Krieg und Frieden

Es herrscht akuter Bunker-Mangel: NRW steht schutzlos da

Stellen Sie sich vor, es ist Krieg - aber niemand ist geschützt. So wäre es im Fall aller Fälle in Nordrhein-Westfalen. Es gibt keine einsatzbereiten Bunker im Westen.

Bonn/Hamm – Krieg ist schrecklich. Kein normal fühlender Mensch möchte dessen Grauen erleben – und doch müssen das Land Nordrhein-Westfalen sowie die Bundesregierung sich mit ihm auseinandersetzen, sich für den Ernstfall vorbereiten. Jetzt ist klar: Die Menschen in NRW wären einem feindlichen Bombenhagel schutzlos ausgeliefert – es gibt schlichtweg keine einsatzbereiten Bunker mehr. Die bundesweit zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) reagiert.

48 Schutzräume mit sogenannter Zivilschutzbindung existieren in Nordrhein-Westfalen

Landesweit würden zwar noch 48 Schutzräume mit sogenannter Zivilschutzbindung existieren und die Eigentümer müssten sie im Krisenfall bereitstellen, damit der Bund sie in Bunker umwandeln kann. Aber: Auch diese Räume seien „in der Tat nicht einsatzbereit“. Hintergrund ist laut BImA die 2007 vom Bund und den Ländern einvernehmlich getroffene Entscheidung, das bisherige Schutzbaukonzept einzustellen und Bunkerräume aus der Zivilschutzbindung zu entlassen.

Der völkerrechtswidrige russische Angriffskrieg in der Ukraine, der viele unschuldige Opfer fordert, hat die Bunker wieder ins Bewusstsein der deutschen Bevölkerung gerückt. Experten seien nach dem Ende des Kalten Krieges von einem Schadenszenario ohne Vorwarnzeit ausgegangen, daher hätten Schutzräume der Bevölkerung keine ausreichende Sicherheit bieten können, hieß es zur Erläuterung bei der Bundesanstalt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Mittlerweile steigt aber wieder die Angst vor konventionellen Waffen wie Bomben und Splittergranaten – die der Kampfmittelräumdienst in NRW noch regelmäßig entschärfen muss.

Bundesinnenministerium möchte alte Bunker wieder funktionstüchtig machen

Das Bundesinnenministerium hat daher bereits zu Kriegsbeginn reagiert und die beiden Bundesanstalten angewiesen zu prüfen, ob und mit welchem Aufwand die Bunker mit Zivilschutzbindung wieder funktionstüchtig gemacht werden könnten. Die gute Nachricht: Eine Reaktivierung sei laut BImA möglich. Dauer und Kosten hingen dabei vom verlangten Schutzniveau ab. Die Experten unterschieden zwischen vier Schutzniveaus: vom Trümmer- und Splitterschutz als geringstem bis hin zum Schutz auch vor atomaren Gefahren. Genauere Angaben seien derzeit noch nicht möglich, da die Auswertung laufe.

Die potenziellen Schutzräume verteilen sich über ganz Nordrhein-Westfalen:

  • 18 befinden sich im Regierungsbezirk Düsseldorf.
  • 12 befinden sich im Regierungsbezirk Arnsberg.
  • 10 befinden sich im Regierungsbezirk Köln.

Die bundesweit festgestellten knapp 600 Schutzräume in Zivilschutzbindung reichten aber ohnehin bei weitem nicht für einen flächendeckenden Bevölkerungsschutz, sagte die Bunkerexpertin und Leiterin des Dokumentationszentrums im einstigen „Regierungsbunker“ im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler, Heike Hollunder.

In einer NRW-Stadt standen einst 1.300 Luftschutzanlagen

Beispiel Essen: Die wegen der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg massiv bombardierte Industriemetropole hatte nach Angaben der Stadt einst rund 1300 Luftschutzanlagen. Die meisten Bunker seien inzwischen stillgelegt und verfüllt. Von 19 Hochbunkern befänden sich nur noch zwei in städtischem Eigentum und auch diese seien nicht mehr intakt, erklärte die Stadt.
Der in den 1960er-Jahren gebaute Bunker für die NRW-Landesregierung in Urft in der Eifel ist ebenfalls schon lange Geschichte: Bereits 1993 hatte das Land ihn als Ausweichsitz für Krisenzeiten aufgegeben. Er wurde an einen privaten Geschäftsmann verkauft und 2009 als Dokumentationsstätte neu eröffnet.

Der Schützenhof-Bunker in Münster ist außerdem gleichzeitig ein Zeitdokument und Beleg dafür, wie viele bauliche Eingriffe ein Denkmal verträgt. Mittlerweile befindet sich der 61 Meter lange, 14,5 Meter breite und 9,80 Meter hohe Beton-Koloss in Privatbesitz und beherbergt Wohnungen. – maho/dpa

Rubriklistenbild: © Felix Kästle/dpa

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