„Befehlsbunker“

Vergessener Bunker erlaubt Zeitreise in den Kalten Krieg: Lost Place unter Stadt in NRW

Ein fast vergessener Befehlsbunker liegt in der südlichen Innenstadt von Dortmund. Der Lost Place verfällt immer mehr. Doch im Innern erlebt man eine Zeitreise.

Dortmund – „Einmal waren die fast drin. Am letzten Schloss sind die erst gescheitert“, sagt Harry Lausch und verschwindet in einem dunklen Gang. „Ziehen Sie die Tür kräftig zu“, ruft er noch, als er um die Ecke biegt und auf eine große Stahltür zusteuert. „Die“, das sind Menschen, die unbefugt in Lost Places eindringen – und es auch auf den mehr oder weniger geheimen alten Befehlsbunker an einer viel befahrenen Hauptstraße in der südlichen Innenstadt von Dortmund abgesehen haben.

Lost Place unter Dortmund: Vergessener Bunker erlaubt Zeitreise in den Kalten Krieg

Lausch kümmert sich um den Bunker. Als „Stadtplaner, Stadterzähler und Bunkerwart“ stellt er sich vor. Den genauen Eingang würde er lieber nicht in den Medien lesen oder sehen wollen. Zu groß ist die Angst, dass sich Unbefugte Zugang zur Anlage verschaffen wollen. Auch den genauen Plan der Bunkeranlage soll unser Reporter besser nicht fotografieren. „Ein bisschen Geheimnis muss ja bleiben“, sagt Lausch und fährt routiniert mit dem Finger die einzelnen Räume auf der Karte an der Wand ab. Er kennt jeden Winkel.

So richtig verantwortlich fühlt sich nach seinen Angaben offenbar aber niemand mehr für den Lost Place. „Die Stadt Dortmund hat ihn von 1977 bis 1992 für ihren Krisenstab genutzt“, erzählt Lausch. Das sei in „Absprache mit dem Bund“ geschehen. Anfang der 90er aber war der Bedarf an Bunkern plötzlich nicht mehr vorhanden – der Kalte Krieg war vorbei. Der Befehlsbunker verkam zu einem Lost Place – die Räume sorgen für eine Zeitreise in die 70er.

Lost Place in Dortmund – exklusive Einblicke in einen verlassenen Bunker

Lost Place mitten in Dortmund: Der alte Befehlsbunker in der südlichen Innenstadt ermöglicht eine Zeitreise – hier spürt man noch den Kalten Krieg.
Lost Place mitten in Dortmund: Der alte Befehlsbunker in der südlichen Innenstadt ermöglicht eine Zeitreise – hier spürt man noch den Kalten Krieg.
Lost Place mitten in Dortmund: Der alte Befehlsbunker in der südlichen Innenstadt ermöglicht eine Zeitreise – hier spürt man noch den Kalten Krieg.
Lost Place mitten in Dortmund: Der alte Befehlsbunker in der südlichen Innenstadt ermöglicht eine Zeitreise – hier spürt man noch den Kalten Krieg.
Lost Place in Dortmund – exklusive Einblicke in einen verlassenen Bunker

„Das ist typisch für dieses Jahrzehnt“, sagt Lausch und lacht. In der alten Küche stehen noch Thermoskannen in Knall-Orange mit großen braunen Kreisen. Daneben kleine Schnapsgläser und eine Flasche Korn. Nach Übungen des Krisenstabs wurde hier wohl der Feierabend genossen und begossen. An den Holzmöbeln macht sich der Schimmel zu schaffen, selbst durch die FFP2-Maske riecht man die Feuchtigkeit. Der Bunker rottet vor sich hin.

Neubau mit Luxuswohnung über Bunker errichtet

Über ihm thront seit einigen Jahren ein prächtiger Neubau mit Luxuswohnungen. Beim Bau wurde der alte Befehlsbunker in Mitleidenschaft gezogen. „Als die Decke des Bunkers für das Fundament abgerissen wurde, ist Wasser in Massen in den Bunker gelaufen. Die Wände wurden feucht, der Schimmel war nicht mehr aufzuhalten“, sagt Lausch, der in dem im Frühjahr 1944 fertiggestellten Bunker zwischen 2013 und 2020 sogar knapp 500 Führungen in Zusammenarbeit mit der Stadt angeboten hat. Die Nazis hatten ihn in den letzten Jahren des Krieges als Kommandozentrale genutzt.

Der circa 1160 Quadratmeter (Außenfläche: 2500 Quadratmeter) große Bunker besteht aus knapp 30 einzelnen Räumen, darunter auch ein Sanitätsraum mit entsprechender Einrichtung – ein Traum für Lost-Place-Fans. Die größte Fläche nimmt der „Kommandoraum“ ein. Unterlagen und Telefonlisten liegen noch auf den großen Tischen, dick mit weißem Schimmel überzogen. An der Wand hängen riesige Karten – das analoge Google Maps der 1970er für Krisenfälle. Telefone stehen herum, als würden sie jederzeit klingeln. Auch ein alter Fernseher steht in einem Regal. „Der lief sogar noch vor ein paar Jahren. Komischerweise habe ich nur kein Radio hier unten gefunden“, erzählt Lausch.

Bunker könnte wohl kaum noch für Ernstfall genutzt werden

Genutzt wird freilich davon nichts mehr. Spätestens seit dem abscheulichen Überfall Russland auf die Ukraine sind Bunker zwar auch in Deutschland wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. So leicht könnte man diesen hier in Dortmund aber wohl nicht für den Ernstfall herrichten. Die Technik ist veraltet, womöglich nicht mehr funktionstüchtig. „Der Befehlsbunker war auch nie darauf ausgerichtet, große Menschenmengen gegen Luftangriffe zu schützen. Im Ernstfall sollte er lediglich als geschützte Zentrale dienen, damit die Verwaltung weiter reibungslos funktioniert hätte“, sagt Lausch.

Jetzt gerät er mehr und mehr in Vergessenheit. „Ich passe noch ein wenig hier auf, solange es geht“, sagt Lausch und schaltet die Neonröhren Raum für Raum aus. Die 70er verschwinden in der Dunkelheit. Raus durch die große Stahltür, ein paar Schritte um die Ecke und frische Luft strömt in die Nase.

Lausch schließt die Tür mit einem Ruck – und von außen erkennt kaum noch einer, was dahinter liegt: Eine verborgene Unterwelt mitten in Dortmund.

Rubriklistenbild: © Marvin K. Hoffmann

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