„Pro Sachwerte Invest GmbH“
Nach Betrug in Hamm: Sind die Verantwortlichen über alle Berge?
Eine Bundesbehörde äußert sich zu den dubiosen Finanzgeschäften der „Pro Sachwerte Invest GmbH“. Diese fanden auch in Hamm statt. Es gibt viele Fragen.
Hamm/Neu-Isenburg – Haben sich die Verantwortlichen der „Pro Sachwerte Invest GmbH“ längst ins Ausland abgesetzt? Diese Variante bringt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) ins Spiel. Wie eine BaFin-Sprecherin auf WA-Anfrage erklärt, sei die im hessischen Neu-Isenburg ansässige Firma auch für ihre Behörde nicht mehr erreichbar. Deshalb liege die Vermutung nahe, dass die Geschäftsführer der „Pro Sachwerte“ im Ausland abgetaucht seien, heißt es von den Bonner Finanzwächtern.
Wie berichtet, haben mindestens neun Menschen aus Hamm ihre Ersparnisse – im Einzelfall bis zu 700.000 Euro – bei der „Pro Sachwerte“ angelegt. Das Geld stammte vielfach aus ausgelaufenen Lebensversicherungen und wurde für ein Jahr festverzinslich (4 bis 6,5 Prozent) angelegt. Die meisten dieser so genannten „Festzinsanlageverträge“ wurden in 2019 abgeschlossen. Mit Fälligkeit kam es aber nicht zur Auszahlung. Das Geld scheint verschwunden zu sein.
Die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Darmstadt ermitteln seit Anfang 2023 wegen Betrugsverdachts in mehr als 100 Fällen und gehen von weiteren potenziell Geschädigten aus dem gesamten Bundesgebiet aus.
Einlagengeschäft ohne Erlaubnis der BaFin betrieben
Die BaFin war von besorgten Anlegern auf die „Pro Sachwerte Invest GmbH“ aufmerksam gemacht worden. Das erklärte BaFin-Sprecherin Dominika Kula auf WA-Anfrage. Daraufhin sei festgestellt worden, dass das Einlagengeschäft der „Pro Sachwerte“ ohne Erlaubnis der BaFin betrieben wurde, was aber nötig gewesen wäre. Im Februar 2023 wurde der Firma aus Neu-Isenburg per Bescheid aufgetragen, Geschäfte einzustellen und das Anlegergeld unverzüglich und vollständig zurückzuzahlen. Im Juni 2023 wurde das von der BaFin auch auf deren Homepage öffentlich gemacht.
Wie die Bonner Behörde weiter erklärt, sei die „Pro Sachwerte“ in der Anfangsphase für die BaFin noch am Firmensitz erreichbar gewesen. Später – vermutlich Anfang 2023 – habe man noch über eine Privatadresse mit einem der Verantwortlichen in Offenbach in Kontakt gestanden. Dort sei die Person aber nun auch nicht mehr erreichbar.
Nähere Angaben zur Kommunikation mit der „Pro Invest“ macht die BaFin nicht. Sie betont aber, dass sie mit den Staatsanwaltschaften in Darmstadt und Frankfurt zusammenarbeite.
Verbraucherschützer raten: „Schnell zum Anwalt“
Bleibt die Frage, wie die „Pro Sachwerte“ Kenntnis davon erlangen konnte, dass die Lebensversicherungen bei ihren Neu-Kunden gerade fällig geworden waren und die Menschen bei der Kontaktaufnahme über hohe Beträge verfügten. Die Verbraucherzentrale NRW kann hierzu nur spekulieren. Sie hat von der hessischen Firma und dem sich anbahnenden Betrugsskandal erst durch die WA-Recherchen erfahren.
Denkbar, so die Düsseldorfer Verbraucherschützer, sei ein Datenhack, der dann aber gleich mehrere Versicherer hätte betreffen müssen. Bekannt ist solch eine Cyber-Attacke zumindest bislang nicht. Die einfachste Erklärung wäre, dass die „Pro Sachwerte“ erst durch geschickten Nachfragen ihrer Telefonkräfte (ähnlich wie beim Enkeltrick) von den Vermögensverhältnissen und den auslaufenden Lebensversicherungen erfahren hat.
Wer beim Unternehmen Geld investiert hat, sollte laut Verbraucherzentrale „schnellstmöglich“ einen Anwalt (idealerweise mit Spezialisierung im Bereich Bank- und Kapitalmarktrecht) zu Rate ziehen, empfehlen die Verbraucherschützer. Nach einem ersten Beratungsgespräch könne die Sachlage besser bewertet und insbesondere entschieden werden, ob weitere rechtliche Schritte Erfolg versprechend sind und im Verhältnis zu dem damit einhergehenden Kostenrisiko stehen. „Im schlimmsten Fall werfen Verbraucher dem bereits verlorenen Geld noch frisches Geld hinterher“, gibt die Verbraucherzentrale NRW zu bedenken.