Stille Helden

Kampfmittelräumdienst „in der Todeszone“: Zahlreiche Bombenfunde in NRW

Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt. Sein Team und er entschärfen nahezu täglich in NRW Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg.
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Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt.

Der Kampfmittelräumdienst rückt an, wenn in NRW Bomben aus dem Weltkrieg gefunden werden. Ein Handgriff entscheidet bei Entschärfungen über Leben und Tod.

Hagen – „Nach fest kommt ab“, hat mir mein Vater über viele Jahre des gemeinsamen Schraubens in der Garage eingebläut. Bloß nicht zu fest drehen, bloß nicht zu weit. Ärgerlich wäre so ein Fehler, tödlich nicht. Anders aber bei Karl-Friedrich Schröder und seinen Kollegen vom Kampfmittelräumdienst Westfalen-Lippe. „Eine Viertelumdrehung bei diesem Zünder und die Bombe geht hoch“, sagt er im Gespräch mit wa.de, hält dabei ein Teil aus längst vergangen geglaubten Tagen in der Hand. 250 Kilogramm Sprengstoff würden zünden, vom Entschärfer wäre nichts übrig. Die Explosion würde er wahrscheinlich schon gar nicht mehr hören. Es ist ein Beruf, der bedrohlich anders ist – und doch irgendwie so ganz technisch normal.

Kampfmittelräumdienst wird noch viele Jahre lang Bomben und Blindgänger in NRW finden

Die Zentrale des Kampfmittelräumdienstes der Bezirksregierung Arnsberg befindet sich in einer unscheinbaren Seitenstraße in Hagen unweit der A1. Ein weißes, zweistöckiges Gebäude mit einem kleinen Hof. Zwei größere Garagen, fast Lagerhallen, grenzen an. „Wir platzen aber aus allen Nähten“, sagt Schröder.

Wer meint, dass die Aufgaben des Kampfmittelräumdienstes mit jeder Bombenentschärfung in NRW abnehmen, der irrt. „Tausend Jahre vielleicht noch? Keine Ahnung“, antwortet Schröder auf die Frage, wie lange man im Westen noch Bomben aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg bergen muss. Dabei suchen er und seine Mitstreiter schon lange gezielt nach Blindgängern im Boden.

Ihnen helfen alte Luftbilder der Alliierten. „Wenn irgendwo Baugrund erschlossen wird, sichten wir die Bilder und gucken, ob Blindgänger im Erdreich schlummern können“, sagt Schröder. Sondierungsbohrungen und andere Techniken, die Drittfirmen durchführen, können ebenfalls Aufschluss darüber bringen, ob der Kampfmittelräumdienst anrücken muss. Lediglich 20 Prozent der Bombenfunde in NRW seien Zufallsfunde. Das Aufgabengebiet des Kampfmittelräumdienstes gliedert sich nämlich in vier Teile:

  • Kriegsluftbildauswertung
  • Kampfmitteldetektion/-ortung
  • Kampfmittelräumung
  • Kampfmittelvernichtung/endgültige Beseitigung

Unzählige Bomben, Granaten und andere Dinge hat Karl-Friedrich Schröder schon aus dem Boden geholt und entschärft. „Vor zehn Jahren habe ich bei 200 Bomben aufgehört zu zählen“, sagt er. Die erste Liebe würde man nicht vergessen, die erste Bombe schon. Nächstes Jahr ist Schluss bei ihm, dann geht er in Rente.

Bomben sollen Menschen töten – doch der Kampfmittelräumdienst in NRW bleibt gelassen

Ob er den Adrenalinkick nicht vermissen wird? „Welchen Adrenalinkick?“, lautet die nüchterne Replik. Schröder hat jeden Tag mit Gerätschaften zu tun, die nur zu einem einzigen Zweck entwickelt worden: Menschen in Stücke zu reißen und Leben auszulöschen. Doch er wirkt gelassen, wenn er von einer Entschärfung erzählt.

„Ich habe eine technische Aufgabe – und dann überlege ich, wie wir die lösen können. Wenn ich Bedenken habe, dass eine Entschärfung nicht klappt, lege ich eine Drei-Kilo-Sprengladung auf, und dann wird das Ding weggejagt – auch wenn etwas kaputtgeht. Aber ich habe ja nur ein Leben“, sagt Schröder. Den letzten Todesfall habe es beim Kampfmittelräumdienst daher auch zuletzt in den 1950er Jahren gegeben.

Sprengstoff, Zünder und Bomben – zu Besuch beim Kampfmittelräumdienst

Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt. Sein Team und er entschärfen nahezu täglich in NRW Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg.
Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt. Sein Team und er entschärfen nahezu täglich in NRW Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg.
Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt. Sein Team und er entschärfen nahezu täglich in NRW Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg.
Karl-Friedrich Schröder vom Kampfmittelräumdienst hat wa.de-Reporter Marvin K. Hoffmann die verschiedenen Zünder und Bomben erklärt. Sein Team und er entschärfen nahezu täglich in NRW Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg.
Sprengstoff, Zünder und Bomben – zu Besuch beim Kampfmittelräumdienst

„Wenn wir ein Kampfmittel haben, müssen wir genau wissen, um welches es sich handelt, wie der Zünder aussieht, wie er funktioniert“, erklärt Schröder. Erst wenn die Entschärfer vom Kampfmittelräumdienst sich bei einem Bombenfund sicher sind, womit sie es zu tun haben, leiten sie die nächsten Schritte ein.

Entschärfer vom Kampfmittelräumdienst müssen bei Bomben und Blindgängern die Zünder erkennen

Ausgerüstet mit verschiedenen Entschärfungsgeräten machen sie sich tief in der Erde unter widrigen Bedingungen ans Werk. „Die Bombe liegt meistens circa sechs Meter tief in einem Loch. Die Lichtverhältnisse sind nicht optimal, oft haben wir noch mit Grundwassereinbruch zu kämpfen, und alles ist schlammig“, erzählt der technische Einsatzleiter des Kampfmittelräumdienstes.

„Es gibt Zünder, die sind harmlos – und dann gibt es richtig böse Sachen“, meint Schröder. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zünder verdreckt oder deformiert sind. „Viele Unterschiede kann ich ertasten. Manchmal hat man aber auch Exoten dabei, da muss man schon recherchieren“, sagt Schröder. Im Grunde gibt es zwei Arten von Zündern:

  • Aufschlagzünder: Sie sollen die Bombe beim Aufschlag auf den Boden oder ein Zielobjekt zur Detonation bringen. Blindgänger mit Aufschlagzünder sind in der Regel leichter zu entschärfen.
  • Zeitzünder: Bei einem Langzeitzünder steht der Schlagbolzen unter Spannung und will nach vorne gehen. Dazwischen ist eine Ampulle mit Aceton – also Nagellack-Entferner. Der Schlagbolzen selbst ist durch Zelluloid gesichert. Wenn die Ampulle zerstört wird, löst sich das Zelluloid auf, und der Bolzen schlägt ein. Aufgrund von Alterungsprozessen und anderen äußeren Einwirkungen bergen diese Zeitzünder beim Entschärfen die größte Gefahr – sie können jederzeit hochgehen. Je länger sie im Erdreich schlummern, desto gefährlicher werden sie.

Es klingt so einfach wie schwer. „Wir verdienen Geld im Handumdrehen“, sagt Schröder und lacht. Mit der Zange sind die Entschärfer höchstens bei jeder dritten Bombe am Werk, in den häufigsten Fällen greifen sie auf eine Raketenklemme zurück. Dabei handelt es sich um pyrotechnisch angetriebenes Schraubwerkzeug, das den Zünder des Blindgängers schnell herausdreht. Andere mechanische Hilfsmittel kommen ebenfalls zum Einsatz, um eine Fernentschärfung aus der Deckung heraus zu ermöglichen. Wenn es die Gegebenheiten vor Ort zulassen, setzt der Kampfmittelräumdienst in NRW ein mehrere Hunderttausend Euro teures Wasserstrahlschneidgerät ein, das den Zünder unschädlich macht. „Das funktioniert immer, wenn es angebracht werden kann. Die Bomben sind die alten, aber unsere Technik hat sich weiterentwickelt“, sagt Schröder.

Wenn der Blindgänger nicht entschärft werden kann, wird er kontrolliert gesprengt

Manchmal ist allerdings eine kontrollierte Sprengung der Blindgänger unvermeidlich. Schröder und seine insgesamt 20 Kollegen vom Kampfmittelräumdienst der Bezirksregierung Arnsberg versuchen dann, den Schaden so gering wie möglich gehalten. Sie bringen sogenannte Wirkungsdämpfungsmaßnahmen auf wie etwa Sand. „Dabei bewegen wir uns noch sehr lange in der Todeszone. Wir gehen ein Risiko ein, damit andere Leute keine Schäden haben – trotzdem hagelt es Kritik“, ärgert sich der gelernte Feuerwerker und zieht einen schönen Vergleich: „Wer würde denn in sein Büro gehen, wenn er nicht wüsste, ob er lebend wieder herauskommt? Von uns erwartet man das aber – und wehe, es geht mal eine Scheibe kaputt…“

Schröder und seine Entschärfer sind stille Helden. Sie erledigen ihren Job im Hintergrund, ohne viel Aufhebens. Eine Forderung hat er aber: „Wir empfehlen bei Entschärfungen immer Evakuierungsmaßnahmen. Da habe ich die Bitte an unsere Mitmenschen: Verlasst eure Häuser. Wir sind auch froh, wenn wir so eine Entschärfung endlich hinter uns haben – und die Verzögerungen kosten Nerven“ – und mit denen ist selbst ein Mann, der fast täglich mit todbringenden Gerätschaften aus den großen Weltkriegen hantiert, irgendwann am Ende.

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