Gespräch mit Experten

Immer wieder Messerangriffe in NRW – „extrem gefährlich“

Messerangriffe in NRW machen in den vergangenen Monaten immer wieder Schlagzeilen. Ist das ein Grund zur Sorge? Und wer sind die Menschen, die bewaffnet das Haus verlassen?

Köln – Sie waren enge Freunde, spielten gemeinsam Basketball. Doch ein Streit um Nichtigkeiten kostete Volodymyr (17) und Artem (18) das Leben. Ein 15-Jähriger soll die Ukrainer vor mehreren Wochen vor dem Oberhausener Hauptbahnhof erstochen haben. Seither ist die Diskussion um Messerangriffe in NRW und darüber hinaus wieder neu entbrannt. Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) zeigte sich zuletzt besorgt über die steigende Anzahl der Vorfälle im Land. Doch wer sind die Menschen, die das Haus mit einem Messer verlassen? Und warum tun sie das?

Immer mehr Messerattacken in NRW – NRW-Innenminister Reul ist „besorgt“

Innerhalb der Polizei beobachte man schon seit Längerem eine Entwicklung, dass „immer häufiger Messer mitgeführt werden und diese im Zweifelsfall auch immer öfter zum Einsatz kommen“, sagt Michael Mertens, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in NRW, im Gespräch mit wa.de. Diese Wahrnehmung spiegelt sich auch in der jüngeren Statistik wider. In der ersten Jahreshälfte von 2023 gab es in NRW mehr als 3.000 Fälle von Straftaten mit Stichwaffen, wie aus einem Bericht des Landesinnenministeriums hervorgeht. Zum Vergleich: 2022 waren es knapp 4.200 Fälle – im gesamten Jahr. Zuvor waren die Zahlen in der Tendenz in NRW gesunken.

GDP-Vize Michael Mertens warnt vor Messerkriminalität in NRW: „Extremst gefährlich.“ (Archivbild/Symbolbild/IDZRNRW-Montage)

Für Polizistinnen und Polizisten bedeute die Entwicklung eine höhere psychische Belastung, so Mertens. Beim Einschreiten sei extremste Vorsicht geboten. „Normalerweise leben solche Einsätze auch von einer angemessenen Nähe, um eine Situation zu deeskalieren.“ Die Kräfte versuchen dann, mit dem Gegenüber zu sprechen, sich als Person statt nur als Polizist zu präsentieren. „Doch wird ein Messer vermutet, so kann diese Nähe lebensgefährlich sein.“ Blicke man dem Gegenüber ins Gesicht, wisse man nie, was dessen Hände gerade machen. Im Ernstfall gebe es nur eine Alternative, um sich und die Kollegen zu schützen: die Schusswaffe.

Hat Berichterstattung über Kriege und Waffen Einfluss auf Messerkriminalität?

Auch Prof. Dr. Dietmar Heubrock, Rechtspsychologe an der Uni Bremen, bezeichnet die Fallzahlen der Messerangriffe im Gespräch mit wa.de als „bedenklich“. Der Anstieg sei dem Experten zufolge möglicherweise auch auf die weltpolitische Lage zurückzuführen. „Gewalt in Form von Kriegen ist wieder mehr in das öffentliche Bewusstsein gewandert. Es wird beispielsweise wieder häufiger über Kriegswaffen gesprochen, sodass sich jüngere Menschen wieder mehr für Waffen interessieren.“ Grundsätzlich sei das Mitführen von Messern aber schon vor vielen Jahren ein Dauerthema in der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland gewesen.

Die Zielgruppe für Messer ist „jung und männlich“ – woran liegt das?

Laut Mertens sei die Zielgruppe für Messer und Co. „überwiegend jung und männlich“. Doch warum fühlen sich gerade Jungen und junge Männer zu den Waffen hingezogen? „Jungs sind in der Regel Einzelgänger, Gewalt ist bei ihnen häufig offen aggressiv, beispielsweise in Form von Schlagen oder Stechen“, erklärt Wissenschaftler Heubrock. „Mädchengewalt, die wir zweifelsohne auch haben, ist meist weniger offen aggressiv. Mädchengruppen tun sich zusammen, mobben oder bedrohen – also etwas softere Methoden, in Anführungszeichen.“

In mehreren NRW-Städten gibt es seit einiger Zeit Waffenverbotszonen, wie hier in Köln.

Vor einiger Zeit führte Heubrock für das TV-Format Galileo ein Experiment in Köln durch, dass diese Vermutung stützt. „Auf Tapeziertischen haben wir Anscheinswaffen aller Art platziert, von einer kleinen Pistole bis zu großen Waffen. Jungs und junge Männer sind sofort dahin, haben gefragt, ob sie die mal anfassen dürfen und haben Selfies gemacht.“ Mädchen und Frauen seien hingegen deutlich zögerlicher gewesen, hätten die Waffen nur selten angefasst. „Es scheint also einen Genderaspekt zu geben, der laut einer Theorie genetisch verankert ist.“

Verbotszonen und Metalldetektoren – wirksam gegen Waffenkriminalität?

Doch was können Politik und Gesellschaft tun, um die Problematik einzudämmen? Erste Versuche gibt es seit einiger Zeit in NRW: Verschiedene Kriminalitätshotspots wurden zur Waffenverbotszone erklärt, wie beispielsweise temporär der Essener Hauptbahnhof sowie Teile von Köln und Düsseldorf. GDP-Chef Mertens hält diese Regelung für sinnvoll: „Besonders in Eventbereichen, wo viele Menschen zusammenkommen, bietet das die rechtliche Möglichkeit, Messer schneller aus dem Verkehr zu ziehen.“

Aber das reicht nicht, sind sich der GDP-Chef und der Rechtspsychologe einig. Insbesondere müsse mehr für die Prävention getan werden. Denn man könne nicht ganz Deutschland zu einer Waffenverbotszone erklären, das sei für die Polizei nicht kontrollierbar, betont Mertens. „Man muss junge Menschen erreichen, und ihnen vermitteln, dass Messer gefährlich sind, dass sie tödlich sind“, sagt Mertens.

Heubrock ergänzt, dass man ihnen klarmachen müsse, dass es – wenn man erwischt wird – ernsthafte Konsequenzen haben kann. Auch Metalldetektoren beispielsweise vor Schulen, wie es sie in den USA gibt, hält der Experte zumindest in der Theorie für denkbar. Klar ist aber: „Wir müssen als Gesellschaft über Maßnahmen nachdenken.“ (mg)

Rubriklistenbild: © Loop Images/Imago & Funke Foto Services/Imago

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