Neue Zahlen
„Armutszeugnis für ein so reiches Land!“ – viele Rentner in Deutschland arbeiten weiter
In Deutschland steigt die Zahl der arbeitenden Rentner weiter an. Während die Politik Anreize schafft, haben andere Sorgen.
Berlin - Die Anzahl der älteren Menschen in Deutschland, die trotz ihrer Rentenansprüche weiterhin einer Arbeit nachgehen, nimmt stetig zu. Aktuelle Daten zeigen, dass fast 1,4 Millionen Rentner trotz ihrer Altersbezüge weiterhin berufstätig sind. Obwohl diese Entwicklung von der Politik grundsätzlich begrüßt wird, gibt es auch eine Schattenseite.
Viele Rentner in Deutschland arbeiten weiter: „Armutszeugnis für ein so reiches Land!“
Zum 31. Dezember 2022 waren insgesamt 1,35 Millionen Menschen trotz Rentenbezug noch berufstätig, wie aus einer Anfrage des Bundestagsabgeordneten und renten- sowie alterspolitischen Sprechers der Linken im Bundestag, Matthias W. Birkwald, an die Bundesregierung hervorgeht. Die Antwort der Bundesregierung, die von Kerstin Griese (SPD), parlamentarischer Staatssekretärin im Arbeits- und Sozialministerium, gegeben wurde und IPPEN.MEDIA exklusiv vorliegt, stützt sich auf Statistiken der Deutschen Rentenversicherung (DRV).
Laut DRV arbeiteten 1,1 Millionen Menschen nach Erreichen der Regelaltersgrenze (also der abschlagsfreien Rente; für die meisten ab 67 Jahren) weiter. Davon waren rund 888.000 Menschen geringfügig in Minijobs beschäftigt (höchstens 538 Euro pro Monat), während etwa 240.000 darüber hinaus noch mehr arbeiteten.
Politik will Menschen länger in Arbeit halten
Insgesamt bezogen 245.000 Menschen bereits vor der Regelaltersgrenze von 67 Jahren Rente und arbeiteten dennoch weiter. Darunter waren 174.000 in Minijobs und 76.000 mehr als geringfügig beschäftigt. Dies betrifft Menschen, die Anspruch auf die sogenannte Rente mit 63 haben, da sie bereits 45 Jahre Versicherungsbeiträge eingezahlt haben.
Die neuen Zahlen können unterschiedlich interpretiert werden. Sowohl die Ampel-Koalition als auch die Opposition von CDU/CSU befürworten seit Langem, dass Menschen im Alter länger arbeiten sollten. Viele sehen darin eine Maßnahme gegen den Fachkräftemangel.
Prämien für Rentner geplant
Im Rahmen ihrer im Juli vorgestellten Wachstumsinitiative plant die Bundesregierung, dass Rentner, die weiterhin arbeiten, die Arbeitgeberbeiträge zur Arbeitslosen- und Rentenversicherung künftig direkt ausgezahlt bekommen. Bei den Rentenbeiträgen sollen die Menschen selbst entscheiden dürfen, ob sie sie direkt ausbezahlt bekommen wollen oder nicht. Darüber hinaus plant die Ampel-Koalition, eine steuerfreie Prämie für arbeitende Rentner einzuführen. Auch die Union hat bereits steuerliche Erleichterungen für weiterarbeitende Menschen gefordert.
Rentenpolitiker Birkwald von der Linken unterstützt die Pläne der Ampel. Er spricht gegenüber IPPEN.MEDIA von einem „richtigen Signal“, dass sich für Menschen im Alter die „Arbeitsleistung auch direkt lohnt“. „Viele Rentnerinnen und Rentner werden davon profitieren, denn schon jetzt sind es fast anderthalb Millionen Rentnerinnen und Rentner, die sich trotz ihrer Rente noch etwas hinzuverdienen müssen oder wollen, zum Großteil in geringfügiger Beschäftigung, also in Minijobs.“
Politik ist sich teilweise einig
Die Parteien dürften sich über die Anzahl der arbeitenden Rentnerinnen und Rentner freuen. Allerdings könnten die Anreize für die fast 1,4 Millionen arbeitenden Rentnerinnen und Rentner auch ein erhebliches Loch in der Staatskasse verursachen, sollten sie im kommenden Haushalt umgesetzt werden. Laut Berechnungen der DRV für IPPEN.MEDIA würde der Rentenkasse durch die wegfallenden Beiträge weiterarbeitender Rentnerinnen und Rentner jährlich eine Milliarde Euro fehlen. Die Bundesregierung konnte der Linken auf die Frage, wie hoch sie die fehlenden Einnahmen schätzt, keine Zahl nennen.
Die hohe Anzahl der arbeitenden Rentnerinnen und Rentner gibt jedoch auch Anlass zur Sorge hinsichtlich der Altersarmut. Aus der Antwort der Bundesregierung geht nicht hervor, welche Menschen aus reiner Freude an der Arbeit weiterarbeiten und welche es aufgrund einer zu geringen Rente tun müssen. Es ist jedoch anzunehmen, dass letztere einen erheblichen Anteil ausmachen. Um dieses zu vermeiden, können Rentner auch Zuschüsse beantragen.
Birkwald, Politiker der Linken, ist besorgt über die neuen Zahlen. „Dabei ist es unerträglich, dass die Renten in Deutschland durchschnittlich so niedrig sind, dass viele Rentnerinnen und Rentner darauf angewiesen sind, weiterzuarbeiten“, sagt Birkwald. „Die deutschen Renten sind nämlich alles andere als generös. Unter den 34 OECD-Staaten liegt Deutschland bei der Höhe der Nettoersatzrate der Renten auf dem viertletzten Platz. Das ist ein Armutszeugnis für ein so reiches Land!“ Birkwald fordert ein Rentensystem nach österreichischem Vorbild, wo das allgemeine Rentenniveau deutlich über dem deutschen liegt, obwohl dies sowohl für den Staat als auch für die Menschen mehr Kosten verursacht.
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