Starke Beschwerden
„Es hätte mir extrem geholfen“ – Ist ein Menstruationsurlaub in NRW denkbar?
Viele Frauen leiden an starken Menstruationsbeschwerden. Die Idee, einen „Menstruationsurlaub“ einzuführen, sehen viele Menschen dennoch kritisch. Wäre eine solche Lösung in NRW denkbar?
Hamm – Die Menstruation ist ein Thema, das medial selten Beachtung findet. Wenngleich in den letzten Jahren bereits mehr Aufklärungsarbeit geleistet wurde, wird sie oftmals noch als Tabu-Thema behandelt – besonders in der Arbeitswelt. Dabei leiden viele Frauen unter heftigen Symptomen, die eine Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen können. Dem gegenüber steht die Scham, sich in so einem Fall auch tatsächlich krankzumelden.
Ginge es nach Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi, sollten sich Frauen problemlos krankmelden können. Ein gesellschaftlicher Wandel sei nötig: „Frauen müssen sich in unserer Gesellschaft frei darin fühlen, sagen zu können: Es geht jetzt nicht mehr, die Bauchschmerzen oder der Schwindel sind so stark, dass ich krankgeschrieben werden muss“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Extrakranktage oder einen gesetzlich geregelten Menstruationsurlaub, wie es ihn etwa in Spanien bereits gibt, halte er nicht für nötig. Das sei stigmatisierend.
Periode ist legitimer Grund für eine Krankschreibung
Laut Dr. Rolf Englisch, Landesvorsitzender Westfalen-Lippe des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte, sollte das Thema differenziert betrachtet werden. Während einige Frauen sehr unter menstruationsbedingten Beschwerden leiden, hätten andere Frauen kaum Probleme, erklärt er auf Nachfrage von wa.de. Grundsätzlich sei es aber sinnvoll, die Periode als „legitimen gesundheitlichen Grund“ für eine Krankschreibung anzusehen. In einigen Fällen steckt hinter den starken Schmerzen auch ein Krankheitsbild, wie etwa Endometriose.
Menstruationsbeschwerden können die Betroffenen also deutlich einschränken – mit ein Grund, aus dem der Arzt den Begriff „Menstruationsurlaub“ kritisch sieht. „Urlaub verbindet man mit Vergnügen. Schmerzhafte Menstruation hat sicher nichts mit Vergnügen zu tun“, so Englisch. Um das Thema zu normalisieren, setzt der Gynäkologe eher auf Arbeitsplatzlösungen: „Flexible Arbeitsmodelle, eine offene Gesprächskultur und pragmatische Unterstützung sind oft wirksamer als starre Sonderregelungen.“
Gesundheitsministerium NRW sieht keinen Grund für „Menstruationsurlaub“
Auf Nachfrage von wa.de erklärt das Gesundheitsministerium NRW, dass aus Sicht des Ministeriums kein Bedarf bestehe, Extrakranktage oder einen gesetzlichen Menstruationsurlaub einzuführen. Die Begründung dafür liege im Entgeltfortzahlungsgesetz: Da dieses bei Krankheit eine Lohnfortzahlung bis zu sechs Wochen vorsieht, seien damit auch menstruationsbedingte Arbeitsausfälle abgedeckt.
Es sei dennoch wichtig, das Thema weiter zu enttabuisieren: „Viele betroffene Frauen leiden im Stillen unter den verschiedenen körperlichen wie psychischen Belastungen, die damit verbunden sind. Wichtig ist aus Sicht der Landesregierung eine stärkere Sensibilisierung der Bürgerinnen und Bürger.“ Der Begriff „Urlaub“ sei auch aus Sicht des Ministeriums irreführend.
Datenlage ist unklar – nicht alle gehen bei Menstruationsbeschwerden zum Arzt
Herauszufinden, wie viele Frauen sich tatsächlich aufgrund von Menstruationsbeschwerden krankschreiben lassen, gestaltet sich derweil als gar nicht so einfach. Sowohl dem Ministerium als auch dem Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte liegen keine derartigen Daten vor. „Für Deutschland sind routinemäßige, eindeutig zuordnebare Zahlen begrenzt, weil Krankschreibungen nicht immer als ‚Menstruationsbeschwerden‘ codiert werden und viele Betroffene gar nicht ärztlich vorstellig werden“, so Dr. Englisch. Letzteres könne dazu führen, dass „Symptome bagatellisiert werden oder notwendige Diagnostik zu spät erfolgt“, so der Experte.
Einen Vorstoß gibt es aktuell jenseits der nordrhein-westfälischen Grenze: In Stuttgart hat die Fraktion „Die Linke SÖS Plus“ Menstruationsurlaub für Beschäftigte der Stadt Stuttgart beantragt. Die Forderung: Betroffene mit starken Beschwerden sollen bis zu drei Tage pro Monat bezahlten Sonderurlaub bekommen, wie aus einem Bericht des Südwestrundfunks (SWR) hervorgeht.
Menstruationsbeschwerden: Betroffene schildern ihre Erfahrungen
Unter dem entsprechenden Instagram-Beitrag findet der Antrag viel Zustimmung. Viele Betroffene melden sich dort zu Wort und teilen ihre Erfahrungen. „Clusterkopfschmerzen und Kreislaufprobleme: meine Periode. Wenn es gar nicht ging, dann vor der Arbeit immer eine Tilidin eingeworfen... Dann lieber mal ein oder zwei Tage zu Hause bleiben anstatt zu solchen Mitteln zu greifen“, schreibt eine Nutzerin. Von einer anderen heißt es: „Hab gestern einfach nur weinend im Bett gelegen und brechen müssen. Ein Tag würde mir manchmal schon reichen. Wird echt Zeit für sowas.“
Eine weitere Frau schildert ebenfalls, wie ihre Menstruation sie im Arbeitsleben einschränkt: „Es hätte mir extrem geholfen. Hab Endometriose und bin nie ernst genommen worden wenn ich mit dem RTW ins KH gekommen bin. Ich bin aber Friseurin und ich kann nicht jeden Monat spontan alle Kundinnen von 3 Tagen verschieben. Die Arbeitgeber sind noch nicht weit genug um genug aufgeklärt zu sein und genug Empathie zu haben. Selbst ein Großteil der Gesellschaft kann es sich ja nicht mal vorstellen dass Endometriose Schmerzen sogar mit Geburtsschmerzen verglichen werden können.“
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