Auch Geheilte haben Probleme
Stadt in NRW führt trauriges Ranking an: Hier gibt es die meisten Krebs-Todesfälle
Jeder vierte Mensch in NRW stirbt an Krebs. Neue Zahlen zeigen alarmierende Trends – und warum Prävention und klare politische Maßnahmen jetzt entscheidend sind.
Zum Weltkrebstag am 4. Februar zeigt eine neue Auswertung von IT.NRW das ganze Ausmaß der Krankheit: Fast jeder vierte Todesfall in Nordrhein-Westfalen geht mittlerweile auf Krebs zurück. Im Jahr 2024 starben 51.183 Menschen im Land an einer Krebserkrankung – darunter 27.059 Männer und 24.124 Frauen. Das entspricht einem Anteil von 23,2 Prozent aller Sterbefälle, wie aktuelle Zahlen zeigen.
Besonders brisant: Der Krebsanteil steigt wieder. 2023 lag er noch bei 22,6 Prozent. Und während sich die absolute Zahl der Krebstoten kaum verändert hat, wächst der Anteil an allen Todesursachen weiter. Auch das Sterbealter zeigt die Wucht der Diagnose. Menschen, die an Krebs sterben, werden im Schnitt 75,3 Jahre alt – mehr als vier Jahre weniger als der Durchschnitt aller Verstorbenen. Für viele Betroffene kommt der Tod krebsbedingt also deutlich früher.
Krebs in NRW: Jeder vierte Todesfall betroffen
Wer den Krebs besiegt, hat es allerdings offenbar auch nicht leicht. Gerade für viele junge Erwachsene endet die Belastung nicht mit der medizinischen Heilung. Darauf weist die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs (DSfjEmK) hin. Gerade Menschen zwischen 18 und 39 Jahren würden noch Jahre später bei Versicherungen, Krediten oder im Beruf benachteiligt – allein wegen ihrer früheren Diagnose. Was auf dem Papier überstanden ist, wirke im Alltag als „soziales Stigma“ weiter und führe immer wieder zu neuen Hürden.
Wie drastisch das ausfallen kann, zeigt das Beispiel der 23‑jährigen Bianca. Sie gilt seit zwei Jahrzehnten als gesund – und musste dennoch erleben, dass ihr Versicherungen nur zu unerschwinglich hohen Beiträgen angeboten wurden. Auch ihr beruflicher Wunschweg blieb ihr verwehrt, obwohl ihre Gesundheit mehrfach bestätigt wurde. „Seit nunmehr 20 Jahren bin ich medizinisch vollständig gesund. Dennoch erfahre ich bis heute Benachteiligung aufgrund meiner Krankheitsvorgeschichte“, wird sie einer Mitteilung der DSfjEmK zitiert. „Gerade als junge Erwachsene wollte ich im Rahmen meines dualen Studiums meine private Krankenversicherung wechseln. Aufgrund meiner Vorgeschichte war das nur zu stark überhöhten Beiträgen möglich – für mich faktisch unerschwinglich“, erzählt sie.
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Die Stiftung fordert deshalb ein gesetzlich verankertes „Recht auf Vergessenwerden“, damit ehemalige Patientinnen und Patienten nach einer Heilungsbewährungszeit nicht länger lebenslang für eine überstandene Erkrankung bestraft werden. Prof. Dr. med. Inken Hilgendorf, Kuratoriumsvorsitzende der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs, fordert klar: „Wer medizinisch als geheilt gilt, darf nicht benachteiligt werden. Wir fordern ein verbindliches Recht auf Vergessenwerden mit klaren Fristen und einheitlichen Regelungen, damit junge Menschen faire Chancen auf dem Weg zurück ins Leben nach einer Krebserkrankung erhalten. Die Diskriminierungserfahrungen junger Menschen mit Krebs zeigen, wo bestehende Strukturen versagen. Deshalb stellen wir sie in den Mittelpunkt unserer Arbeit.“
Bei den Krebsarten an sich gibt es derweil in NRW große Unterschiede. Tumore des Verdauungssystems führen erneut die traurige Statistik an. Bei Männern steht diese Gruppe für 30 Prozent der Krebstoten, bei Frauen für 27,2 Prozent. An zweiter Stelle folgen Erkrankungen der Atmungsorgane – darunter vor allem Lungenkrebs. Auffällig ist auch der geschlechtsspezifische Unterschied: Während bei Männern bösartige Neubildungen der Genitalorgane auf Platz drei liegen, ist es bei Frauen Brustkrebs.
Krebsprävention: Experten fordern mehr Maßnahmen
Erschreckend groß sind die regionalen Unterschiede. Bonn verzeichnet landesweit die geringste krebsbedingte Sterberate (218 Tote je 100.000 Einwohner), Herne hingegen die höchste (345). Der NRW-Schnitt liegt bei 284. „Landesweit ergab sich eine krebsbedingte Sterberate von 284 Personen je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner“, erklärt IT.NRW. Immerhin: Im Jahr 2014 waren es noch 293 Fälle. Die neuen Zahlen zeichnen dennoch ein Bild, das kaum ignoriert werden kann: Krebs bleibt eine der größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen – und für die Menschen in NRW eine der häufigsten Todesursachen überhaupt.
Während die aktuellen NRW-Zahlen vor allem die Wucht der Erkrankung zeigen, verweist die Deutsche Krebshilfe zum Weltkrebstag auf das große – und bislang ungenutzte – Potenzial der Krebsprävention. Mit der neuen, erweiterten Ausgabe des Europäischen Kodex gegen Krebs legt die WHO erstmals konkrete Handlungsempfehlungen nicht nur für Bürgerinnen und Bürger, sondern auch für politische Entscheidungsträger vor. Denn zwei von fünf Krebsdiagnosen in Deutschland wären laut Experten vermeidbar – durch gesündere Lebensstile, bessere Früherkennung und klare politische Leitplanken.
Der Kodex umfasst nun 14 evidenzbasierte Empfehlungen: vom Rauch- und Alkoholverzicht über UV‑Schutz und Bewegung bis hin zu strengeren Warnungen vor E‑Zigaretten und Solarien. Neu aufgenommen wurde auch der Einfluss von Umweltfaktoren wie Luftverschmutzung. Die Krebshilfe fordert, dass Deutschland seine Präventionspolitik endlich an diese Standards anpasst – mit höheren Abgaben auf Tabak, Alkohol und stark verarbeitete Lebensmittel, mehr Gesundheitsaufklärung und besseren Impfprogrammen. Ihr Appell ist eindeutig: Effektive Krebsbekämpfung beginnt lange bevor jemand erkrankt – damit die erschreckenden Zahlen in NRW wieder sinken.
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