Absatzschwund

Autoindustrie: Deutsche Hersteller und das Märchen von stagnierenden Märkten

Während der globale Autoabsatz steigt, geraten Mercedes, Volkswagen und BMW immer stärker ins Hintertreffen. Warum profitieren deutsche Hersteller nicht vom Boom?

Berlin/München – Am Rande des Autogipfels im Kanzleramt wurde viel über die Zukunft der deutschen Autoindustrie gesprochen. Während Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) mit den Chefs von Mercedes, Volkswagen und BMW sowie weiteren Funktionären über Verkaufszahlen und Innovationen diskutierten, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Der weltweite Autoabsatz wächst – doch deutsche Hersteller profitieren davon kaum. Warum ist das so und kann das Gipfeltreffen wirklich neue Impulse setzen?

Absatzkrise der Autoindustrie gilt besonders für deutsche Hersteller

Die Autobauer Mercedes, Volkswagen und BMW klagen über die Folgen schrumpfender Absatzmärkte. Tatsächlich aber steigen die Verkaufszahlen von Autos, insbesondere in den bevölkerungsreichen Regionen China und USA. Das Problem: Die deutschen Hersteller verlieren in den wichtigsten Wachstumsmärkten an Bedeutung.

So konnte Mercedes-Benz nach Angaben des Handelsblatts in China zwischen Januar und August 58 Prozent weniger Elektroautos verkaufen, obwohl der Gesamtmarkt um 60 Prozent zulegte. Auch BMW und Volkswagen kämpfen mit sinkenden Marktanteilen, während die Konkurrenz – vor allem China-Hersteller – kräftig wächst.

Deutsche Hersteller und der Autogipfel: Subventionen statt Lösungen?

Automobilexperte Frank Schwope von der Fachhochschule des Mittelstands Köln äußert in dem Bericht des Wirtschaftsmagazins die These: „Es geht der Industrie beim Autogipfel auch darum, Subventionen abzugreifen.“ War dies also das eigentliche Anliegen bei dem Treffen zwischen Politik und Branchenvertretern in Berlin?

Mercedes auf der IAA: Der Stuttgarter Autobauer verzeichnet 2025 einen weiteren Absatzschwund.

Als eine der Maßnahmen sickerte bereits durch, dass die Steuerbefreiung für E-Autos verlängert wird, obwohl sie ursprünglich 2025 enden sollte. Auch eine neue Kaufprämie dürfte den Absatz hierzulande pushen – obwohl die Antriebsart auch ohne ein solches Instrument immer beliebter wird.

Dass ein Autogipfel die Absatzprobleme in China und den USA lösen kann, ist hingegen unwahrscheinlich. Die Diskussion um das Verbrenner-Aus in Europa lenkt laut Schwope nur davon ab, dass die deutschen Hersteller bei Elektroautos und Batterietechnologie ins Hintertreffen geraten sind.

Verbrenner-Aus und der Streit um die richtige Strategie

Das Aus für den Verbrennungsmotor ab 2035 bleibt ein heiß diskutiertes Thema. Zulieferer und Hersteller fordern eine Aufweichung der Regelung, weil sie noch immer viel Geld mit klassischen Motoren verdienen.

Bosch-Chef Stefan Hartung plädiert im Handelsblatt für mehr Technologieoffenheit, VW-Konzernchef Oliver Blume hält es „für unrealistisch, dass wir 2035 nur noch Elektromobilität haben“. Doch Branchenkenner Bratzel warnt davor, dass die Verunsicherung von Kunden gegenüber E-Autos dadurch nur noch größer werde.

Deutsche Hersteller müssten eigentlich mehr Elektroautos verkaufen, um Kosten zu senken – doch die Parallelentwicklung von Verbrenner und Elektro sorgt bei VW und Co. für hohe Mehrausgaben.

Deutsche Hersteller und die China-Konkurrenz – „sträflich vernachlässigt“

Die Autoindustrie in Deutschland hat „sträflich vernachlässigt, eine eigene Batteriefertigung aufzubauen“, findet Schwope darüber hinaus. Sechs der zehn größten Hersteller von Batteriezellen würden inzwischen aus China kommen.

Neue E-Auto-Generation: Konzernchef Oliver Zipse greifte bei der Vorstellung des BMW iX3 zu Superlativen.

Die deutschen Autobauer reagieren zwar mit Produktoffensiven und neuen Modellen, doch vor einem wesentlichen Punkt verschließen hiesige Anbieter die Augen: Die Angebote der konkurrierenden Hersteller – insbesondere aus China – sind meist günstiger und technisch mindestens ebenbürtig.

Autoindustrie: Premiumanspruch trifft auf schwieriges Konsumumfeld

Branchenkenner Stefan Bratzel lobt zwar die Fortschritte der deutschen Hersteller, deren neue Modelle „technisch deutlich besser“ geworden sind. Doch die hohen Preise decken sich nicht mit der Realität: Gerade in einem schwierigen Konsumumfeld kann das für Mercedes, Volkswagen und BMW zum echten Nachteil werden.

BMW versucht nun, mit einer neuen Elektroauto-Generation (“Neue Klasse“) zu punkten. Laut dem Finanzportal NTG24 haben jedoch auch hier Experten Zweifel am Durchbruch, aufgrund der Preispolitik. Volkswagen musste sogar die Produktion in einzelnen Werken unterbrechen, weil die Nachfrage fehlt – trotz steigender Absatzzahlen im Gesamtmarkt.

Absatz- und Aktienschwund bei deutschen Autobauern

Die sinkenden Verkaufszahlen schlagen sich auch auf die Aktienkurse deutscher Hersteller nieder. BMW musste jüngst eine Gewinnwarnung aussprechen und auch die Nutzfahrzeugsparte bleibt nicht verschont: Daimler Truck leidet unter rückläufigen Verkaufszahlen in Nordamerika und Asien, der Börsenwert ist seit Juli um rund 20 Prozent gesunken.

Spitzenreiter mit fast 19 Millionen Euro – so viel verdienen Chefs der DAX-Unternehmen

Deutschland erlebt wirtschaftlich turbulente Zeiten. Wie wirkt sich das auf die Chefs der DAX-Konzerne aus? Hier kommt die Übersicht mit den Top 30
Platz 30: Der Rückversicherer Hannover Rück verbuchte 2024 einen Rekordgewinn von rund 2,3 Milliarden Euro. Das Gehalt des scheidenden Vorstandsvorsitzenden Jean-Jacques Henchoz kletterte um etwa ein Drittel auf 2,7 Mio. Euro
Platz 29: DHL und die Deutsche Post erlitten 2024 einen deutlichen Gewinneinbruch. Auch die Vergütung mitsamt Boni des Vorstandschefs ist merklich gesunken: die Vergütung von Tobias Meyer schrumpfte auf 2,9 Mio. Euro
Platz 28: Der größte deutsche Immobilien-Konzern Vonovia sieht sich immer wieder Kritik ausgesetzt, angesichts von vermeintlich ungerechtfertigter Mieterhöhungen. 2024 schloss die Vonovia SE das Geschäftsjahr positiv ab. Vorstandschef Rolf Buch erhält aktuell Bezüge in Höhe von ca. 3,9 Mio. Euro
Spitzenreiter mit fast 19 Millionen Euro – so viel verdienen Chefs der DAX-Unternehmen

Der weltweite Autoabsatz wächst, doch deutsche Hersteller drohen in den wichtigsten Märkten den Anschluss zu verlieren. Dass der Autogipfel diesbezüglich die grundlegenden Probleme lösen kann, ist unwahrscheinlich. Die Branche muss sich erneuern, wenn sie international nicht den Anschluss verlieren will – und das gilt womöglich auch für den preislichen Anspruch. (PF)

Rubriklistenbild: © Sven Simon/Imago

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