Antrag auf Lippeeinleitung

Entlastung für Lippe: RAG will Grubenwasser deutlich höher steigen lassen

In beeindruckenden Dimensionen wird über den Startschacht auf dem Zechengelände mit der Vortriebsmaschine die Verbindung zur Lippe aufgefahren. 3,20 Meter Durchmesser, 340 Meter Länge, 14 Meter Tiefe.
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In beeindruckenden Dimensionen wird über den Startschacht auf dem Zechengelände mit der Vortriebsmaschine die Verbindung zur Lippe aufgefahren. 3,20 Meter Durchmesser, 340 Meter Länge, 14 Meter Tiefe.

2025, mit Erreichen der 650-Meter-Marke, sollte die Zentrale Wasserhaltung mit der Hebeanlage am Schacht Aden 2 starten. Nun sind 380 Meter das Ziel. Das soll die Lippe entlasten.

Bergkamen – Das Grubenwasser um die ehemaligen Bergkamener Zechen soll nach den Plänen der Ruhrkohle AG deutlich höher ansteigen, als die genehmigten 650 Meter unter Tage. Noch in diesem Jahr will das Unternehmen bei der Bergbehörde beantragen, die Zielmarke für das Abpumpen mit der geplanten Hebeanlage am umgebauten Schacht Aden 2 für die „Wasserprovinz Haus Aden“ zwischen Hamm und Dortmund zu ändern.

Wo einst der Schatten des Schachtgerüsts auf die Siedlung an der Rotherbachstraße fiel, entsteht nun die Grubenwasserhebeanlage. Mit einer Vortriebsmaschine wurde in 14 Metern Tiefe zuerst ein neuer Hochwasserablauf unter dem Schifffahrtskanal bis vor die Lippe aufgefahren, die Maschine dann kürzlich für die Röhre neu angesetzt, durch die Grubenwasserleitungen verlegt werden. 2025 soll die Verbindung fertig sein.

Das hat Werner Grigo, Leiter des Genehmigungsmanagements des Unternehmens, im Gespräch mit der WA-Redaktion mitgeteilt. Zugleich kündigte der Ingenieur an, dass der Antrag auf die – seit 2019 ausgesetzte – Einleitung des Grubenwassers in die Lippe im zweiten Quartal des kommenden Jahres gestellt werden soll.

Dieses Verfahren wird zwar in Regie des Bergamtes mit eigenem Rechtskreis, aber maßgeblich nach dem Wasserrecht in originärer Zuständigkeit der Umweltbehörden beim Kreis und beim Land geführt. Das verlangt am Ende eine volle Benehmensherstellung der Behörden.

Um Schacht Aden 2 erstreckt sich die „Wasserprovinz Ost“ im Geflecht der Gruben. Über elf Lotungstellen werden die Pegel gemessen, hier der Stand Juli ‘22. Quelle: Bezirksregierung Arnsberg

Diese Verfahrenseröffnung liegt hinter den ursprünglichen Ankündigungen und wird wegen offener Fragen zur Umweltproblematik mit Spannung erwartet. Der Kreis Unna (als Untere Wasserbehörde) und die Stadt Bergkamen haben sich mit Resolutionen vorsorglich klar für eine möglichst saubere Lösung positioniert.

Forderung: Filtration des Ultragifts PCB

Insbesondere die Forderung nach einer Filtration der Rückstände des besonders giftigen PCBs steht für diese Thematik. Darauf fokussiert sich auch die Kritik anderer Gruppen wie etwa dem „Arbeitskreis „Wohnen + Leben Bergkamen“ und der von ihm initiierten neuen Arbeitsgruppe „Saubere Lippe“.

RAG will Dialog suchen

Mit welchen Umweltbelastungen und entsprechenden Gegenmaßnahmen das Trockenhalten der Bergbauregion über das ehemalige Bergwerk Haus Aden – unter der dort entstehenden Wasserstadt hindurch – einhergehen soll, wird sich in diesem Verfahren erweisen und öffentlich erörtert. Die RAG begrüße die Transparenz durch die Beteiligungsverfahren, sagte Grigo und bot einen weitergehenden Austausch an: „Wir kommen gern auch zu Gesprächen mit dem Kreis, der Stadt oder Vertretern der Initiativen.“

Mehr Informationen

www.grubenwasser-steinkohle-nrw.de

www.bra.nrw.de/energie-bergbau/bergbaufolgen/grubenwasseranstieg

Dass es ohne die – vom Kreis konkret geforderte – großtechnische Anlage zur Behandlung des Grubenwassers nicht geht, ist den RAG-Verantwortlichen klar. In Ibbenbüren und im Saarland sind solche Anlage im Bau. Unabhängig von der PCB-Problematik bringt das Wasser aus der Tiefe schädliche Frachten mit sich, die beseitigt werden müssen.

Beim höheren Pegel wenige Schadstoffe

Hier liegt nach den Ausführungen von Werner Grigo der wesentliche Nutzen eines höheren Grubenwasserspiegels. Die Chloridfracht beispielsweise, also die ausgewaschenen Salze, würde sich nach den eingeholten Expertisen um 55 Prozent gegenüber der vormaligen Grubenwasserförderung auf der 940-Meter-Sohle reduzieren, wenn das Wasser erst bei 380 Metern gehoben werde.

Im Zielschacht vor der Lippe zerlegen Arbeiter die Maschine für den Rücktransport zum Startschacht. 

Diese Option ist bereits mit der Genehmigung des 650-Meter-Niveaus als Prüfauftrag über den Abschlussbetriebsplan eröffnet. Dem sei die RAG nachgekommen, so Grigo. Der Abgleich mit anderen Risiken, die in jeweiligen Fachgruppen über ein integrales Monitoring beurteilt werden – etwa Trinkwassergewinnung, Erschütterungen, verstärkte Methan-Ausgasung, obertägige Vernässungen – habe gezeigt, dass die 380-Meter-Marke mehr Vorteile bringe.

Mit Hüllrohren aus Kunststoff wurden beim Verfüllen des Schachts die Vorkehrungen für das spätere Herablassen der Pumpen getroffen.

Der Effekt betreffe auch andere Schadstoffe sowie Schwebstoffe, den ausgeschwemmten Staub quasi. Letztere sind für die Senkung des PCB-Gehalts relevant. Denn das Gift, das als Bestandteil brandsicherer Hydrauliköle in die Gruben gelangte, wird wesentlich als Anhaftung solcher Teilchen transportiert. Je weniger davon an die Oberfläche gelangen, weil sie sich in den langsam volllaufenden Gruben absetzen, umso besser.

Teil des PCB kann beseitigt werden

„Da wir auf jeden Fall eine Enteisenungsanlage benötigen und andere Stoffe über Absetzbecken herausholen, beseitigen wir auf diesem Weg zugleich das damit verbundene PCB“, erläuterte Grigo weiter. Das Gift selbst sei hier kaum zu fassen, wie die Versuche mit der mobilen Pilotanlage in Bergkamen und in Ibbenbüren gezeigt hätten. Danach hieß es, die PCB-Anteile seien kaum messbar, die Wirkung der Anlage nicht zu beurteilen. Daran müsse aber gearbeitet werden.

Forschung arbeitet an besserer Analytik

Das hat die RAG bei der Wissenschaft veranlasst. Grigo: „Wir haben zur PCB-Analytik eine Promotion auf den Weg gebracht.“ Der Zwischenstand der Forschung sei vielversprechend, die Arbeit werde bald veröffentlicht und die Maßstäbe ändern. Ob und wann dies eine Ergänzung der Behandlungsanlage um eine PCB-Filterung nach sich ziehe, bleibe abzuwarten. Die RAG sehe sich dem im Zuge der Ewigkeitsaufgaben verpflichtet, Richtwerte gebe es hier aber nicht.

Bergkamen wird nach dem Grubenwasserkonzept für NRW der einzige Ort sein, an dem noch in die Lippe entwässert wird. Westlich der Dortmunder Zeche Hansa, die der „Provinz Aden“ zugeschlagen ist, soll das Wasser unter Tage ablaufen, bis es am Schacht Lohberg in den Rhein abgeschlagen wird.

Mit Hüllrohren aus Kunststoff wurden beim Verfüllen des Schachts die Vorkehrungen für das spätere Herablassen der Pumpen getroffen.

Der Kreis Unna hat gefordert, gemäß der EU-Gesetzgebung (Wasserrahmenrichtlinie) diese Alternative zwingend zu prüfen. Nämlich einen Übertritt des hiesigen Grubenwassers in die Nachbarprovinz „Carolinenglück“. Dazu Werner Grigo: „Das ist technisch nicht machbar. Mir ist unterhalb der 380-Meter-Marke keine gesicherte Übertrittsstelle bekannt.“ Verbindungen noch höher unter der Tagesoberfläche dafür zu nutzen, stelle für die ca. elf Millionen Kubikmeter jährlich keine verlässliche Lösung dar und berge andere Risiken.

Kanäle vom Schacht zur Lippe in Arbeit

Deswegen wird nach Verfüllung des Adener Schachts samt Umbau zum Brunnen gemäß bergrechtlicher Genehmigung an der neuen Verbindung zur Lippe gearbeitet. Unter dem Wasserstadt-Areal und dem Datten-Hamm-Kanal hindurch werden in 14 Metern Tiefe zwei Kanäle aufgefahren. Eine 340 Meter lange Röhre von 3,20 Metern Durchmesser für einen neuen Hochwasserabschlag hat das Team mit der Vortriebsmaschine fertiggestellt. Nun wird am Schacht für die zweite mit 2,80 Metern Durchmesser neu angesetzt. Darin sollen später zwei Rohre (600 Millimeter Durchmesser) fürs Grubenwasser und andere Leitungen verlegt werden. Die Fertigstellung ist für 2025 gesetzt.

Monströse Technik: Das Schneidwerk der Vortriebsmaschine

Die RAG-Verantwortlichen gehen aber davon aus, dass die Hebeanlage später zum Einsatz kommt, als mit zeitlichen Sicherheitsaufschlägen prognostiziert und bisher benannt. Das Wasser steigt langsamer als in den Szenarien für eine zwingende „Annahme“, so der Fachbegriff, bei 650 Metern dargelegt. Derzeit liegen die hiesigen Pegel um 850 Meter, seit dem Abschalten der Pumpen vor vier Jahren beträgt der Anstieg um die 90 Meter.

Sollte sich die Ruhrkohle mit dem Antrag auf das 380-Meter-Niveau durchsetzen können, wird noch viel Wasser durch die Lippe fließen, ehe das aus der Grube untergemischt wird. „Der Anstieg dauert dann fünf Jahre länger“, so Werner Grigo. „Dann benötigen wir die Anlage erst zum Ende dieser Dekade.“

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