Tagelanger TÜV-Einsatz am RWE-Standort

Seltene Einblicke: Begleiten Sie uns ins Großkraftwerk „Westfalen“

Alle vier Jahre wird im Kraftwerk „Westfalen“ alles auf Herz und Nieren überprüft: RWE-Revisionsleiter Michael Zinke vor dem geöffneten Generator.
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Alle vier Jahre wird im Kraftwerk „Westfalen“ alles auf Herz und Nieren überprüft: RWE-Revisionsleiter Michael Zinke vor dem geöffneten Generator.

Hamm – Autos müssen zum Tüv, Kraftwerke in die Revision. Eine technische Überprüfung in größeren Dimensionen läuft derzeit im RWE-Kraftwerk „Westfalen“ am Hammer Stadtrand. WA.de durfte für Sie dabei sein.

Die Techniker nehmen die Anlagen auseinander, prüfen alles auf Herz und Nieren und schrauben es wieder zusammen. Bis zu 400 Mitarbeiter sind dafür notwendig, das Kraftwerk wird dafür zwei Monate vom Netz genommen.

Im Vier-Jahres-Rhythmus ist diese Prozedur für Generatoren vorgesehen, im fünf Jahre alten Block E findet sie zum ersten Mal statt. Ein 25-köpfiges Team rund um den Diplom-Ingenieur Michael Zinke regelt das, mehr als ein Jahr lang haben die RWE-Leute die Kraftwerks-Überprüfung vorbereitet. Der 53-Jährige ist „Maintenance & Engeneering Manager“, also für Unterhaltung und Ingenieurwesen zuständig. Bei RWE ist er seit 18 Jahren. Im Uentroper Werk muss er sich nur noch um Block E kümmern. A bis C sind abgeschaltet, der THTR sowieso, und Block D ist nach Baufehlern nie in den regulären Betrieb gegangen.

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Aufwand für letzten Block extrem hoch

Doch auch für den letzten verbliebenen Block ist der Aufwand immens hoch. Zinke hat dafür ein Neun-Millionen-Euro-Budget und mehrere Wochen Zeit. Am 27. April ist „Westfalen“ vom Netz gegangen, am 8. Juni sollte es wieder laufen. Zinke weiß jetzt schon, dass das nicht klappen wird. Die Arbeiten verzögern sich, Siemens-Mitarbeiter sind noch am Generator tätig. Gewährleistungsarbeiten, sagt Zinke. Er bleibt gelassen: „Zehn Tage Verzug werfen uns nicht aus der Bahn“.

Vier bis fünf Wochen dauere es, bis die Anlage soweit abgekühlt ist, dass man überall arbeiten könne, sagt Zinke. Der Generatoren-Stillstand sei die Gelegenheit, in allen Teilen der Anlage nach Fehlern zu suchen, insbesondere in Ecken, die sonst unzugänglich seien. Rund 3000 Arbeitsaufträge stünden auf dem Papier, gearbeitet werde in zwei Schichten, in der Spitze seien gut 400 Leute dabei.

Im Kraftwerk ist es ruhiger geworden

In diesen Tagen wird die Druckprobe vorbereitet. 285 Bar beträgt der Normaldruck im Kessel, zählt Zinke auf, 395 Bar bei der Probe. Zum Vergleich: Ein Autoreifen wird auf 2 Bar aufgepumpt. Je höher der Druck, der auf die Turbine wirkt, desto besser der Wirkungsgrad, lautet die Formel. Aber hoher Druck bedeutet auch hohen Verschleiß durch starke Inanspruchnahme.

Dabei ist es sonst im Kraftwerk etwas ruhiger geworden. Rund 140 RWE-Leute meistern dort den Normalbetrieb, nochmal 100 Mitarbeiter von Fremdfirmen kommen dazu. Kerngeschäft der Belegschaft sei die Kraftwerksunterhaltung, sagt Zinke. Wieviel Strom in Uentrop produziert wird, entscheidet die Konzernzentrale in Essen.

Wettervorhersagen und Weltmarktpreise

Dort hat man Wettervorhersagen und Weltmarktpreise im Blick; die Anweisungen kommen viertelstündlich. Rund um die Uhr läuft „Westfalen“ längst nicht mehr. Typisch sei Volllast tagsüber, reduzierter Betrieb nachts und die Abschaltung am Wochenende, so Zinke. An windigen Tagen sinkt die Stromnachfrage; im feiertagsreichen Frühjahr auch. Auch schwankende Brennstoffpreise spielten eine Rolle, derzeit sei Gas beispielsweise relativ preiswert.

Dass mit dem Kohlekompromiss spätestens 2038 auch in Uentrop Schluss mit der Kohleverstromung sein wird, ist Zinke bewusst. Er sieht RWE als „Partner der Energiewende“, wie er sagt. 1,2 Millionen Tonnen Steinkohle wurden 2018 im Block E verbrannt. In den alten Blöcken hätte man bei gleicher Leistung 20 Prozent mehr Kohle gebraucht. Das sei Kohlendioxid-Reduktion durch moderne Technik.

Großkraftwerke sind Auslaufmodelle

Dass Großkraftwerke wie „Westfalen“ als Auslaufmodelle gelten, merkten die RWE-Leute bei der Revision. Es werde immer schwieriger, Firmen für solche Arbeiten zu finden, sagt Zinke. Die Zulieferer stellten sich bereits darauf ein, dass es künftig weniger Kraftwerke geben werde. Der Uentroper Generator stammt von Siemens, einem Konzern, der seine Kraftwerkssparte zuletzt immer wieder in Frage gestellt hat.

Bei der Revision geht es letztlich natürlich auch um die Frage, welche Investitionen sich in Uentrop noch lohnen. Neu ist immerhin ein neues Kohlenlager, mit dem RWE Lieferengpässe wie 2018 überbrücken will. Weil wegen des niedrigen Rheinwasserstandes keine Kohlenschiffe mehr in Uentrop ankamen, schüttet der Konzern seit Ostern Kohlenvorräte für mehrere Wochen auf. Rein technisch gesehen, sagt Zinke, könnte Block E noch jahrelang weiterlaufen. Die Altanlagen hätten es schließlich auf fast 50 Jahre gebracht.

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