Wenig adäquate Förderung

Die vergessenen klugen Kinder: Für Hochbegabte gibt es kaum Förderung

Schulaufgaben machen, das heißt für viele: wiederholen, wiederholen, wiederholen. Insbesondere begabte Kinder langweilen sich dabei schnell.
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Schulaufgaben machen, das heißt für viele: wiederholen, wiederholen, wiederholen. Insbesondere begabte Kinder langweilen sich dabei schnell.

In Hamm gibt es etwa 26. 000 Schüler. 15 Prozent von ihnen, etwa 3900, sind besonders intelligent. Für einen Großteil fehlt eine angemessene Förderung. Sie haben es in der Schule oft schwer. Das kritisieren Experten.

Hamm – „Unser Schulsystem ist für die 68 Prozent der Bevölkerung ausgelegt, die einen IQ im Normalbereich zwischen 85 und 115 haben“, sagt Sabine Hogrebe. Um die 15 Prozent der Schüler mit Lernschwächen und geistigen Behinderungen kümmern sich ganze Berufsgruppen – etwa Integrationskräfte und Sonderpädagogen. „Die Kinder am anderen Ende der Skala werden vergessen“, sagt Hogrebe.

Hogrebe leitet mit Erika Schnieders den Verein „Grips und Co.“ aus Osnabrück, der sich für die Förderung besonders begabter Kinder einsetzt. Jüngst hat sie in der Hammer Bildungswoche ein Seminar für Lehrkräfte zur Hochbegabung gegeben. Es war das Erste seit Jahren.

Ein hoher IQ macht besondere Förderung nötig

Ab einem IQ von 115, erklärt die Expertin, bräuchten Schüler eine besondere Förderung im Unterricht. Doch der Umgang mit den besonders klugen Kindern sei nur in Ausnahmefällen Thema im Lehramtsstudium. Wenige Schüler hätten das Glück, an für das Thema offene Lehrer zu geraten – die auch noch Zeit für die Begabtenförderung haben.

Paul* besucht eine Grundschule in einem vergleichsweise wohlhabenden Hammer Viertel. Seine Erzieher hätten schon im Kindergarten bemerkt, dass er anders sei, erzählt die Mutter. Er sitzt nicht still. Er fängt an zu weinen wegen Problemen, die noch gar nicht aufgetreten sind. „Man riet uns, die Erziehungsberatungsstelle anzusprechen“, sagt die Mutter. Die Familie folgt dem Rat. Eine Mitarbeiterin beobachtet den damals Vierjährigen in der Kita. Sie sieht, wie er eigenständig ein ausgeklügeltes Spiel erfindet, organisiert und Aufgaben an die anderen Kinder delegiert. „Sie meinte, das hat sie so noch nie bei einem Vierjährigen gesehen“, sagt die Mutter. Die Mitarbeiterin rät zu einem Intelligenztest. Er zeigt, dass Paul hochbegabt ist.

Als hochbegabt gelten nach gängigen Definitionen die zwei Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten IQ. Einige Forscher nennen auch Kinder hochbegabt, die in einigen Teilbereichen ein besonderes Potenzial haben, etwa in Musik, Mathematik, Sport oder dem Sprachverständnis. „Man erkennt besonders begabte Kinder daran, dass sie von allem mehr haben. Mehr Denken, mehr Fühlen, mehr Wahrnehmen“, sagt Hogrebe.

Hochbegabte Schüler langweilen sich oft

Die Erzieher raten, Paul früher einzuschulen. „Sie meinten, dass die Kita ihm nichts mehr bieten kann“, erzählt die Mutter. Doch auch in der Schule langweilt sich das Kind. Wie alle anderen muss er Dutzende Male den gleichen Buchstaben schreiben, obwohl er es schon vor der Einschulung beherrschte. Er muss wieder und wieder im Zahlenraum bis 10 addieren, obwohl er längst multiplizieren und dividieren kann.

Zugleich entwickelt Paul soziale Probleme. „Er hat verzweifelt versucht, zu den anderen dazuzugehören. Aber es hat nicht funktioniert. Sie haben gespürt, dass er anders ist“, sagt die Mutter. Sie bittet die Schule, zu vermitteln – und dem Kind schwierigere Aufgaben zu stellen, damit es durch die Langeweile im Unterricht weniger frustriert wird. „Man hat uns gesagt, dass er erst die sozialen Probleme in den Griff bekommen soll, bevor man den Schulstoff anpasst.“

Stellen Sie sich das im Sport vor: Sie haben einen begabten Tennisspieler, der schlecht im Mannschaftssport ist. Dem sagt man, dass er nicht mehr Tennis trainieren und sich dort weiterentwickeln soll, sondern stattdessen bitte erst mal ganz viel Fußball spielt, damit er besser im Mannschaftssport wird. Das ist absurd.

Sabine Hogrebe

Sabine Hogrebe kennt diesen Ansatz. „Wir haben ein defizitorientiertes Schulsystem“, sagt sie. In Schulen sei es üblich, den Fokus auf die Schwächen von Kindern zu legen. „Stellen Sie sich das im Sport vor: Sie haben einen begabten Tennisspieler, der schlecht im Mannschaftssport ist. Dem sagt man, dass er nicht mehr Tennis trainieren und sich dort weiterentwickeln soll, sondern stattdessen bitte erst mal ganz viel Fußball spielt, damit er besser im Mannschaftssport wird.“ Absurd sei das – und übertragbar auf den Umgang mit begabten Kindern. „Wenn man die Stärken stärkt, wirkt sich das in aller Regel auch positiv auf die anderen Bereiche aus.“

Eltern begabter Kinder haben in Hamm kaum Anlaufstellen

Hogrebe rät, begabten Kindern alternative Aufgaben zu geben, sie in einzelnen Fächern am Unterricht höherer Klassen teilnehmen oder ganze Klassen überspringen zu lassen. „Man kann diese Kinder fragen, was sie machen wollen. Oftmals wissen sie das genau, und ihre Gedanken dazu sind gut.“

Bei Paul, so schildert es seine Mutter, passiert all das nicht. Er langweilt sich weiter, stört den Unterricht, streitet, verweigert die Teilnahme. Gleichzeitig wachsen die Konflikte mit seinen Mitschülern. „Dann kam der Tag, an dem er sich in der Klasse seinen Schal genommen und versucht hat, sich zu strangulieren“, sagt die Mutter. „Er hat gesagt, dass er nicht mehr leben will, um all die Probleme nicht mehr zu haben.“ Da war Paul acht Jahre alt.

In Hamm gibt es nur wenige Stellen, die sich mit dem Umgang mit begabten Kindern auskennen. Penka Kourteva von der Schulberatungsstelle hat vor etwas mehr als einem Jahr damit begonnen, sich auf das Thema zu spezialisieren. „Viele Menschen glauben, dass Begabte keine besondere Hilfe brauchen, weil ihnen alles leicht fällt“, sagt Kourteva. Sie selbst habe das angenommen, bis ein Kind in die Schulberatungsstelle kam, das ähnlich wie Paul in der Schule störte – und bei dem sich bei Tests herausstellte, dass der Junge nicht wie angenommen eine Aufmerksamkeits- oder andere Störung hatte, sondern besonders begabt war. „Für Kinder ist Langeweile das Schlimmste“, sagt Kourteva. Wenn sie in der Schule wieder und wieder Dinge machen müssten, die zu leicht seien, könnten Schulverweigerung und psychische Probleme die Folge sein.

Begabtenförderung in den Schulalltag integrieren

Sabine Hogrebe ist überzeugt, dass Begabtenförderung leicht in den Schulalltag zu integrieren wäre – wenn das Wissen über begabte Kinder und die Förderung, die sie brauchen, verbreitet wären. Ohne dieses Wissen sei es schwer. „Begabte Kinder sind eine extrem heterogene Gruppe“, sagt Hogrebe. Für die Kinder müssten individuelle Maßnahmen gefunden werden. Und viele begabte Kinder fallen – anders als Paul – gar nicht erst auf. „Es gibt stille Hochbegabte und solche, die bewusst mittelmäßig bleiben“, sagt sie.

Aber natürlich gibt es auch die begabten Kinder, die zugleich Hochleister seien: mit tollen Noten, außergewöhnlichen Erfolgen in ihren Hobbys, einem guten Sozialverhalten. „Sie scheinen nur so durch die Schule durchzumarschieren, ohne Probleme“, sagt Kourteva. Sie rät, auch diese Kinder im Blick zu behalten. „Das Belohnungssystem im Gehirn wird erst aktiviert, wenn man sich angestrengt hat“, sagt Kourteva. „Wenn alles leicht ist, passiert das nicht.“ All die Einsen und Zweien fühlten sich dann wertlos an. „Das setzt sich oftmals fort und die Kinder freuen sich auch als Erwachsene nicht über ihre Erfolge“, sagt Kourteva. Trotz ihrer tollen Leistungen entwickelten einige Minderwertigkeitskomplexe oder Depressionen.

Kritik am deutschen Schulsystem

Hogrebe und Kourteva kritisieren das deutsche Schulsystem. So sei es in einigen Ländern üblich, Begabte zu fördern. „In Teilen der USA beispielsweise dürfen Schülerinnen und Schüler, die viel können, am Unterricht höherer Klassen teilnehmen“, sagt Hogrebe. In Deutschland dagegen würden die Schüler oftmals gar nicht erst identifiziert. Begabte und hochbegabte Kinder gebe es daher an allen Schulformen, Förder- und Hauptschulen ebenso wie Realschulen und Gymnasien.

Das ist, als würde man als gesunder Erwachsener gezwungen, immer wieder zu lernen, sich die Schuhe zuzubinden. Jeden Tag aufs Neue. Da wird man doch verrückt.

Penka Kourteva, Schulberatungsstelle Hamm

Doch selbst wenn begabte Kinder identifiziert seien wie Paul, fehle es oft an einem angemessenen Umgang mit ihnen. „Viele Lehrer tun, was sie können“, sagt Kourteva. Doch Begabtenförderung sei oftmals verpönt und im Kollegium nicht anerkannt. Viele Schulklassen seien zu groß, um neben den Kindern mit Lernschwierigkeiten die besonders klugen Kinder zu begleiten. „Wir bräuchten dringend kleinere Klassen“, sagt Kourteva.

Penka Kourteva, Schulberatungsstelle

Pauls Lehrer haben den Eltern inzwischen empfohlen, dass ihr Sohn eine Therapie macht – sie folgen dem Rat. In dem Zuge testeten Psychologen den Jungen erneut. Ein weiterer Intelligenztest bestätigte seine außergewöhnlichen Begabungen. Schwierigere Aufgaben? Erhält er in der Schule nach wie vor nicht, stattdessen die gleichen Wiederholungsaufgaben wie alle anderen. „Das ist, als würde man als gesunder Erwachsener gezwungen, immer wieder zu lernen, sich die Schuhe zuzubinden. Jeden Tag aufs Neue. Da wird man doch verrückt“, sagt die Psychologin Kourteva.

Wir sind dringend auf der Suche nach Spitzenleuten und Experten. Aber die Kinder, die das Potenzial haben, solche Experten zu werden, fördern wir in der Schule viel zu wenig.

Sabine Hogrebe, Verein Grips und Co.

Pauls Eltern stehen vor dem Wechsel auf die weiterführende Schule. „Wir überlegen, ob wir ihn komplett aus dem staatlichen Schulsystem nehmen“, sagt die Mutter. Vielleicht, so hofft sie, würde Paul auf einer Privatschule adäquat gefördert, mit kleineren Klassen und Lehrern, die gut mit begabten Kinder umgehen könnten. Doch aktuell fehlt der Familie das Geld für die Privatschule.

Sabine Hogrebe

„Wir sind dringend auf der Suche nach Spitzenleuten und Experten“, sagt Hogrebe. „Aber die Kinder, die das Potenzial haben, solche Experten zu werden, fördern wir in der Schule viel zu wenig.“

Was tun beim Verdacht auf Hochbegabung?

- Unterstützung suchen: In Hamm gibt es Ansprechpartner, die sich mit dem Thema auskennen. Dazu gehört die Schulberatungsstelle, bei der sich Eltern Hilfe holen können: Rufnummer 17 50 61, E-Mail: sbh@stadt.hamm.de. Empfehlenswert ist auch der Kontakt zur Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind, die in Hamm eine Gesprächsgruppe hat. Sie trifft sich einmal im Monat. Weitere Infos unter www.dghk-rhein-ruhr.de/events/hamm-gespraechskreis

- Schule ansprechen: Eltern sollten mit den Lehrern sprechen, wenn sie vermuten, dass ihr Kind sich im Unterricht langweilt beziehungsweise unterfordert sein könnte. Begabtenförderung ist übrigens keine freiwillige Leistung der Schulen. Das Recht der Schüler auf individuelle Förderung steht in § 1 des Schulgesetzes NRW. Auch in § 2 steht, dass besonders begabte Schüler zu fördern sind.

- Fordernde Materialien besorgen: Für zahlreiche gängige Unterrichtsmaterialien gibt es neben der regulären Version Förder- und Forderhefte. Forderhefte richten sich an begabte Kinder. Die Kinder können sie als Alternative zu den regulären Heften bearbeiten.

- Drehtür/Überspringen: Experten empfehlen zu prüfen, ob begabte Kinder Klassen überspringen oder in einzelnen Fächern am Unterricht höherer Klassen teilnehmen können. Solche Maßnahmen müssen mit der Schule und sollten mit den Kindern selbst abgestimmt werden.

- Außerdem gibt es die Digitale Drehtür, eine digitale Begabungsförderung. Mehr unter digitale-drehtuer.de. Dort können sich auch Eltern anmelden.

- Definition: Eine einheitliche Definition von Begabung und Hochbegabung gibt es nicht. Traditionell werden Menschen als hochbegabt bezeichnet, die bei einem Intelligenztest einen Intelligenzquotienten von 130 beziehungsweise einen Prozentrang von 98 oder mehr erreichen. Das bedeutet, dass 98 Prozent der Bevölkerung bei dem Test schlechter abschneiden würden. Als besonders begabt oder überdurchschnittlich intelligent gelten Kinder, die zu den 15 Prozent der Bevölkerung mit dem besten Ergebnis gehören. Ab diesem Wert halten Experten eine besondere Forderung im Unterricht für notwendig.

* Name auf Wunsch der Familie geändert. Der Redaktion sind Name und Schule bekannt.

Lesen und weiterbilden: Die Zentralbibliothek wird auch nach erfolgreicher Projektphase ab dem kommenden Jahr regulär und dauerhaft am ersten Sonntag des Monats öffnen. Das beschloss der Ausschuss für Kultur, Kreativwirtschaft und Städtepartnerschaft einstimmig in seiner jüngsten Sitzung.

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