Vortag von Dr. Harald Friedrich

Grubenwasser-Protest zieht Kreise: Volles Haus beim Arbeitskreis in Rünthe

Werner Engelhardt, Sprecher des AK-Grubenwasser, war erfreut über die Resonanz auf die Veranstaltung. Gut 100 Teilnehmer waren in die Rünther Mensa gekommen.
+
Werner Engelhardt, Sprecher des AK-Grubenwasser, war erfreut über die Resonanz auf die Veranstaltung. Gut 100 Teilnehmer waren in die Rünther Mensa gekommen.

Gut 100 Teilnehmer wollten wissen und diskutieren, was Dr. Harald Friedrich über die Risiken der Wiedereinleitung von Grubenwasser in die Lippe referierte.

Rünthe – Es hängt am Geld und am Ende an den Gerichten, wie viel gefährliche Fracht in ein paar Jahren mit dem Grubenwasser wieder in die Lippe gelangt. Wenn sich aus den zweieinhalb Stunden breiter Diskussion zum Auftritt von Dr. Harald Friedrich beim Arbeitskreis Grubenwasser eine Essenz destillieren lässt, dann diese.

Besonderer Fokus auf PCB

Zu den Umweltrisiken der künftigen zentralen Grubenwasserhebung am Schacht Aden 2 für die Wasserprovinz Ost (Hamm bis Dortmund) sollte der in Abfall- und Abwasserfragen beschlagene Biochemiker am Mittwochabend sprechen, speziell mit dem Blick auf das hochgiftige PCB in zig Tonnen unter Tage belassener Hydrauliköle und betriebsbedingten Belastungen der allmählich volllaufenden Grubenbaue.

Zweifel an RAG-Position bestärkt

Der als besonders kritisch und unbeugsam beschriebene Experte bestärkte die gut 100 Zuhörer in der Haltung, der Argumentation der RAG zu den Grenzen der PCB-Analytik und Filtration keinen Glauben zu schenken: „Das sind angebliche Probleme. Es gibt wirksame und pragmatische Methoden, das zu lösen.“ Nur seien die eben teuer und würden gescheut.

Übers giftige PCB kam Dr. Harald Friedrich aufs Grundsätzliche im Umgang mit dem Bergbau. Der sei interessengeleitet.

Die PCB-Beseitigung über Aktivkohlefilter sei gängige Technik, die Entsorgung der Rückstände über Verbrennung ebenso. Die Stiftung fürchte aber den dauerhaften Energiebedarf dieser Aufgabe für alle Ewigkeit. Das gelte auch für die gebotene Entsalzung.

Salzfracht über Grenzwert

Die Betrachtung der 18 Millionen Kubikmeter in 2002 von Haus Aden eingeleiteten Grubenwasser habe eine Belastung von 360 000 Tonnen Chlorid ergeben. Die Bestandsmeldung des Landes zur Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) habe 2005 einen Schnitt von 300 bis 400 Milligramm pro Liter ausgewiesen. Obergrenze seien aber 200 Milligramm pro Liter. Das ließe erwarten, dass die verbindliche EU-Norm auch bei der Wiedereinleitung überschritten werde. Die Pumpen stehen seit vier Jahren, weil der Wasserpegel ansteigen soll.

Wirtschaftliche Interessen vorrangig

Überhaupt sei der gesamte Nachbergbau über wirtschaftlichen Gesichtspunkten vereinbart worden, referierte Friedrich. Und das reiche weit zurück: 2006 verständigten sich der Bund, die Bergbau-Länder NRW und Saarland mit der RAG über die Szenarien und vereinbarten im Grundsatz, das Grubenwasser steigen zu lassen unter späterer Beurteilung der einzelnen Maßnahmen. „Das haben aber Wirtschaftsprüfer untersucht, keine Ingenieure.“

Sorge um Trinkwasserreservoir

Aus der KPMG-Studie zu den Folgekosten resultierten diese Maßnahmen. Die RAG habe sich zur Wasserhaltung mit Pumpen entschieden, weil sie die Verunreinigung von Trinkwasserschichten fürchte, hier die Halterner Sande samt Tonbarriere bis in -300/400 Metern Tiefe.

Untertagepegel soll ansteigen

Aktuell ist es der RAG gestattet, das Wasser an Aden 2 bis -600 Meter steigen zu lassen, die Anlage fürs Heben fehlt bekanntlich noch. Zum Jahresende will die RAG beantragen, das Wasser bis -380 Meter steigen zu lassen. Das würde noch Jahre dauern. Für die Einleitung in die Lippe braucht es eine Wasserrechtliche Genehmigung samt Umweltverträglichkeitsprüfung. Die soll im zweiten Quartal 2024 beantragt werden. Dann sind die Umweltbehörden mit der Bewertung der Risiken und Gegenmaßnahmen am Zug.

Unmut über Haltung der RAG

Die bestehenden oder im Bau befindlichen Anlagen haben Reinigungsanlagen. Die RAG sagt selbst, dass sie davon ausgeht, in Bergkamen mindestens eine Enteisenung vornehmen zu müssen und hält einen Standort für die Aufbereitung vor. Dass sie darüber hinaus nicht von sich aus angeht, was aus Sicht der Kritiker geboten und zu verlangen ist – etwa bei der PCB- und Salzbeseitigung – löste den größten Unmut aus.

„Von Politik nichts zu erwarten“

„Von der Politik und den Verwaltungen werden Sie nicht viel erwarten können“, gab Harald Friedrich auf entsprechende Beiträge zurück. „Die sind mit der Rahmenvereinbarung von 2006 Vertragspartner der RAG und werden das nicht brechen.“ Gerichte seien das einzig mögliche Korrektiv. Die einzuschalten sei aber aufwendig. „In EU-Verfahren haben sie nur für die Beschwerde fünfstellige Anwaltskosten, und Gutachten brauchen Sie auch noch. Da muss David schon viel Geld haben, um Goliath unter der Achsel auch nur zu kitzeln.“

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare