Viel Aufklärung nötig
Häufigste Todesursache bei Frauen wird oft nicht erkannt – diese Warnsignale sollte niemand übersehen
Bei Frauen wird die häufigste Todesursache oft übersehen. Schockierende Gründe stecken dahinter. Eine Kardiologin aus NRW klärt auf.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland. Dass das aber nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen gilt, wird häufig übersehen. Dazu kommt, dass diese Erkrankungen bei Frauen oft viel später erkannt werden. Dahinter stecken ebenso vielseitige wie schockierende Probleme.
Dr. Susanne Berrisch-Rahmel ist Fachärztin für Kardiologie und Innere Medizin in Düsseldorf. Ein weiterer ihrer Schwerpunkte ist die Gendermedizin – im Rahmen einer Projektgruppe der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung setzt sie sich aktiv dafür ein, auf die Thematik rund um Herzkrankheiten bei Frauen aufmerksam zu machen. Wenngleich die Medizin in dieser Hinsicht bereits einen großen Sprung gemacht habe, gebe es noch immer viele Probleme bei der Diagnostik und Behandlung von Frauen, sagt die Medizinerin. Die aktuellste Statistik von IT.NRW zeigt: 2024 sind in NRW 34.847 Frauen an Kreislauferkrankungen gestorben, 2305 davon an einem akuten Herzinfarkt.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Frauen zeigen andere Warnsignale als Männer
Angefangen mit den Symptomen: „Es wurde festgestellt, dass Warnsignale bei Frauen oft anders sind“, sagt die Kardiologin im Gespräch mit wa.de. Anders als die klassischen Symptome wie etwa plötzliche Brustschmerzen, die in Arme, Nacken und Kiefer ausstrahlen können, kündige sich ein Herzinfarkt bei Frauen oft „diffuser“ an. Übelkeit und Erbrechen gehören etwa dazu – was häufig dazu führe, dass ein sich ankündigender Herzinfarkt als einfache Magenverstimmung abgetan wird. Aber auch Schmerzen und ein Ziehen in Armen, Brust, Kiefer und Nacken, Rückenschmerzen sowie Atemnot sind bei Frauen möglich.
Auch heutzutage werden die Symptome von vielen Menschen oft noch nicht ernst genommen. „Wir müssen das nicht nur den Ärztinnen und Ärzten beibringen. Ein großes Problem ist auch die Aufklärung der Frauen“, sagt Berrisch-Rahmel. Oft würden sie selber gar nicht daran denken, dass hinter den Symptomen eine Herzerkrankung stecken könnte. Beschwerden werden laut Berrisch-Rahmel abgetan in der Hoffnung, sie würden von selbst wieder verschwinden. Den Erfahrungen der Kardiologin zufolge lehnen Frauen zudem deutlich häufiger eine Behandlung ab, indem sie etwa ihre Tabletten nicht einnehmen – weil sie die Symptome bei sich selbst nicht ernst nehmen, oder die Nebenwirkungen besonders stark sind.
Letzteres komme nicht von ungefähr. So werde Frauen häufig einfach die gleiche Medikamenten-Dosierung empfohlen, wie den Männern – obwohl Frauen oft eine kleinere Dosis benötigen. Für sie habe das dann auch deutlich größere Nebenwirkungen zur Folge. „Es passiert auch heutzutage weiterhin, dass da nicht so drauf geachtet wird“, bemängelt Berrisch-Rahmel.
Vielseitige Probleme bei Diagnose und Behandlung von Frauen
Ein weiterer Grund sei ein gesellschaftlicher: Frauen würden sich oft in der Pflicht sehen, zu funktionieren. Sie wollen laut der Kardiologin da sein, zum Beispiel für ihre Familie, und würden dem Glauben unterliegen, nicht krank werden zu dürfen. Gerade aus diesem Grund sei es ebenso wichtig, auch die Männer aufzuklären und in die Verantwortung zu ziehen. Oft sei es noch so, dass Frauen sich mehr um die Gesundheit ihrer Männer kümmern. „Umgekehrt ist das eher selten der Fall. Da sind es eher die Kinder, die sagen: Du, die Mama gefällt uns nicht“, sagt Berrisch-Rahmel. Und auch im Notfall seien es eher die Männer, bei denen direkt eine Herzkatheter-Untersuchung durchgeführt werde, während es bei Frauen oft länger dauern würde, bis eine Diagnose vorliegt. „Es kann auch sein, dass sie dann beim Orthopäden landen, vor allem wenn es in den Rücken zieht“, sagt die Kardiologin.
Frauen sind im Schnitt älter als Männer, wenn eine Herzerkrankung festgestellt wird. „Die Erstmanifestation der Erkrankung ist bei Frauen in der Regel zehn bis 15 Jahre später. Frauen sind lange durch ihre Hormone geschützt – nach der Menopause sieht das anders aus“, sagt die Expertin.
Zwar gebe es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, aber laut Berrisch-Rahmel ist die Versorgungssituation in NRW vergleichsweise gut. „In NRW haben wir eine sehr gute Versorgung mit Kliniken. Wir sind zwar auch das bevölkerungsreichste Bundesland, aber trotz allem sind wir da gut aufgestellt. Und es gibt gute Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten.“
Auch die Menstruation und die daraus resultierenden Beschwerden machen vielen Frauen im Alltag zu schaffen. Immer wieder kommt der Vorschlag eines „Menstruationsurlaubs“ auf – eine Umsetzung in NRW gilt als unwahrscheinlich. Gleich nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache in Deutschland und NRW. Aktuelle Zahlen zeigen: Jeder vierte Mensch in NRW stirbt an Krebs.
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