Buch „Chaosköpfe“

Alltag mit drei hochbegabten Kindern: Eine Mutter erzählt

Patrizia Frank, Autorin des Buches „Chaosköpfe - aus dem Leben mit drei hochbegabten Kindern“
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Patrizia Frank, Autorin des Buches „Chaosköpfe - aus dem Leben mit drei hochbegabten Kindern“

Als Mutter von drei hochbegabten Kindern erlebt Patrizia Frank nicht nur Begeisterung. Ihr Buch soll Blickwinkel verändern helfen. Aufgewachsen in Hamm, lebt die Autorin heute in Welver.

Hamm – Patrizia Franks Kinder passen nicht in die Norm. Alle drei sind hochbegabt. Über ihre Erfahrungen hat die gebürtige Hammerin ein Buch geschrieben, das sie unter anderem beim Hochbegabten-Verein „Mensa“ vorstellen wird. Constanze Juckenack hat mit der 41-Jährigen gesprochen. Sie lebt mit ihrer Familie in Welver.

Ihr Buch heißt „Chaosköpfe – aus dem Leben mit drei hochbegabten Kindern“. Das Wort „hochbegabt“ kommt im Titel vor. Haben Sie keine Angst, versnobt zu wirken?

Patrizia Frank: Keine Angst, nein. Aber ich habe mich gewappnet. Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel bei einem Ableger der „Zeit“ über die Erfahrungen mit meinen hochbegabten Kindern veröffentlicht. Damals habe ich viele negative Rückmeldungen erhalten. Man warf mir vor, die Begabung als Entschuldigung dafür zu missbrauchen, dass ich meine Kinder nicht erziehen könne und uns für etwas Besseres hielte. Dabei wollte ich aufklären. Ich habe mich diesmal auf ähnliche Reaktionen vorbereitet.

Und den Begriff trotzdem gewählt.

Frank: Ja, weil es der Terminus ist, den man für den Zustand unserer Kinder benutzt. Mit dem Wort wollte ich klarstellen, was Leser erwartet, und Eltern in ähnlicher Situation ansprechen. Ich habe diesmal aber keine einzige negative Reaktion erhalten, stattdessen positives Feedback. Vielleicht kommt etwas in Gang.

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihre Kinder anders sind?

Frank: In den ersten Lebenswochen unseres ältesten Sohnes. Hochbegabung und alles, was damit verbunden ist, waren damals weit weg. Aber ich hatte Freundinnen mit Babys in einem ähnlichen Alter und habe beobachtet, dass sie längst wieder im Café saßen, ihre Kinder guten Gewissens bei den Vätern lassen konnten. Ich dagegen war am Stillstuhl wie festgetackert. Der Kleine ließ sich nicht ablegen, geschweige denn jemand anderem geben.

Erst mal ist das ein Zeichen dafür, dass das Baby anspruchsvoll ist.

Frank: Ja. Dass es in Richtung kognitiver Leistung gehen könnte, haben wir lange nicht gemerkt. Wir haben unser Kind zu Hause als lieben Kerl erlebt, auch pfiffig, ja. Aber wir dachten, dass alle Kinder so sind. Dass etwas anders ist, wussten wir, als er von alleine lesen konnte.

Das war vor der Schule.

Frank: Ja. Er sagte plötzlich: „Mama, auf der Butter steht ungesalzen. Gibt es auch salzige?“ Ich habe seine Frage beantwortet und dann gefragt, woher er das Wort kennt. Er erklärte uns, dass er die einzelnen Buchstaben auf der Butter-Verpackung gesehen und sie in seinem Kopf einfach zusammengezogen hat. Auch das Rechnen fiel ihm leicht.

Wie ging die Schule damit um?

Frank: Sehr unterschiedlich. Negativ eingebrannt hat sich mir das, was wir beim ersten Grundschullehrer an der ersten Grundschule erlebt haben: Er vertrat den Ansatz, dass Kinder erst Zahlen erspüren sollten, Ziffern kneten und mit Plättchen legen. Daran hatte mein Sohn keine Freude, er wollte rechnen. Er tat nicht, was der Lehrer wollte – das hat der Lehrer kritisiert. Er schlug vor, unseren Sohn auf eine Förderschule zu schicken. Wir haben gesagt, dass wir eine Hochbegabung vermuten. Dazu meinte der Lehrer: „Ich kann verstehen, dass Sie sich wünschen, dass Ihr Kind etwas ganz Besonderes ist. Aber Sie müssen ihn so sehen, wie er ist.“ Der Satz sagt alles über die Wirkung des Wortes „hochbegabt“. Wir als Eltern und vor allem unser Sohn waren in Not, aber das hat der Lehrer nicht annehmen können, weil er meinte, wir wollten unser Kind hervorheben und erwarteten Spitzenleistungen.

Worin bestand die Not?

Frank: Unser Sohn hat darunter gelitten, dass er sich selber als nicht richtig wahrgenommen hat. Er hat gemerkt: Das passt vom Schulstoff her nicht. Er war dauergestresst vom Lernen und davon, dass er den Anforderungen nicht gerecht werden konnte. Nicht, weil er sie kognitiv nicht bewältigen konnte, sondern weil er offensichtlich anders tickte als die meisten. Er hatte das Gefühl absoluter Isolation.

Was haben Sie gemacht?

Frank: Wir haben uns beraten lassen, viel mit der Schule gesprochen, später die Schule gewechselt. Dabei hat er eine Klasse übersprungen und kam zu einer Lehrerin, die ihn toll begleitet hat.

Können alle hochbegabten Kinder vor der Schule lesen, wie ihr erster Sohn?

Frank: Nein. Das sehen wir im Vergleich unseres älteren Sohnes mit seinem jüngeren Bruder. Die beiden erreichen in IQ-Tests ähnliche Werte, sind aber völlig unterschiedlich. Während der Erste Hochleistungen erbringt, wenn man ihn lässt, macht der Zweite nur, was er muss.

Und wie erkenne ich dann ein hochbegabtes Kind?

Frank: Ohne IQ-Testung gar nicht. Frühes Lesen kann ein Indiz sein, muss es aber nicht. Häufig beschäftigen sich besonders begabte Kinder früh mit komplexen Themen, denken mit drei oder vier Jahren über den Tod und die Seele nach. Viele hochbegabte Kinder haben zudem einen extrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich würde jedem Elternteil raten: Wenn ich ein Bauchgefühl habe, mein Kind braucht Unterstützung – egal, in welchem Bereich – gibt es Fachleute, an die man sich wenden kann und sollte.

Sie nennen Ihr Buch auch: Chaosköpfe. Wie muss man sich Ihr Familienleben vorstellen?

Frank: Es ist immer was los. Wir haben uns bewusst für drei Kinder entschieden und nie angenommen, dass das ein Spaziergang ist. Die Kinder sind sehr lebhaft, es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwas anders ist als ich es morgens geplant habe. Klassische Erziehungsmethoden haben wir aufgegeben. Unsere Kinder sind in ihrer autonomen Persönlichkeit so weit ausgereift, dass wir nur begleiten und Ratschläge geben können.

Ist so was Banales wie ein gemeinsames Abendessen an einem Tisch überhaupt möglich?

Frank: Ja. Unsere Kinder verhalten sich zum Glück oft regelkonform. Aber wenn alle gemeinsam an diesem Tisch sitzen, gibt es keinen Moment, in dem niemand redet oder meint, jetzt sofort singen, reimen oder einen Vortrag halten zu müssen.

Wann haben Sie das letzte Mal über eins Ihrer Kinder richtig gestaunt?

Frank: Heute. Unser Mittlerer hat eine Freundin, die mit einem weiteren Kind befreundet ist, das er nicht mag. Die Freundin hat ihn zum Geburtstag eingeladen und gesagt, dass das andere Kind auch kommt. Er sagte: Ich würde gerne zu deinem Geburtstag kommen, aber wenn wir beide da sind, weiß ich, es wird nicht gut. Deswegen verzichte ich und wir treffen uns später.

Klingt sehr erwachsen. Wie alt ist er?

Frank: Er wird bald neun. Mir fallen da die Augen aus dem Kopf und ich frage mich: Woher hat das Kind diese Reflexionsfähigkeit?

Welchen Rat geben Sie Eltern in ähnlicher Situation?

Frank: Durchhalten und dem eigenen Bauchgefühl vertrauen. Eltern kennen ihre Kinder am besten, haben meist ein gutes Gefühl dafür, was sie brauchen. Sie sollten im Zweifel immer an der Seite ihrer Kinder stehen. Das heißt nicht, dass die Kinder immer ihren Willen bekommen, nie etwas machen müssen, was sie nicht einsehen. Aber sie sollten wissen: Meine Eltern stehen hinter mir, vorbehaltlos.

Die Autorin

Patrizia Frank, Jahrgang 1982, ist in Bockum-Hövel geboren und aufgewachsen. Sie schreibt, seitdem sie 16 Jahre alt ist, unter anderem für den Westfälischen Anzeiger. 2005 zog sie nach Soest, inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und den drei Kindern, zwei Jungen und einem Mädchen, in Welver-Blumroth. Sie hat eine Ausbildung zur Begabungslotsin (ECHA-Coach) absolviert. Seit der Veröffentlichung ihres Buches wurde sie unter anderem eingeladen, es beim Internationalen Centrum für Begabungsforschung an der Uni Münster vorzustellen, außerdem bei Mensa und im Podcast „Hoch, höher, hochbegabt“ der Psychologin Stefanie Guth. Die Folge mit Patrizia Frank wird am Samstag, 30. März, veröffentlicht.

In Hamm gibt es etwa 26. 000 Schüler. 15 Prozent von ihnen, etwa 3900, sind besonders intelligent. Für einen Großteil fehlt eine angemessene Förderung. Sie haben es in der Schule oft schwer. Das kritisieren Experten.

Das Buch

„Chaosköpfe – aus dem Leben mit drei hochbegabten Kindern“ von Patrizia Frank ist im Verlag Story.One erschienen. ISBN: 978-3-7115-0474-6, 80 Seiten, 18 Euro.

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