Millionen allein in Hamm verschwunden

Abgetauchte Invest GmbH: Betrug mit auslaufenden Lebensversicherungen

Die Firmenadresse der „Pro Sachwerte“ in Neu-Isenburg, einem Vorort von Frankfurt am Main: In den von der GmbH angemieteten Büros ist niemand mehr.
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Die Firmenadresse der „Pro Sachwerte“ in Neu-Isenburg, einem Vorort von Frankfurt am Main: In den von der GmbH angemieteten Büros ist niemand mehr.

Millionen Euro aus Lebensversicherungen sind spurlos verschwunden. Das geht aus neuen Erkenntnissen hervor. Ein spezieller Fall in Hamm bringt Licht ins Dunkel.

Hamm/Neu-Isenburg – Es geht um womöglich mehrere hundert Millionen Euro. Geld, das zum Beispiel aus auslaufenden Lebensversicherungen stammt und nunmehr verbrannt zu sein scheint. Bundesweit gibt es potenziell Geschädigte, doch erst durch einen Fall aus Hamm kommt der sich abzeichnende Skandal um die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ aus Hessen nunmehr ans Licht.

Herr C. fuhr mit einem schicken Geländewagen vor. Er hatte eine weite Anreise, war akkurat gekleidet und sprach akzentfrei Deutsch. „Das war ein Netter“, sagt Georg Schneider* über die Begegnung mit dem Außendienstler.

Dass der nette, ihm aber gänzlich unbekannte Herr C. damals ausgerechnet bei ihm im Hammer Süden vor der Haustür stand und zudem ganz genau wusste, dass ein Rentenspar-Vertrag bei der Targobank just fällig geworden war, erzeugte kein nachhaltiges Misstrauen. Wirklich gut erinnern kann sich Georg Schneider (Name von der Redaktion geändert) aber nicht mehr an diese Zeit. „Ach, das ist ja schon so lange her. Ich glaube, das war doch im Jahr 2019, oder?“

Zwei-, vielleicht auch dreimal sei der Herr C. persönlich bei ihm vorbeigekommen. Danach sei alles nur noch übers Telefon gelaufen. „Aber zum Schluss ging auch da niemand mehr dran.“

Geredet wurde über Geld – über viel Geld, an das er nun nicht mehr herankommt. Laut Schneiders Anwalts sind es gut 400 .000 Euro, die sich der Senior von der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ für festverzinsliche und angeblich risikofreie Anlagen abschwatzen ließ. Eine unvorstellbare Summe, denn der 73-jährige Hammer war in seiner aktiven Zeit nur ein kleiner Angestellter und hat heute eine Rente von lediglich 1 160 Euro im Monat. Aber Schneider hat sein Leben lang gespart und sich fast nichts geleistet. Möglich wurde das Anhäufen seines Vermögens auch deshalb, weil er immer bei seinen Eltern gelebt hat. Seit diese tot sind, bewohnt Georg Schneider die in die Jahre gekommene Doppelhaushälfte allein und lebt dort ziemlich zurückgezogen.

Es geht um viel Geld: Ob die Anleger das von ihnen in gutem Glauben investierte Geld noch mal wiedersehen werden, ist fraglich. Die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ aus Hessen hat offenbar hunderten Senioren eine „risikofreie Anlage“ schmackhaft geredet – darunter auch diverse Geschädigte in Hamm.

Millionen allein in Hamm verschwunden

Allein ist Georg Schneider trotzdem nicht – zumindest was das Geld betrifft. Er teilt sein Schicksal mit offenbar hunderten potenziell Geschädigten aus dem ganzen Bundesgebiet. Allein in Hamm scheinen Betroffene mindestens mehrere Millionen Euro bei der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ angelegt zu haben. Das ergibt sich allein schon aus den Erfahrungen, die der (unter anderem) auf Bank und Kapitalmarktrecht spezialisierte Rechtsanwalt André Döttelbeck in seiner Kanzlei am Hammer Otto-Krafft-Platz gemacht hat.

Acht Mandanten hätten sich wegen der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ hilfesuchend an ihn gewandt, teilt Döttelbeck wa.de mit. Drei davon hätten Investitionsvolumen von 25 .000 bis 75. 000 Euro bei der Gesellschaft angelegt und fürchteten nun den Totalverlust. Bei den übrigen fünf seien es zwischen 150. 000 und 700 .000 Euro gewesen. Auch sie sehen für ihr Geld schwarz. Alle Mandanten seien älter als 65 Jahre, der Älteste habe sogar schon die 90 Jahre überschritten.

Anders als diverse Kapitalanlagerechts-Kanzleien hat André Döttelbeck keine Offensive in Sachen „Pro Sachwerte“ gefahren und buhlt im Netz auch nicht um Mandantschaft. Seine acht Klienten seien normale Bestandskunden, die sich teils schon seit Jahren von ihm und seinen Kanzlei-Kollegen vertreten ließen.

Allein in der Kanzlei Döttelbeck beläuft sich der im Raum stehende Schaden auf eine siebenstellige Summe. Laut des Hammer Anwalts steht zudem zu befürchten, dass die so genannten Festzinsanlageverträge bei der „Pro Sachwerte“ vielfach noch laufen und die Anleger noch gar nicht ahnen, dass ihr Geld womöglich in dunklen Kanälen versickert ist.

4 bis 6,5 Prozent fürs Festgeld

Es ging nicht um absurd hohe Gewinnversprechen, die die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ ihren Anlegern machte. Laut Döttelbeck wurden 4 Prozent Zinsen bei höheren Einlagen und 6,5 Prozent bei kleineren Beträgen zugesichert. Die Laufzeit habe in der Regel bei einem Jahr gelegen. Gleichwohl waren dies Angebote, die in der (Vor-)Coronazeit von keinem etablierten Bankhaus gemacht wurden.

Lukrativ wurde die Angelegenheit für die in Hessen ansässige Gesellschaft gerade deshalb, weil die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ anscheinend Kenntnis von auslaufenden Lebensversicherungen bei diversen Versicherern hatte. Nicht nur von Anlegern bei der Targobank wie im Fall von Georg Schneider, sondern auch solchen, die von der AXA, der Allianz, der CosmoDirekt oder der Ergo kamen und mit der Fälligkeit über hohe Summen verfügten.

Auch im Internet findet sich Foreneinträge, in denen potenziell Geschädigte berichten, zunächst einen Anruf von Pro Sachwerte über einen neuen Vermögensplan erhalten und anschließend persönlichen Besuch von einem Vertreter bekommen zu haben.

Im Fall von Georg Schneider waren es laut Rechtsanwalt Döttelbeck elf Einzelverträge, die als so genanntes „Grundinvest“ geschlossen wurden, Alle Verträge seien 2019 in Form eines Festzinsanlagevertrags mit einjähriger Laufzeit geschlossen worden. Das Geld samt Zinsen hätte 2020 zur Auszahlung fällig sein müssen wurden, ohne das dafür eine Kündigung nötig gewesen wäre. In einem Fall sei bei Georg Schneider ein Anschlussvertrag mit Fälligkeit in 2021 abgeschlossen worden.

BaFin forderte: Geld sofort zurückzahlen

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) schaltete sich Anfang 2023 in die Angelegenheit ein. Am 14. Februar wurde der „Pro Sachwerte GmbH“ per Bescheid aufgegeben, ihr Einlagengeschäft einzustellen und abzuwickeln. Für die Finanzwächter steht fest: „Die in Neu-Isenburg ansässige Pro Sachwerte Invest GmbH hat Anlegerinnen und Anlegern angeboten, Gelder aus gekündigten Lebensversicherungsverträgen oder Vermögensanlagen bei ihr anzulegen. Sie hat damit unbedingt rückzahlbare Anlegergelder in einem Umfang angenommen, der einen kaufmännisch eingerichteten Geschäftsbetrieb erfordert. Sie betreibt somit das Einlagengeschäft ohne die dafür erforderliche Erlaubnis der BaFin“, wurde der Sachverhalt in einer im Juni 2023 veröffentlichten BaFin-Bekanntmachung öffentlich gemacht.

Die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ sei verpflichtet, „ihre unerlaubt betriebenen Geschäfte sofort einzustellen und die angenommenen Gelder unverzüglich und vollständig an die Anlegerinnen und Anleger zurückzuzahlen“, heißt es darin des weiteren.

Pro Sachwerte antwortet nicht

Starke Worte, die aber bei der „Pro Sachwerte“ anscheinend ohne die erhoffte Wirkung blieben. Ob einzelne Anleger ihr Geld zurückerhalten haben, ist nicht bekannt. Aber ähnlich wie Betroffene in Internet-Foren hält auch Rechtsanwalt Döttelbeck für seine Mandanten den Totalverlust ihres Geldes für wahrscheinlich.

Die „Pro Sachwerte“ ist indes nicht mehr erreichbar. Im Handelsregister ist zwar weiterhin die Werner-Heisenbergstraße 2b in Neu-Isenburg, einem Vorort von Frankfurt am Main, eingetragen. Doch dort ist anscheinend niemand mehr anzutreffen. Das Telefon wird nicht bedient, als wa.de es dort mehrfach versucht. „Der Anschluss ist uns nicht bekannt oder wird nicht unterstützt“, teilt eine elektronische Stimme mit. Auf eine schriftliche Anfrage unserer Redaktion gab es ebenfalls keine Reaktion.

Von der für die Adresse zuständigen Immobilienverwaltung erfuhr der WA, dass die „Pro Sachwerte“ bereits seit „mindestens einem halben Jahr“ nicht mehr Mieter in dem Komplex sei. Immer wieder gebe es auch Anfragen von potenziell Geschädigten, die teils auch persönlich, aber vergebens zu dem Bürohaus kämen, um Verantwortliche von „Pro Sachwerte“ zur Rede zu stellen. Wohin es die Gesellschaft verschlagen habe, wisse man nicht.

Auch Rechtsanwalt André Döttelbeck kommt in Neu-Isenburg nicht durch. „Pro Sachwerte antwortet überhaupt nicht. Die anhängigen Klagen müssen öffentlich zugestellt werden, da eine Zustellung an die Beklagte am Firmensitz in Neu-Isenburg nicht möglich ist“, teilt er der Redaktion mit. Anscheinend gebe es keine Geschäftsadresse und keinen Firmensitz mehr. Die Post gehe zurück, obwohl eine Sitzverlegung nicht beantragt worden sei. Über eine Insolvenz sei weiterhin nichts bekannt.

Staatsanwälte ermitteln

Bei der Hammer Polizei sind bislang keine Strafanzeigen von potenziell Geschädigten eingegangen. Anders ist das aber in Hessen. Von der Polizei in Offenbach will Georg Schneider erfahren haben, dass es hunderte Fälle gebe und der im Raum stehende Schaden bei mehreren 100 Millionen Euro liegen könne. Die Staatsanwaltschaft im benachbarten Darmstadt erklärt auf WA-Anfrage, dass sie seit dem Frühjahr 2023 ermittle und aktuell an zehn Fällen arbeite. Man gehe aber vom Eingang weiterer Anzeigen aus.

„Es gibt wohl bundesweit potenziell Geschädigte“, heißt es aus Darmstadt. Die Ermittlungen stünden noch am Anfang. Die von Schneider ins Spiel gebrachte Schadenssumme könne „noch nicht sicher“ festgestellt werden. Es lägen auch „noch keine gesicherten Erkenntnisse dazu vor, was mit den Kundengeldern passiert ist“. Es sei auch noch nicht bekannt, „wie die potenziellen Opfer ausgesucht wurden“. Die mutmaßlichen Taten gingen nach derzeitigem Ermittlungsstand „zumindest bis auf das Jahr 2018“ zurück. Auf die Frage, ob die Verantwortlichen der Gesellschaft für die Ermittler greifbar seien und ob es möglicherweise Durchsuchungen und/oder Arrestierungen von Geldern gegeben habe, heißt es aus Darmstadt, dass sich der Anfangsverdacht „aktuell noch nicht so weit verfestigt“ habe, „dass bereits strafprozessuale Maßnahmen ergriffen werden konnten“.

Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt kümmert sich um die „Pro Sachwerte Invest GmbH“. Es gebe ein Ermittlungsverfahren wegen des Tatvorwurf des Betruges, teilte deren Sprecher am Donnerstag auf WA-Anfrage mit. „Es handelt sich um ca. 100 potenziell geschädigte Personen“, heißt es von der Frankfurter Strafverfolgungsbehörde. Vor dem Hintergrund von Persönlichkeitsrechten und um die Ermittlungen nicht zu gefährden, könnten keine weiteren Angaben zur Sache gemacht werden.

Ein pfiffiger Rentner aus Hamm hatte 2020 sehr wahrscheinlich seinen Teil dazu beigetragen, dass eine international operierende Bande Telefonbetrüger in der Türkei aufgeflogen ist.

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