Experiment wird verlängert

Bäckerei aus NRW nimmt kein Bargeld mehr an: „Sogar eine 100-Jährige zahlt hier mit Karte“

Ein traditionelles deutsches Fachwerkhaus mit der Aufschrift „Bäckerei und Konditorei Ludwig Welpinghus“ und einem runden Profilbild einer lächelnden blonden Frau,  Friederike Tebbe, Geschäftsführerin der Konditorei & Bäckerei Welpinghus GmbH.
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Friederike Tebbe, Geschäftsführerin der Konditorei & Bäckerei Welpinghus GmbH, akzeptiert aktuell kein Bargeld in ihrer Filiale.

Eine Bäckerei in NRW akzeptiert kein Bargeld mehr. Kunden reagieren unterschiedlich, doch die Chefin bleibt standhaft. Besonders eine Generation stellt ein Problem dar.

Borgholzhausen – Eine Bäckerei aus Borgholzhausen im Kreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen hat Anfang Oktober 2025 ein spannendes Experiment gestartet und die Bezahlung mit Bargeld in der Filiale abgeschafft. Friederike Tebbe, Geschäftsführerin der Konditorei & Bäckerei Welpinghus GmbH, hat gemischte Reaktionen erhalten – will aber an der Kartenzahlung festhalten. Sie sieht trotz anhaltender Kritik viele Vorteile.

„Es gab viele Kommentare bei Facebook und da lassen sich viele Leute darüber aus“, erzählt sie im Gespräch mit wa.de. Viele davon seien aber gar nicht ihre Kunden gewesen. „Die kommen von weit weg und haben das irgendwo gelesen“, sagt sie. Schon war die Kommentarspalte voll. Dabei würden ihre Stammkunden eher positiv reagieren – auch wenn es hier ebenfalls ein paar Kritiker gibt. „Man muss aber doch auch mit der Zeit gehen. Ich bleibe dabei. Die vier Wochen waren zu kurz – daher verlängern wir das Experiment noch. Mein Wunsch ist, dass ich das dauerhaft mache“, sagt Tebbe. Die Vorteile aus ihrer Sicht:

  • Gesundheitliche Aspekte – kein Anfassen von Bargeld mehr
  • Mitarbeiterinnen den Alltag erleichtern, durch weniger Kassenstress und „dafür mehr Zeit für das, was wirklich zählt“
  • Sicherer arbeiten, weil kein Bargeldtransport mehr nötig ist
  • Zukunft gestalten: digital, transparent und modern

Kartenzahlung statt Bargeld: Bäckerei setzt auf Zukunft

„Nicht die älteren Menschen sind das Problem“, sagt Tebbe. Eher die Generation von Ende 40 bis Anfang 60 würde sich sehr auf das Bargeld versteifen. Andere Altersgruppen scheinen da offener zu sein. „Sogar eine 100-Jährige zahlt hier schon ganz lange mit Karte“, sagt die Bäckerei-Chefin. Zudem würde es eine Kundenkarte oder eine App geben. „Ausgegrenzt wird hier wirklich niemand“, sagt sie. Wer die Kritiker verstehen will, muss vielleicht tiefer blicken.

Die Deutschen schätzen Bargeld vor allem wegen des Schutzes ihrer Privatsphäre – ein Aspekt, der laut aktueller Bundesbank-Studien für 63 Prozent der Bargeld-Nutzer das wichtigste Argument darstellt. In einer zunehmend digitalisierten Welt, in der jede Kartenzahlung Datenspuren hinterlässt, bietet Bargeld die Möglichkeit anonymer Transaktionen ohne zwischengeschaltete Akteure. Besonders datenschutzsensible Verbraucher greifen bevorzugt zu Scheinen und Münzen: In der Gruppe mit hoher Datenschutzsensibilität bezahlen 55 Prozent am liebsten mit Bargeld, während es bei weniger datenschutzbewussten Konsumenten nur 24 Prozent sind. Diese Präferenz spiegelt die deutsche Sorge vor dem „gläsernen Konsumenten“ wider und das Bedürfnis, die eigene Position gegenüber mächtigeren Organisationen zu schützen.

Neben dem Datenschutz spielt die bessere Kontrolle über die eigenen Ausgaben eine wichtige Rolle: 35 Prozent der Verbraucher geben an, mit Bargeld ihre Finanzen besser im Griff zu haben. Das physische Geld im Portemonnaie schafft eine natürliche Ausgabenbremse und erhöht die Hemmschwelle für spontane Käufe. Darüber hinaus sehen 95 Prozent der Deutschen Bargeld als wichtige technische Ausfalllösung bei Stromausfällen oder Problemen mit der digitalen Infrastruktur. Trotz des anhaltenden Trends zur Kartenzahlung – 2024 wurden 63,5 Prozent des Einzelhandelsumsatzes laut einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI bargeldlos abgewickelt – bleibt Bargeld mit 54,6 Prozent aller Transaktionen die häufigste Zahlungsart im deutschen Einzelhandel. Diese Zahlen verdeutlichen: Obwohl die Deutschen bei größeren Beträgen zunehmend zur Karte greifen, halten sie bei alltäglichen Kleinbeträgen am vertrauten Bargeld fest.

Tebbe hofft, dass sich das in Zukunft vielleicht ändern könnte und sie eine Art Vorreiter-Rolle mit ihrer Bäckerei einnehmen kann. Den ersten Schritt dafür hat sie schon getan. Damit ist sie übrigens nicht alleine: Auch ein Restaurant in Dortmund hat vor Kurzem die Bargeldzahlung abgeschafft – die Reaktionen waren dort eher negativ.

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