Extreme Kälte?
Wetterphänomen soll „Jahrhundertwinter“ in Deutschland auslösen: Was hinter der Kälte-Prognose steckt
Ein Wetterphänomen sorgt für Diskussionen unter Wetterexperten – droht Deutschland ein Jahrhundertwinter? Was wirklich hinter der Prognose steckt.
Hamm – Kaum ist der Sommer vorbei und die Temperaturen sinken, schon geht die Angst vor dem großen Frost um: Wird Deutschland 2025 ein Jahrhundertwinter treffen? Es kursieren dramatische Warnungen vor sibirischer Kälte und meterhohem Schnee.
Schuld für die frostige Prognose ist ein Wetterphänomen. Ein schwächelnder Polarwirbel könnte eisige Luftmassen aus der Arktis freisetzen. Doch was ist dran an den Schreckensszenarien?
Wetterphänomen sorgt für Kälte-Prognose: Polarwirbel zeigt erste Schwächen
Wettermodelle sorgen aktuell für viel Aufsehen, selbst für den Advent wird stürmisches Wetter vorausgesagt. Der Polarwirbel – ein gewaltiger Windring in 20 bis 50 Kilometern Höhe über der Arktis – hält normalerweise die extreme Kälte im hohen Norden gefangen. Aktuelle Analysen deuten jedoch auf eine Abschwächung des Polarwirbels im Spätherbst 2025 hin.
So hat das Modell CFS der US-amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) seine zunächst milden Prognosen deutlich nach unten korrigiert: Lange wurden für den Winter 2025/26 überdurchschnittliche Temperaturen erwartet. Jetzt erwartet das Modell nur noch eine leicht positive Abweichung von 0,5 bis 1 Grad – was die Wahrscheinlichkeit für kältere Phasen offen lässt.
Zusätzlich verstärken La-Niña-Bedingungen im Pazifik die Unsicherheit. Das Climate Prediction Center (CPC) hat anhaltende La Niña-Bedingungen für den Winter 2025/26 bestätigt. La Niña ist das Gegenstück zu El Niño und sorgt in Europa für eine Tendenz zu niedrigeren Temperaturen und höherer Schnee-Wahrscheinlichkeit.
Jahrhundertwinter in Deutschland – Experten warnen vor Panikmache
Die Vorhersagen könnten also zumindest auf einen kalten Winter hindeuten. Doch droht Deutschland damit ein Jahrhundertwinter? Meteorologen bremsen die Hysterie. Dr. Karsten Brandt von Donnerwetter.de erklärt gegenüber der BILD-Zeitung: „Die beginnende La-Nina-Phase und ein zerzauster Polarwirbel erhöhen die Chance auf einen kälteren Winter in Europa“. Allerdings handele es sich dabei um eine Abschätzung, nicht um eine konkrete Prognose.
Noch deutlicher wird in dem Bericht Diplom-Meteorologe Dominik Jung von Wetter.net: „Der Mythos, dass der Polarwirbel den Winter eisiger macht, ist eine unterhaltsame meteorologische Märchenstunde. Reine Erfindung“. Wer jetzt schon von Extremwintern spreche, betreibe mehr Stimmungsmache als Meteorologie.
Der Polarwirbel und sein Einfluss auf unser Wetter:
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) definiert Polarwirbel als Tiefdruckwirbel, die sich in der Höhe über beiden Polen befinden. Sie verstärken sich regelmäßig im Winter, weil dann kein Sonnenlicht die Atmosphäre erwärmen kann und sich somit Kaltluft ansammelt.
Die Polarwirbel sind normalerweise sehr stabil und halten die Kälte in der Arktis bzw. Antarktis fest. Schwächt sich der Wirbel über der Arktis jedoch ab, so kann die kalte Luft ungehindert nach Europa vordringen. Genau das passierte zum Beispiel im Winter 2009/10, als wochenlange tiefe Temperaturen große Teile von Europa lahmgelegt haben.
SWR-Wetterexperte Gernot Schütz bringt einen weiteren entscheidenden Punkt ins Spiel: „Es gibt Indizien für eine gestörte Zirkulation, aber das bedeutet nicht automatisch einen Jahrhundertwinter“. Ein Extremwinter wie 1978/79 mit Temperaturen von minus 23 Grad ist dem Bericht zufolge heute aufgrund des Klimawandels höchst unwahrscheinlich. Winter werden im Durchschnitt milder, auch wenn Wetterextreme weiterhin möglich sind.
Wechselhafter Winter statt Dauerfrost
Auch die aktuellen Wettermodelle zeichnen ein differenziertes Bild. Das europäische ECMWF-Modell erwartet einen wechselhaften Winter. Teils kalte Phasen wechseln sich mit längeren milderen Abschnitten ab. Ein Jahrhundertwinter mit konstant sehr niedrigen Temperaturen und viel Schneefall lässt sich mit den vorliegenden Daten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorhersagen.
Laut Schütz seien zuverlässige Prognosen für Kälteeinbrüche erst ein bis zwei Wochen im Voraus möglich, die entscheidenden Entwicklungen ließen sich demzufolge frühestens im Dezember oder Januar abschätzen. Es bleibt also zunächst abzuwarten, was der Winter 2025/26 für Deutschland bringt. (Quellen: NOAA, CPC, ECMWF, DWD, NDR, RND) (phs)