Als würde eine kleine, alte Welt untergehen...

Heessener Buchhändler Stern hört nach 40 Jahren auf

Ulrich Stern schließt seine kleine Buchhandlung an der Ahlener Straße nach fast 40 Jahren.
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Ulrich Stern schließt seine kleine Buchhandlung an der Ahlener Straße nach fast 40 Jahren.

Heessen – Ein bisschen ist es so, als würde eine kleine, alte Welt untergehen: Buchhändler Ulrich Stern schließt seinen Laden an der Ahlener Straße zum Ende des Monats; der Ausverkauf läuft. Der 75-Jährige wäre Anfang Oktober genau 40 Jahre lang als Buchhändler selbstständig – aber 39 Jahre und 9 Monate sind auch schon ziemlich lang.

Wer den aus zwei kleinen Räumen und einem Hinterzimmer bestehenden Laden betritt, findet sich in einer anderen Welt wieder. Jede Wand, sofern sie nur groß genug ist, ist mit Regalen bestückt. Der Weg in den hinteren Raum führt eng an Drehregalen vorbei, es sind drei, vier, fünf? Auf einem Stuhl stapeln sich Bücher – und der Blick nach vorn verrät: Auch dort herrscht die Literatur.

Ganz hinten sitzt Ulrich Stern hinter einem großen Schreibtisch. Darauf liegen Bücher, dort steht ein kleines Faxgerät, und der Händler liest im Börsenblatt des deutschen Buchhandels. Vor dem Bücherregal auf der linken Seite steht ein altes Ledersofa, und auch auf diesem hat Stern Bücher drapiert. Es bleibt genau die Fläche frei, die ein Mensch braucht, um Platz zu nehmen.

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"Bücher sind doch zeitlos"

Ein Sieben-Kilo-Buch über Holz steht im Regal, Salman Rushdie trägt hier noch einmal seine Satanischen Verse vor, und Siegfried Lenz ist gleich mit mehreren Büchern vertreten. Für das Foto wählt Stern einen großen Band von Günther Grass. Die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste? Ist auch da: Juli Zehs „Leere Herzen“ steht aufrecht im Regal, die neue Folge der Venedig-Krimis von Donna Leon liegt auf dem Sofa neben „Revanche“ von Martin Walker.

Nur: Die kennt man aus anderen Buchläden, aber wo steht jetzt noch die Biografie von Bill Gates? Ein Bildband über Soest aus dem Jahr 1989? Sarah Waterfelds „Sex mit Gysi“? „Neulich kam jemand rein und hat in den Büchern gestöbert und am Ende Bölls „Irisches Tagebuch“ gekauft“, sagt Stern, „das Buch lag bestimmt zehn Jahre bei mir im Laden.“ Und dann sagt er noch: „Bücher sind doch zeitlos.“

Ulrich Stern vor seinem Geschäft im Februar 2001.

"Amazon kann man nicht verurteilen"

Sind sie, und Ulrich Stern ist es auch. „Ich habe nur überlebt, weil ich so viele nette Stammkunden hatte“, sagt der Buchhändler. Er ist seinen Kunden dankbar. Aber: Es wurden mit der Zeit immer weniger. Einige sind mit ihm gealtert, andere starben. Kinder und Enkel früherer Kunden kommen heute – zuweilen aber nur ein Mal im Jahr, wenn sie weggezogen sind und in Heessen Verwandte besuchen.

Dass viele bei Amazon bestellen, macht ihm nicht viel aus: „Das kann man doch nicht verurteilen“, sagt er, „das Gerät dafür ist nun mal da.“

Bestellungen per Fax, nicht per PC

Ulrich Stern sagt auch: „Die Jüngeren lesen nicht mehr so viel, weil sie vom Computer angestrengt sind, die Älteren sind ausgelastet.“ Er selbst hat keinen Computer. „Was soll ich damit?“, fragt Stern. Er geht nicht ins Netz. Wenn ein Kunde ein Buch bestellt, dann ruft er beim Grossisten an oder bestellt per Fax – sein einziges Zugeständnis an die Moderne.

Viele Kunden aber stöbern und werden fündig. Da geht nicht nur das „Irische Tagebuch“ über den Tresen, sondern auch die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, Dantes göttliche Komödie. Wenn Stern über Bücher spricht, dann zeigt er auch mal dorthin, wo sie stehen. Oder standen.

„Der Laden war meine Intention“

Sterns Lesebiografie? Sein Lieblingsbuch? Der 75-Jährige erzählt lieber von einem Buch, das er erst beim zweiten Lesen geliebt hat: Albert Vigoleis Thelens „Die Insel des zweiten Gesichts“, die Geschichte eines 1931 nach Mallorca ausgewanderten Ehepaares. „Als junger Mann habe ich das Buch mal angefangen und nach drei, vier Seiten wieder weggelegt“, sagt er. „Zehn Jahre später habe ich es dann noch mal aufgeschlagen, gelesen und gemerkt: Was für ein Humor!“

Stern stammt aus Heessen, seine Mutter hatte ein Lebensmittelgeschäft direkt neben dem heutigen Buchladen, heute ist dort eine Pizzeria. In Ahlen machte er eine Buchhändlerlehre und arbeitete später in der Uni-Buchhandlung in Bochum. Auch als Pharmareferent verdiente er sich zeitweise seine Brötchen. Vor 40 Jahren dann entschloss er sich, den Buchladen aufzumachen: „Der Laden war meine Intention“, sagt Stern und lächelt.

„Besonders war Harry Potter"

An welche Höhepunkte erinnert er sich? Was war besonders? Ulrich Stern muss nicht lange überlegen: „Besonders war Harry Potter – vor allem deshalb, weil da Menschen in meinen Laden kamen, die sonst nie eine Buchhandlung betreten.“ Und: „Gödel, Escher, Bach“ von Douglas R. Hofstadter. „Das war in den Achtzigern“, sagt Stern, „das Buch habe ich zehn oder elf Mal verkauft, dabei kostete es 68 Mark.“

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