Zu viele Krisen
„Irgendwann macht es keinen Sinn mehr“: Total-Räumungsverkauf nach 27 Jahren
Krisen gab es in den letzten 27 Jahren immer. Dass es gerade so viele sind, zwingt ein Schreibwarengeschäft in NRW in die Knie. Es gibt einen Total-Räumungsverkauf.
Schermbeck – „Ich bin seit über 27 Jahren in der Ortschaft, mit allen Aufs und Abs, aber mittlerweile ist es so, dass wir einfach die Kostenseite nicht mehr durch die Einnahmen decken können“, sagt Andreas Pieniak. Der 55-Jährige schließt zum 1. Mai sein „Ratzefummel“ in Schermbeck – und macht bis dahin einen totalen Räumungsverkauf.
Seit Montag, 17. März, bis Samstag, 5. April, gibt es bei ihm 30 Prozent Rabatt, vom 7. bis zum 19. April 50 Prozent und vom 22. bis zum 30. April ganze 70 Prozent – auf alles, außer Zeitungen, Zeitschriften, Tabakprodukte und Gutscheine. Der kleine Laden ist laut Pieniak „eine ganz normale Lotto-Annahmestelle mit Zeitschriften, Tabak und Schreibwarenfachhandel“. Und Paketshop für drei Paketdienstleister.
„Irgendwann macht es keinen Sinn mehr“: Total-Räumungsverkauf nach 27 Jahren
Sein Entschluss, zu schließen, war kein leichter, aber gefallen ist die Entscheidung „latent jahrelang“. „Man hält ja zu seinem Laden und versucht die Krisen durchzustehen, aber irgendwann macht es keinen Sinn mehr, wenn man keine Verbesserung in Aussicht hat“, sagt Andreas Pieniak im Gespräch mit wa.de. Es sind die „Ergebnisse aus den Krisen, die wir im Moment haben“: die steigenden Internetverkäufe, die Digitalisierung an Schulen, die dazu führt, dass Schüler kein Papier mehr brauchen, die Kaufzurückhaltung im letzten Dreivierteljahr, „weil die Politik so Flatulenzen hat und nicht inne Pötte kommt“.
„Wir in Schermbeck haben nicht das Problem, dass wir zu geringe Einkommen haben“, sagt er. Im Gegenteil: Die Bürger seien konservativ und hätten gute Einkommen. „Aber gerade durch die Konservativität sind sie versierter drauf von der Vernunft her und vorsichtig, weil sie nicht genau wissen, was noch obendrauf kommt.“
Pieniak hebt aber hervor, dass es nicht an den Mieten lag. Aber die dauernde Anhebung des Mindestlohns habe es ihm auch nicht einfach gemacht: „Nicht, dass ich nicht Mindestlohn zahlen will, im Gegenteil“ – aber das wirke sich ja auch auf die Gehaltsstufen, die leicht darüber liegen, aus.
Nach dem „Ratzefummel“ kommt die Altersteilzeit
Er habe seit seiner Eröffnung des „Ratzefummel“ 1998 schon viel erlebt. In den 2000er-Jahren haben „Discounter in allen möglichen Warensegmenten rumgewuselt“, anschließend gab es nicht mehr zwei Schreibwarenläden, sondern nur noch einen. Um 2010 fing das Internetgeschäft langsam an und eine Generation, die ein anderes Verhältnis zum Einzelhandel hat, wuchs heran. Am Ende waren all das Faktoren. „Manche Produkte werden einfach nicht mehr benötigt“, sagt der 55-Jährige. Und stattdessen was Neues anbieten? „Da bin ich auch sehr vorsichtig.“ Schließlich wisse er nicht, ob es dann auch angenommen werde. „Wir haben keine Laufkundschaft, wir sind nur eine kleine Ortsgemeinde mit 14.000 Einwohnern.“
Wenn er am 30. April zum letzten Mal die Tür des „Ratzefummel“ abschließt, geht Pieniak „erstmal in Altersfreizeit“, sagt er schmunzelnd. Und dann orientiert er sich neu.
Ein ähnliches Sortiment hatte auch der „Schreibwarenladen“ bis zuletzt angeboten. Nach über 75 Jahren musste das Traditionsgeschäft dann allerdings schließen – und zwar für immer.
Rubriklistenbild: © Andreas Pieniak
