Weg von fossilen Energien
Experte für mehr Eigeninitiative bei Heiz-Wende: „Blick muss nicht immer Richtung Stadt gehen“
Mehr Eigeninitiative, Nachbarschaftsnetzwerke und gemeinsame Lösungen: In Hamm sollen sich Bürger aktiv an der Heiz-Wende beteiligen. Die Klimaagentur will beraten.
Hamm – Seit rund eineinhalb Jahren arbeitet die Klimaagentur daran, Lösungen aufzuzeigen, wie Hamm klimafreundlicher werden kann und der CO2-Ausstoß entscheidend gesenkt wird. Zur Erinnerung: Bis 2035 soll Hamm klimaneutral sein.
Die Agentur gründete Netzwerke für die Gewerke, die die Energiewende entscheidend mitgestalten. Energieberater werden geschult, bislang wurden über 150 Beratungen durchgeführt. Der lokalen Politik hat die Klimaagentur aufgezeigt, welcher (lange) Weg noch zu beschreiten ist.
Nun gehe es darum, noch viel stärker mit den Bürgern in Kontakt zu kommen. Denn sie haben eine entscheidende Rolle, sagt Johannes Auge, stellvertretender Leiter der Klimaagentur.
Klimaagentur will in den Bezirken beraten
In den kommenden Monaten soll daher die Eigeninitiative möglichst vieler Bürger geweckt werden. Viele hätten sich in Organisationen, Vereinen und Verbänden schon auf den Weg gemacht. Da geht aber mehr, ist sich Auge sicher.
„Wo kann man sich zu Nachbarschaftsinitiativen oder Genossenschaften zusammenschließen? Das ist eine der Fragen. Der Blick muss nicht immer in Richtung Stadt oder Stadtwerke gehen. Jeder kann in seinem eigenen Rahmen schauen, was möglich ist“, sagt er. Die Klimaagentur will das begleiten und Beratungsangebote in allen Bezirken anbieten.
Hamm bei kommunaler Wärmeplanung ganz vorne
Ein wichtiger Schritt sei zuletzt der Startschuss für die Erarbeitung einer kommunalen Wärmeplanung für Hamm gewesen, erklärt Auge. „Hamm ist da in NRW ganz vorne.“ Schon im nächsten Jahr sollen die Ergebnisse vorliegen. „Für jeden, der ein Haus besitzt, wird es mit dieser Grundlage mehr Orientierung und Planungssicherheit über zukünftige Möglichkeiten zur Beheizung seines Gebäudes geben.“
Entscheidend sei, die Menschen zum richtigen Zeitpunkt mit passenden Informationen zu versorgen. „Wenn die Heizung kaputt geht oder ohnehin gerade eine Sanierung ansteht, zum Beispiel. Wenn das gelingt, werden auch Maßnahmen umgesetzt, durch die der CO2-Ausstoß reduziert wird.“
Heizungsgesetz: „Kommunikativ nicht gut gelaufen“
Durch umfangreiche und einfache Information sollen auch Unsicherheiten abgebaut werden. Die Diskussion rund um das Gebäudeenergiegesetz habe zuletzt für viele Irritationen gesorgt. „Kommunikativ ist das nicht gut gelaufen“, sagt Auge. Das Gesetz selbst hält er für unabdingbar.
„Hier ist eine Diskussion eröffnet worden, an die sich alle Jahrgänge vorher nicht dran getraut haben“, meint Auge. Der Elefant habe sich schon lange im Raum befunden. „Dass Erdgas keine gute Zukunft hat, war ja allen immer klar. Als fossiler Energieträger und wegen der Abhängigkeit von Russland.“
Wärmeversorgung das am dicksten zu bohrende Brett
Nun sei mit Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) der erste Politiker dahergekommen, der das Thema angepackt hat. „Dass es da Theater gibt und die Unsicherheit groß ist, ist erst einmal normal“, sagt Auge. Schließlich handele es sich bei der Wärmeversorgung und den zugehörigen Emissionen um das dickste Brett, das bei der CO2-Reduktion zu bohren sei. In der Klimabilanz schlage der Sektor mit etwa 40 Prozent zu Buche. „Das ist letztlich das entscheidende Thema.“
Auge betont im gleichen Atemzug allerdings, dass es Lösungen gibt. „Die Wärmepumpe ist ja keine Raketentechnik, die gerade eben das Licht der Welt erblickt hat“, sagt er. In vielen Ländern in Europa sei diese Heizvariante verbreiteter als in Deutschland. „Wir haben es uns aber mit dem Gas einigermaßen gemütlich gemacht, weil es so schön günstig war.“
Viel Unsicherheit da - aber kein Unverständnis
Auge geht davon aus, dass sich das Informationschaos legen wird, wenn das Gebäudeenergiegesetz in seiner finalen Fassung verabschiedet wurde. Und abschließend klar ist, worauf sich die Menschen einzustellen haben.
Dann werde sich auch politisch zeigen, ob die Menschen diesen Weg mitgehen. „Ich bin aber ganz optimistisch, dass das gelingt. Bei den Menschen ist zwar viel Unsicherheit da, aber kein Unverständnis.“ Viele Bürger seien grundsätzlich offen für klimafreundliche Lösungen, weil sie wissen, dass diese trotz zunächst hoher Investition auf Dauer aber deutlich günstiger sein werden.
Eigenheimbesitzer mit kleinen Häuschen müssten deshalb – auch wegen der aktuelle Inflation – ausreichend unterstützt werden, findet Auge. Die Politik müsse darüber hinaus auf die Wohnungsbaugesellschaften zugehen, die Millionen Mietwohnungen verwalten. „Das ist ein großer Hebel. Die müssen mit in die Pflicht genommen werden.“
Auge: „Jeder muss selbst aktiv werden“
In der Beratung sollen ganz individuell Lösungen angeboten, die jeder nachvollziehen kann. Nur so schaffe man Akzeptanz. Und die sei dringend notwendig. Denn in allen Bereichen müssten die Anstrengungen zur CO2-Einsparung weiter verstärkt werden, wenn Hamm die Klimaziele erreichen soll.
Hamm hinkt bei der Wärmepumpe hinterher
Bottrop und Mönchengladbach sind Deutschlands Spitzenreiter beim Ausbau von Wärmepumpen. 59 beziehungsweise 49,3 Prozent aller Neubauten in den beiden Städten werden mit Wärmepumpe geheizt. Hamm liegt mit anteilig 28,7 Prozent hingegen im unteren Mittelfeld. Das geht aus einer Analyse der Energieunternehmens Enpal hervor. Dafür wurde der Anteil an eingebauten Wärmepumpen in Neubauten pro kreisfreier Stadt zwischen 2017 und 2021 ermittelt und miteinander verglichen. Demnach wurden in Hamm 747 Wärmepumpen in 2606 Häuser eingebaut. Als Quelle nennt Enpal den Mikrozensus 2022. Darüber, wie viele Wärmepumpen in Hamm im vergangenen Jahr hinzugekommen sind, hat auch die Klimaagentur keine Zahlen. Es habe aber sicher einen Sprung gegeben, mutmaßt Auge. Und das, obwohl Handwerker kaum verfügbar und die Lieferketten gestört waren. Beim Ausbau von Photovoltaik ist Hamm unterdessen im Ruhrpott Spitze.
„Anders als zum Beispiel China wird man in Deutschland aber wohl niemanden zwangsverpflichten wollen, sich etwa einem Nahwärmenetz anzuschließen. Dafür muss jeder selbst aktiv werden und sich beteiligen“, sagt Auge. „Unser Aufgabe ist es letztlich, die Leute davon zu überzeugen, dass das eine gute Idee ist.“
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