„Eine Riesensauerei“

Luxusautos statt Festgeld-Zinsen?  Vertriebler packt aus - auch zu Hamm

Das Bürogebäude in Neu-Isenburg: Hier hatte die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ Büroflächen angemietet. Diese Büros stehen nun leer, die Firma ist nicht mehr erreichbar.
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Das Bürogebäude in Neu-Isenburg: Hier hatte die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ Büroflächen angemietet. Diese Büros stehen nun leer, die Firma ist nicht mehr erreichbar.

Üppige Partys, Luxusautos und Immobilienkäufe im Ausland: Wenn es stimmt, was ein ehemaliger Außendienstler der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ über die Strippenzieher der Gesellschaft erzählte, dann dürften sich deren ohnehin besorgte Investoren (auch) in Hamm ein weiteres Mal gute Nacht sagen.

Hamm/Offenbach - „Das Ganze ist eine Riesensauerei“, sagt der Ex-Vertriebler dem WA über den sich abzeichnenden bundesweiten Betrugsskandal. Er selbst sei auch in Hamm tätig gewesen und habe Menschen, deren Lebensversicherung fällig geworden war, zu Festzinsanlagen bei der „Pro Sachwerte“ überredet. Mittlerweile arbeite er mit der Polizei zusammen. Es gehe wohl um 800 bis 900 Fälle – das hätten ihm jedenfalls die Ermittler in Offenbach so mitgeteilt.

Millionenschaden

Belegbar sind die Aussagen zumindest bislang nicht. Die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ in Neu-Isenburg ist für den WA nicht erreichbar, die Polizei in Offenbach verweist an die für Presseanfragen zuständigen Staatsanwaltschaften. Wie am Samstag berichtet, spricht die Staatsanwaltschaft Frankfurt von bislang etwa 100 potenziell Geschädigten und die Staatsanwaltschaft Darmstadt von zehn Verfahren, die von ihr geführt würden. Ermittelt werde wegen Betrugsverdachts. Bundesweit gebe es potenziell Geschädigte, mit dem Eingang weiterer Verfahren werde gerechnet, so die Auskunft der Strafermittlungsbehörde aus Darmstadt.

Bis zu 700.000 Euro hatten einzelne Geldgeber aus Hamm bei der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ angelegt. Sie schlossen – meist im Jahr 2019 – so genannte Festzinsanlageverträge mit einjähriger Laufzeit. Doch statt der versprochenen 4 Prozent bis 6,5 Prozent Zinsen auf ihre Ersparnisse fürchten sie nun den Totalverlust. Acht Mandanten aus Hamm lassen sich allein von der Kanzlei Döttelbeck am Otto-Krafft-Platz vertreten. Die befürchtete Schadenssumme liegt in diesen Fällen im einstelligen Millionenbereich.

„Da kam nichts mehr“

Ingeborg Müller (Name geändert) ist ein weiteres potenzielles Opfer aus Hamm. Die bald 70-jährige Frau lebt in Werries und hatte aus dem WA von der möglichen Betrugswelle erfahren. „Gott sei dank geht es bei mir nicht um ganz so viel Geld“, sagt die Rentnerin, als sie sich in der Redaktion meldet. 12.105 Euro habe sie im Juni 2021 bei der „Pro Sachwerte“ angelegt. 4,5 Zinsen hätte es für ein Jahr Festgeld geben sollen. Auf 12.650 Euro hätte ihre Anlage demnach steigen müssen.

„Doch als das Jahr abgelaufen war, kam nichts“, sagt die Rentnerin. Mehrfach habe sie bei „Pro Sachwerte“ angerufen und die Firma auch angeschrieben. Gebracht habe das aber gar nichts. „Irgendwann haben die gesagt, dass ich den Vertrag nach einem Jahr hätte kündigen müssen, aber das stimmt doch gar nicht“, so die 69-jährige Hammerin aus Werries.

In ihrer Not habe sie sich damals auch an die Hammer Polizei gewandt. „Zweimal habe ich da angerufen“, sagt Ingeborg Müller. Die Beamten hätten gesagt, dass gegen die Firma nichts vorliege und man deshalb nichts für sie ausrichten könne.

Immerhin habe sie eine Rechtsschutzversicherung. Über die sei sie an eine Anwältin in Bayern gekommen, die sie nunmehr vertrete. Nach zwei gescheiterten Versuchen habe man im Oktober 2023 endlich ihre Forderungen gegen die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ am Landgericht Darmstadt hinterlegen können.

Rätselhaft bleibt auch für Ingeborg Müller, wie die Firma aus Neu-Isenburg im Juni 2021 wissen konnte, dass ihre Lebensversicherung – in diesem Fall bei der „uniVersa“ – just abgelaufen war. „Die haben mich direkt darauf angesprochen und gesagt, dass sie mir ein tolles neues Angebot machen könnten“, sagt sie dem WA. „Ich weiß nicht, woher die das mit der Lebensversicherung bei der ,Pro Invest’ wussten.“

Auch sie habe damals persönlichen Besuch von einem Vertreter bekommen. Wie auch bei den anderen Hammer Fällen sei der Mann von außerhalb angereist. Zuvor habe es per Telefon eine Kontaktaufnahme gegeben.

Immer schon sei sie bei der „uniVersa“ gewesen. Sie habe nur eine kleine Rente und das Geld aus der Versicherung als zusätzliche Absicherung für ihren Lebensabend vorgesehen. „Und jetzt scheint es weg zu sein. Immerhin ist es nicht so viel Geld wie bei den anderen Leuten aus Hamm“, sagt Ingeborg Müller.

30 Klagen

Ingeborg Müllers Fall liegt also beim Landgericht in Darmstadt. Wie ein Sprecher des Gerichts am Montag auf WA-Anfrage mitteilte, seien es insgesamt knapp 30 Klagen, die mittlerweile dort bearbeitet würden. Die meisten seien im Jahr 2023 eingegangen. Weil es offenbar Probleme mit der Zustellung bei der Firma in Neu-Isenburg gebe – die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ ist offenbar auch für Anwälte nicht erreichbar – müsse der Weg über die öffentliche Zustellung gewählt werden. Versäumnisurteile gebe es bislang noch nicht.

Einschreiben des WA in Neu-Isenburg auf der Heizung

Kleine Posse am Rande dieser Recherche: Der WA hatte die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ schriftlich um eine Stellungnahme zu den Vorgängen gebeten. Am 26. Januar wurde das Einwurf-Einschreiben auf den Weg gebracht, am 29. Januar wurde es laut der Sendungsverfolgung an der Zieladresse Werner-Heisenberg-Straße 2b in Neu-Isenburg zugestellt. Für den WA war dies überraschend, denn zuvor war Anwälten eben dies nicht gelungen.

Das WA-Einschreiben lag im Foyer auf einer Heizung.

Eine Anfrage bei der Post-Pressestelle ergab, dass der Zusteller keine Probleme mit dem Einschreiben gehabt hätte. „Es muss dort einen ordnungsgemäß beschrifteten Briefkasten geben, aus dem auch keine Post herausquillt“, sagte Postsprecher Rainer Ernzer. Ein Kollege der Offenbach-Post schaute am 2. Februar in Neu-Isenburger Bürokomplex nach: Briefkästen gibt's dort, aber nicht von der „Pro Sachwerte Invest GmbH“.

Auch Inhaber von Pfändungsschutzkonten (P-Konten) bei der Postbank haben massive und massenhaft auftretende Probleme. Ein Fall aus Hamm belegt die Mängel nun auf krasse Weise.

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