Mittel gegen Adipositas
„Gefahr, dass sie zu Mode-Substanz wird“ – was hinter der Abnehmspritze „Wegovy“ steckt
Abnehmen dank Spritze? Das verspricht das neue Medikament „Wegovy“. Das ist nun auch in Deutschland erhältlich. Aber was steckt dahinter?
Hamm - Abnehmen, ohne Jojo-Effekt – das wünschen sich viele Menschen, die unter Übergewicht leiden und ihre Pfunde verlieren wollen. Doch das ist nicht so einfach. Häufig scheitern Diäten und Menschen mit Adipositas leiden weiterhin an den gesundheitlichen Folgen. Seit dem 17. Juli können Ärzte in Deutschland und NRW die Abnehmspritze „Wegovy“ gegen Fettleibigkeit verschreiben. Doch was steckt dahinter? Handelt es sich bei dem Medikament um ein Wundermittel?
„Wegovy“ Abnehmspritze: Was steckt hinter dem Medikament?
„Wegovy“ ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das beim Abnehmen und Halten des Gewichts unterstützen soll. Bislang ist das Präparat in den USA, Dänemark und Norwegen erhältlich – seit kurzer Zeit verschreiben auch Ärzte in Deutschland die Abnehmspritzen. Apotheken können das Präparat im Großhandel bestellen, aktuell seien die Spritzen aber laut Birte Kassenbrock von der Apothekerkammer Westfalen Lippe noch nicht lieferbar.
Wie wirkt die Abnehmspritze?
Dr. Röhrborn, Chefarzt und Leiter des Adipositas-Zentrums der St. Barbara Klinik in Hamm, gibt einen Überblick, was hinter der Abnehmspritze steckt. „Im Darm wird ein Hormon gebildet, das auf zahlreiche weitere Organe und das Hirn wirkt, indem es unter anderem ein Sättigungsgefühl bewirkt“, erklärt der Chefarzt. Das Hormon nennt sich GLP-1 und werde kontinuierlich vom Darm gebildet, aber auch wieder abgebaut, nachdem es wirksam wurde. Die Haltbarkeit des Hormons und dem damit einhergehendem Sättigungsgefühl sei nur sehr kurz. Pharmaforscher entwickelten deshalb eine Substanz dieser Wirkung, die länger im Blut verbleibt. Und diese sei Bestandteil der neuen Abnehmspritze „Wegovy“ – ein Medikament, mit dem zum ersten Mal ein Gewichtsverlust bei Patienten hervorgerufen werde, so Dr. Röhrborn.
Und dabei stellt die „Wegovy“ Abnehmspritze, so Dr. Scheffer, Chefärztin in der Sportklinik Hellersen, eine höher dosierte Form des Medikaments „Ozempic“ dar – ein Mittel, das einige Diabetiker verschrieben bekommen.
Das Besondere an „Wegovy“: Die Proteinstruktur wurde laut Dr. Röhrborn so verändert, dass das Hormon über eine Woche im Blut verbleibt und wirkt. Die Spritze mit dem Hormon sagt dem Gehirn quasi: „Du bist satt“, so der Chefarzt. Doch diese Wirkung lässt nach einer Woche wieder nach - und dann bekommt der Patient wieder Hunger. Aus diesem Grund muss das Medikament einmal in der Woche verabreicht werden.
„Sehr wahrscheinlich muss eine Behandlung mit der Abnehmspritze lebenslänglich durchgeführt werden“, erklärt Dr. Röhrborn. Und auch im Vergleich zu einer Magenbypass-OP hat die Substanz der Abnehmspritze nur eine Wirkung – beim Magenbypass wird beispielsweise auch die Nahrungsaufnahme vermindert.
Für wen ist die Abnehmspritze gedacht?
Birte Kassenbrock erklärt, dass es natürlich eine Voraussetzung dafür gibt, wer die Abnehmspritze bekommen darf. „Personen mit einem BMI von ≥ 30 kg/m² (Adipositas) oder ≥ 27 kg/m² bis < 30 kg/m² (Übergewicht), bei denen mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankungen, wie z.B. Diabetes mellitus Typ 2, Hypertonie, Dyslipidämie oder Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegt, dürfen die Spritze verschrieben bekommen“, so Kassenbrock.
„Wegovy“ Abnehmspritze: Gibt es gefährliche Nebenwirkungen?
Gefährliche Nebenwirkungen nennt Dr. Röhrborn nicht. Einige Nebenwirkungen könnte es im Magen-Darm-Trakt geben, so zum Beispiel Übelkeit oder Verstopfungen. „Diese sollen im Laufe der Behandlungsdauer verschwinden und dann wird das Medikament gut toleriert“, so der Chefarzt.
Und eine weitere Gefahr sieht der Leiter des Adipositas-Zentrum außerdem – die Gefahr, dass die Spritze zu einer Mode-Substanz werde. Das bestätigt auch die ärztliche Direktorin der Sportklinik Hellersen. „Das Präparat und der Wirkstoff sind jetzt total in Mode gekommen und werden gehyped. Dadurch gibt es jetzt auch Lieferengpässe“, so Dr. Scheffer. Und auch Kassenbrock betont: „Die Spritzen sind keine Wundermittel, die man ‚einfach so‘ nimmt, um auf die Schnelle ein paar Kilo abzunehmen.“
Kosten der „Wegovy“ Abnehmspritze
Die ganze Prozedur ist nicht ganz billig. Die Kosten für die Abnehmspritze belaufen sich monatlich, so Dr. Röhrborn, auf 300 Euro. „Dabei handelt es sich jedoch auch um die Höchstdosis des Präparats“, so Dr. Schäfer. Der Betrag werde auch nicht von der Krankenkasse übernommen, Patienten müssen das also aus eigener Tasche bezahlen.
Anfang des Jahres äußerten sich auch Hammer Krankenhäuser zu Engpässen bei Arzneimitteln. Diese seien kein neues Phänomen, es habe sie auch schon vor Corona und der Störung von Lieferketten gegeben; allerdings habe sich die Situation verschärft.
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