Hardrock, Kult und Steakbrötchen
Bloß kein Schickimicki: Vor zehn Jahren schloss das Senftöpfchen
Hamm - Das Senftöpfchen war immer anders. Anders als die anderen Lokale auf der Meile. Vor genau zehn Jahren musste die Meilenkneipe mit dem besonderem Kultfaktor schließen. Wir blicken zurück - mit den Worten einiger Wegbegleiter.
Auf eine Art war die schmale Kneipe wohl das gute Gewissen der Amüsiermeile: Hier gingen auch Leute hin, die mit dem Rest nichts anzufangen wussten. Für sie war das „Senf“ mit Bier, Gitarren und Steakbrötchen der alternative Szenetreff, für viele andere galt es als Gammellokal mit obskuren Gestalten. An diesem 26. Juli vor zehn Jahren fiel an der Südstraße 18 der letzte Vorhang.
28 Jahre nach der Eröffnung – die übrigens einst fast zeitlich mit dem „Jonathan“ gegenüber passierte – nahmen Umbaupläne am ganzen Block der Kultkneipe die Daseinsberechtigung. Nach monatelangem Leiden glich der finale Tag am 26. Juli 2008 einer ausgelassenen Trauerfeier. Ein ungewöhnlicher Kultfaktor und eine nachhaltige Bekanntheit überlebten. Für etliche Hammer steht das Aus des Senftöpfchens sogar sinnbildlich für das Ende der klassischen Hammer Meile.
Wer suchet, der findet heute noch eine Facebookseite des Senftöpfchens. Dabei lebte die Kneipe doch eigentlich in einer komplett
anderen, viel weniger virtuell dominierten Welt. Und siehe da: Tatsächlich wurde die Seite erst 2012 erstellt und danach auch gar nicht weiter gepflegt. Ihre Nutzer? Wehmütige Gäste, die dort vier Jahre nach dem Ende noch einmal Erinnerungen austauschten.
Für die Gäste – eigentlich passt der Begriff Fans besser – war das „Senf“ eine „Kneipe für die ‘Anderen’, die nicht poppig unterwegs waren. Für die, für die Bier, laute Rockmusik und ein Steakbrötchen reichten, die keinen Wert auf Schickimicki legten.“ So fasst Andre Brochtrop, einer der Stammgäste in den Neunzigern, seine Erinnerungen zusammen. Eine Art zweites Wohnzimmer sei das gewesen: „Man konnte hingehen, wann man wollte – man hat immer jemanden getroffen, den man kennt.“
Auch Karsten Plaß gehörte zu dieser großen Gruppe; er mochte das robust Bodenständige. Den heutigen Kultstatus hält er nicht für überhöht: „Die haben dort immerhin 28 Jahre lang vieles richtig gemacht“, sagt er. Das Ende
im Gleichschritt mit dem „Meilenstein“ und anderen angrenzenden Anbietern habe der Meile tatsächlich einiges an Charme und Charakter genommen.
Plaß beließ es jedoch nicht bei traurigen Gedanken, sondern sah in dem Konzept weiterhin Zukunftspotenzial und handelte. Neun Monate vor dem längst feststehenden Ende des „Senf“ hob er wenige Meter weiter seine eigene Kneipe „Pirates“ mit einem ähnlichen Konzept aus der Taufe.
Also alles nur geklaut? „Naja, es war ja klar, dass das Senftöpfchen schließen würde“, sagt Plaß
heute. „Wir wollten den Leuten eine echte Alternative bieten.“ Das ging zwar nicht ganz reibungsfrei über die Bühne – am Ende wurde der Oberpirat aber bestätigt: „Als das Senftöpfchen schloss, wurde es bei uns deutlich voller.“
Ein Eintrag an der genannten Facebook-Pinwand bringt den Senftöpfchen-Charme perfekt zum Ausdruck, passt aber ebenso gut zum Quasi-Nachfolger nebenan: „Steakbrötchen. Habe Hunger. Danke!!!“
"Das Senf war einmalig"
Martina Henke kannte (fast) alle Gäste, und (fast) alle Gäste kannten sie: Sie hat – mit Unterbrechungen – zwischen 1981 und 2005 im Senftöpfchen gearbeitet. Für sie gab und gibt es in Hamm bis heute nichts Vergleichbares. Im Gespräch mit WA.de hat die heute 57-Jährige in ihren Erinnerungen gekramt:
Für welche Leute war das Senftöpfchen ein Treffpunkt?
Martina Henke: Treffpunkt war das Senf für alle von Arm bis Reich: Es kamen Ärzte, Staatsanwälte, Arbeitslose, natürlich Motorradfahrer und Heavy-Fans, und so weiter.
Was war das Besondere an dem Lokal?
Henke: Es war rustikal und gemütlich. Am Anfang gab es nur die Tür und Fenster; die Fenster wurden später in offene
Schiebetüren umgewandelt. Es gab auch einen überdachten Biergarten. Die Bands kamen aus Hamm und von außerhalb. Die Stimmung war einfach gut; wir haben so viel gelacht. Und nicht zu vergessen: Karl-Heinz Bergholz war ein verdammt guter Chef und Freund für uns.
Gab es in Hamm etwas Vergleichbares?
Henke: Nein, es gab nichts Vergleichbares. So wie es war, war das Senf einmalig.
Hatte die Meile damals noch weitere Reizpunkte?
Henke: Ja, auf jeden Fall: der Windsor Club, den Queens Pub, Harvey’s Bar und so weiter.
Erinnern Sie sich an den Tag der Schließung? Wenn ja – mit welchem Gefühl?
Henke: Natürlich erinnere ich mich daran. Es war ganz schlimm. Ich bin mit unserer Chefin Monika Bergholz in die Katakomben –
unser Lager – gegangen, um alte Sachen wie Bierdeckel oder Knobelbecher zum Verschenken raufzuholen. Die Lippewelle hat uns damals dabei begleitet.
Entstand nach dem Ende des Senftöpfchens in Hamm etwas Ähnliches?
Henke: Nein, das gibt es nicht – auch wenn es das Pirates gibt. Die Steakbrötchen waren im Senf auf dem Lavagrill einzigartig. An manchen Wochenenden haben wir bis zu 500 Stück verkauft.
War die Schließung des Senftöpfchens aus Ihrer Sicht letztlich der Tod der „alten Meile“?
Henke: Ja, das glaube ich schon – denn es war so ziemlich das letzte Lokal aus der „guten alten Zeit“. Es waren einfach alle da: selbst die Bandidos-Rocker, die so einige Male auf uns Bedienungen aufgepasst haben, ohne irgendein Stress zu machen.
Vermissen Sie das Senftöpchen?
Henke: Ja, das Senf fehlt...
Erzählen Sie uns in den Kommentaren von Ihren Erinnerungen ans das Senftöpfen





