Vom Esstisch verschwunden

Aus Großmutters Küche: Diese Gerichte mag kaum noch jemand

Gebackene Rinderzunge auf Holzbrett
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Rinderzunge war einst ein echtes Festtagsgericht und galt in bürgerlichen Haushalten als besondere Delikatesse. Die Zunge wurde stundenlang gepökelt und gekocht, anschließend sorgfältig gehäutet und in einer aromatischen Madeira- oder Sardellensoße serviert. Heute scheitert die Zubereitung meist schon am Anblick des rohen, unverkennbar zungenförmigen Fleischstücks in der Metzgertheke. In deutschen Supermärkten ist Rinderzunge kaum noch zu finden.
Basler Mehlsuppe.
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Die Mehlsuppe (auch Einbrennsuppe genannt) besteht aus Butter, Mehl und Brühe oder Wasser, die zu einer sämigen, schlichten Suppe verrührt werden. Gewürzt wurde mit Salz, Muskat und manchmal Röstzwiebeln. Kein Protein, kaum Gemüse – diese Suppe war das, was auf den Tisch kam, wenn buchstäblich nichts anderes da war. In Wohlstandszeiten hat sie absolut keine Überlebenschance mehr.
Homemade brawn with salt, spices, herbs and vegetables sülze aspik schweinskopfsülze
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Sülze ist Fleisch, meist vom Schweinekopf oder anderen Resten, das in Aspik (Gelee aus Knochen) eingebettet und kalt serviert wird. Früher war sie eine clevere Methode, das ganze Tier zu verwerten und nichts wegzuwerfen. Der wabbelige Anblick und die ungewöhnliche Konsistenz machen sie für heutige Essgewohnheiten kaum noch attraktiv. Wer heute Sülze bestellt, erntet in der Regel schräge Blicke.
Ein Top-Down-Foto einer rustikalen, dampfenden Graupensuppe in einer tiefen, weißen Schale. Die Suppe ist mit frischer Petersilie garniert, daneben ein Esslöffel und frisches Gemüse, wie Kartoffeln und Zwiebel.
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Graupen, das sind entspelzte, polierte Gerstenkörner, waren jahrhundertelang ein Grundnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerung. Der zähe, klebrige Graupensuppen-Eintopf, oft mit Schweinebauch und Wurzelgemüse, war günstig, sättigend und lange haltbar. Heute sind Graupen in deutschen Küchen seltener zu finden.
schweinehirn,brägen  mit Gurken
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Hirn mit Ei: In Österreich auch „Geröstetes Hirn“, in Bayern teils als „Hirnröster“ bekannt, ist ein schnelles Pfannengericht aus Kalbs- oder Schweinehirn, das in Butter angebraten und mit verquirlten Eiern gestockt wird. Verwandte Gerichte wie Hirnpalatschinken oder Hirnschöberlsuppe zeigen, wie selbstverständlich das Zutun von Hirn in der traditionellen Küche war. Seit der BSE-Krise in den 1990er-Jahren ist Rinder- und Kalbshirn in der EU für den Verzehr faktisch vom Markt verschwunden – das Gericht also gleich mit.
Pork heart goulash Pork heart goulash Herz-Gulasch
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Rinderherz ist reines Muskelfleisch ohne typischen Innereiengeschmack – trotzdem traut sich kaum jemand mehr ran. Als preiswertes Gulasch zubereitet, war es in der Nachkriegszeit und im DDR-Alltag ein häufiges Sonntagsgericht. Heute findet man Rinderherz in Deutschland kaum noch beim Metzger.
Leckere schwarze Blutwurst oder Blutwurst mit Gewürzen und Kräutern
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Ob Grützwurst, Blutpfannkuchen oder „Tote Oma“ – viele fast vergessene Gerichte haben eines gemeinsam: Sie basieren auf Blut oder Innereien vom Schwein, die bei der Hausschlachtung anfielen und vollständig verwertet wurden. Bei der „Toten Oma“ wird Grützwurst zu einem dunklen, breiigen Brei gerührt, der Blutpfannkuchen enthielt frisches Schweineblut direkt im Teig. Mit dem Ende der Hausschlachtung und dem Beginn des Wohlstands verschwanden diese Gerichte nach und nach vom Tisch. Heute wirken sie auf die meisten Menschen eher wie eine Mutprobe als wie eine Mahlzeit.
Schwäbische Küche, Saure Nierle mit Petersilienwurzel-Kartoffelpüree, Kartoffelbrei, Innereien, Schweinenieren
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Nieren galten einst als Delikatesse und wurden regelmäßig in der deutschen Küche verarbeitet. Schweinenieren werden meist halbiert, von Fett und Harnröhren befreit und in einer kräftigen Rahm- oder Senfsoße geschmort. Der intensive, charakteristische Eigengeruch beim Braten und das Wissen um das Organ machen sie für viele Menschen heute ungenießbar.
Ein traditioneller Teller für zwischendurch in Florenz: Kutteln, gekochter Pansen.
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Kutteln sind der gesäuberte und gekochte Rinderpansen, also ein Teil des Magens. Einst ein günstiges Alltagsgericht in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, sind sie heute selbst unter überzeugten Fleischessern kaum noch gefragt. Der intensive Eigengeruch beim Kochen und die gummiartige Textur haben das Gericht aus den Küchen moderner Haushalte verdrängt.
Recipe of sweetbread and lamb kidney with cocoa, leek whistles with almonds and oranges, Lammbries
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Kalbsbries (die Thymusdrüse des Kalbs) war einst eine geschätzte Delikatesse der gehobenen bürgerlichen Küche und stand in keinem Verhältnis zum Image heutiger Innereien. Das zarte, cremig-milde Fleisch wurde klassisch in Butter geschwenkt, paniert oder in feinen Saucen geschmort serviert. Auch Lammbries war in der traditionellen Küche keine Seltenheit, geriet aber noch früher in Vergessenheit als sein bekannterer Verwandter. Seit dem Rückgang der Hausschlachtung und dem wachsenden Unbehagen gegenüber Organfleisch ist Bries selbst in der Gastronomie zur Rarität geworden. Wer es heute noch kaufen möchte, muss es beim Metzger vorbestellen, im Supermarkt sucht man es vergeblich.
  • Nadja Spielvogel
    VonNadja Spielvogel
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Sülze, Kutteln, Graupensuppe: Nicht jedes Gericht übersteht den Wandel der Zeit. Manche landen still und leise in der Vergessenheit.

Vergessene Küche: Was früher alltäglich war

Was sich heute viele Menschen kaum noch vorstellen können, war für frühere Generationen völlig normal: Kutteln, Nieren oder Herzfleisch gehörten zum alltäglichen Speiseplan. Mit steigendem Wohlstand und veränderten Lebensgewohnheiten wandelte sich jedoch, was als appetitlich gilt und was nicht. Der Fleischkonsum in Deutschland ist zuletzt kontinuierlich gesunken, doch bei Innereien begann dieser Wandel schon viel früher und verlief ungleich rasanter. Verändert hat sich dabei nicht nur die Menge des verzehrten Fleisches, sondern vor allem, welche Teile des Tieres überhaupt noch in den Topf kommen.

Wer heute Kalbsbries oder Rinderzunge zubereiten möchte, muss sie beim Metzger oft vorbestellen, im Supermarkt sind sie kaum noch zu finden. Dabei gibt es bis heute deutliche regionale Unterschiede: Der Saumagen etwa ist in der Pfalz nach wie vor ein fester Bestandteil der Wirtshausküche, während ihn in anderen Teilen Deutschlands viele nicht einmal dem Namen nach kennen. Ähnliches gilt für Kutteln in Süddeutschland oder Labskaus an der Nordseeküste.

Vom Alltag zur Ausnahme

Der Grund für das Verschwinden vieler dieser Gerichte ist weniger Geschmack als Gewohnheit, doch vor allem zunehmender Wohlstand in der breiten Bevölkerung. Wer früher ein Tier schlachtete, verwertete es im Prinzip vollständig. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Kutteln, Leber, Herz und Nieren waren keine Delikatessen, sondern schlicht das, was vorhanden war und somit weiterverarbeitet wurde.

Heute verzichten zunehmend mehr Menschen ganz oder weitgehend auf Fleisch – aus gesundheitlichen Gründen, aber auch aus ethischer Überzeugung gegenüber Tieren und der Umwelt. Wer Fleisch isst, sollte nach dem Gedanken der sogenannten Nose-to-Tail-Küche möglichst wenig davon wegwerfen – also das Tier von der Schnauze bis zum Schwanz verwerten. In der gehobenen Gastronomie findet dieser Ansatz durchaus Anhänger. Im deutschen Alltag ist davon bislang jedoch wenig angekommen.

Wohlstand verändert Essgewohnheiten

Parallel dazu verschwanden auch fleischlose Arme-Leute-Gerichte aus deutschen Küchen. Brotsuppe, Mehlsuppe oder Graupensuppe entstanden einst aus Resten sowie günstigen Zutaten und wirkten mit steigendem Wohlstand schlicht unattraktiv. Man aß sie nicht mehr, weil man es nicht mehr musste. Was in harten Zeiten eine Notwendigkeit war, hat heute keinen Platz mehr auf dem Speiseplan und ist für viele nicht einmal mehr als Gericht bekannt.

Doch ein Blick auf die deutsche Küche zeigt, dass viele Klassiker bis heute beliebt geblieben sind, etwa ein herzhafter Sauerkraut-Kartoffel-Topf oder ein traditionelles Gulasch. Andere hingegen haben den Wandel nicht überlebt. Die Tote Oma etwa, Grützwurst zu breiigem Brei gerührt und einst fester Bestandteil ostdeutscher Küche, lockt heute die wenigsten noch hinter dem Ofen hervor. Wer neugierig ist, welche deutschen Gerichte den Rest der Welt verwirren, findet dazu eine eigene Zusammenstellung.

Rubriklistenbild: © IMAGO

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