Straßenverkehr
Mehr Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern in Münster: „Nehme eine Verrohung wahr“
Wo Autofahrer auf Radfahrer treffen, entstehen meistens Konflikte. Natürlich auch in der Zweirad-Hochburg Münster. Immer häufiger eskaliert die Situation.
Münster/Hamm – In kaum einer anderen Stadt in Nordrhein-Westfalen nutzen so viele Menschen das Fahrrad wie in Münster. Die Studentenstadt ist eine echte Zweirad-Hochburg, von A nach B kommt man hier schnell – wenn da nicht die – aus Sicht der Radfahrenden – nervigen Autos wären. Mal übersehen sie einen beim Abbiegen, mal parken oder halten sie auf einem Radweg und blockieren die Straße. Die Konflikte nehmen zu – und auch die Anzeigen. Eine Expertin für Gewaltprävention weiß: Das muss nicht sein. Zumindest Ersteres.
Konflikte im Straßenverkehr: Anzeigen in Münster nehmen zu
„Ich nehme eine Verrohung wahr – es wird sofort losgeschrien“, sagt Heike Leye vom Institut für Gewaltprävention NRW im Gespräch mit wa.de. Viele Menschen seien nicht mehr in der Lage, aufeinander zuzugehen. Die Folge: Autofahrer würden noch – aus ihrer Sicht – den Verkehr behindernde Fahrradfahrer wahrnehmen, die Fahrradfahrer wiederum würden nur noch – aus ihrer Sicht – rücksichtslose Pkw-Fahrer wahrnehmen. Leyes Tipp: „Der erste Schritt ist die Einsicht, dass jeder seine Berechtigung hat.“ So einfach ist es aber nicht.
In Münster wähnen sich die Radfahrer seit jeher im Recht. Sie sind meist in der Überzahl, die Straßen sind ihr Revier. Schlängelt sich doch mal ein Blechmonster dazwischen, könnte es schnell ungemütlich werden. Neuerdings gehen auch die privaten Anzeigen gegen vermeintliche und echte Falschparker in die Höhe. Die Radfahrenden in Münster, wo sich aktuell Widerstand der Autofahrer in Sachen Parkgebühren regt, scheinen genervt zu sein und wollen ihr Revier mit aller Macht verteidigen. Das Problem: „Nicht jeder hat im Straßenverkehr die gleiche Wahrnehmung: Man muss immer auch für die anderen mitdenken und kann nicht losfahren und voraussetzen, dass alles läuft“, sagt Konfliktmanagerin Leye.
Sollte das Gegenüber im Straßenverkehr doch einmal einen Fehler begehen, empfiehlt es sich, die Ruhe zu bewahren. Ein Fahrradfahrer wird gerade beim Abbiegen schnell übersehen, ein nicht ortskundiger Autofahrer hält vielleicht mal nur kurz am Rand, um den richtigen Weg zu finden. „Wenn jemand einem die Vorfahrt nimmt, dann kommt die heiße Aggression, man fühlt sich ungerecht behandelt und ist impulsgesteuert“, sagt Leye. Schimpfen und Fluchen sind in diesen Situationen eine Art natürlicher Reflex. Man kann ihn allerdings in den Griff bekommen.
Radfahrer gegen Autofahrer: Verständnis ist der Schlüssel
„Erstmal tief durchatmen, nicht auf Beschimpfungen einlassen, nicht persönlich nehmen. Vielleicht hat mein Gegenüber mit dem Kern der Sache auch recht“, gibt die Konfliktmanagerin zu bedenken. Generell sollte man in so einer Situation „eine offene und annehmende Haltung entwickeln“. Verständnis ist der Schlüssel. Leye muss schmunzeln. „Es ist eine Kunst, das zu können, viele Menschen können das nicht“, meint sie.
Viele Leute würden mittlerweile denken, sie hätten ein Recht darauf, ihren Unmut lautstark und aggressiv zum Ausdruck zu bringen. „Und schon setzt sich die Konfliktspirale in Gang“, sagt sie. Besonders im dichten Verkehr, wenn wie in Münster viele Radfahrer auf viele Autofahrer treffen.
Es sei daher wichtig, meint Deeskalation-Trainerin Leye, „eine Frustrationstoleranz zu entwickeln“. Der Straßenverkehr sei zwar wie ein Dschungel und zum Teil unberechenbar. „Es ist aber wichtig, einiges auszuhalten und sich klarzumachen: Nicht immer sind die anderen Schuld.“
Und manchmal, da könne auch wirklich eine Anzeige gegen Falschparker helfen. „Das“, sagt Leye, „ist zumindest eine bessere Möglichkeit, seinen Unmut über ein Fehlverhalten zum Ausdruck zu bringen, als jemanden anzuschnauzen.“ Damit ist nämlich keinem geholfen.
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