona-Pandemie der Hauptgrund für das Phänomen sein?
Bärbel Bongartz folgt dieser These nicht. „So einfach ist das nicht. Was hier jetzt passiert, zeigt etwas, das schon da war und das jetzt an die Oberfläche gespült wird. Das hat sich über Jahre entwickelt“, erklärt die Kriminologin. Während der Corona-Pandemie hätten zwar insbesondere Familien in strukturschwachen Gebieten weniger Möglichkeiten gehabt, um die Kinder zu betreuen, „aber dass sich das so schnell so niederschlägt, dass wir jetzt einen so starken Anstieg von Kinder- und Jugenddelinquenz haben, das glaube ich nicht“, so Bongartz weiter. „Ich denke, dass man da vorher schon nicht richtig hingeschaut und zu spät bemerkt hat, dass sich solch ein Problem entwickelt.“
Warum gibt es mehr Straftaten von Kindern und Jugendlichen in Gelsenkirchen?
Die Professorin der Internationalen Hochschule sieht vor allem andere Faktoren, die diese Entwicklung, gerade in strukturschwachen Regionen, begünstigen. „Das sind beispielsweise ‚Broken Home‘-Situationen, aber auch dauerhafte negative Erfolgserlebnisse in der Schule. Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch, der ohne Aufsicht der Eltern schon früher anfängt, kann dazu führen, genau wie straffällig gewordene Eltern oder Geschwister.“
Ein weiterer Faktor, der laut Bongartz „viel zu selten beachtet“ werde, seien zudem mögliche psychische Erkrankungen der Eltern. Auch diese hätten laut der Expertin einen großen Einfluss darauf, ob Kinder eine kriminelle Karriere einschlagen. „Grundsätzlich kann man sagen: Niedriger Lebensstandard und niedriges Bildungsniveau sind eine schlechte Kombination. Dann bleibt aber die Sozialstruktur als Grund für diese Entwicklung das Problem und nicht die Pandemie“, sagt die Professorin.
Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen – nicht nur ein Problem strukturschwacher Regionen
Bongartz betont aber auch, dass Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen keinesfalls nur ein Problem von strukturschwachen Regionen sei: „Ich finde es immer ein bisschen zu einfach, das nur mit Strukturschwäche zu erklären. Denn: In der oberen Mittelschicht guckt keiner so genau hin. Da zeigt auch kaum jemand jemanden an. Wenn da etwas passiert, dann gehen die Eltern zum Anwalt oder zum Psychiater. Wenn in strukturschwachen Stadtteilen etwas passiert, dann kommt das Jugendamt und die Polizei holt die Jugendlichen aus der Schulklasse. Wenn das in einer Schule, in der Schüler der oberen Mittelschicht sind, passieren würde, wäre da ein riesiger Aufschrei.“
Man dürfe also auch nicht unterschätzen, was in der Mitte passiert. „Nur dort gibt es ganz andere Möglichkeiten des Umgangs“, erklärt die Professorin. „Deshalb fällt es nicht so auf.“
Immer mehr Intensivtäter unter Kindern und Jugendlichen
Klar ist also: Seit über einem Jahr werden Kinder und Jugendliche vermehrt straffällig. Und die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, dass das Problem bundesweit auftritt, nicht nur in Gelsenkirchen, obwohl es da zuletzt besonders auffiel. Das Phänomen sei vielschichtig und müsse auch in dieser Komplexität betrachtet werden, sagt Bongartz. Und die Expertin ergänzt: „Da stellt sich vor allem die Frage, an welcher Stelle die Gesellschaft nicht aufgepasst hat, dass sich Persönlichkeitsstrukturen bei Kindern und Jugendlichen herausbilden, die eine solche Enthemmtheit überhaupt erst möglich machen. Und man muss mehr auf die Eltern gucken und schauen, was da eigentlich los ist.“
Besonders besorgniserregend sei außerdem, dass es immer mehr Intensivstraftäter in diesen Altersgruppen gebe. Also, dass unter Kindern und Jugendlichen die Anzahl derer steigt, die mehrfach Taten begehen. Laut Bongartz war das bislang ein relativ kleiner Teil. „Aber ich habe den Eindruck, dass diese Gruppe sich insgesamt vergrößert.“ Wie kann man nun damit umgehen? „Da braucht man passgenaue Maßnahmen und die kosten Geld. Und das muss wiederum die Politik locker machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass diese Kinder und Jugendlichen auch beim Älterwerden weiterhin straffällig werden. Denn daraus wächst man nicht einfach so raus“, erklärt Bongartz.
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