Baustellen- und Mietfrust
„Tut mir in der Seele weh“: Für bekannten Blumenladen ist nach fast 40 Jahren Schluss
Jeder im Dortmunder Kreuzviertel kennt den Blumenladen von Ute Kersting. Nach 37 Jahren ist jetzt aber Schluss - aus Frust über Parkplatzmangel, Baustellen und drastischer Miete.
Dortmund - Das Jahr 1987: Lionel Messi wird geboren, Thomas Gottschalk moderiert zum ersten Mal „Wetten, dass..“, Steffi Graf wird neue Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste und im Kreuzviertel in Dortmund eröffnet Ute Kersting einen Blumenladen. 37 Jahre ist das jetzt her. Es werden keine weiteren hinzukommen, nicht an dieser Stelle.
Am 29. Juni 2024 ist der letzte Öffnungstag, danach ist Schicht. Der Räumungsverkauf der „BlumenCompany Kersting“ läuft. „Jetzt kommt hier die nächste Imbissbude rein. Das tut mir in der Seele weh“, sagt Kersting.
Beliebter Blumenladen in Dortmund schließt nach fast 40 Jahren
Ute Kersting stammt aus dem Kreuzviertel, schon ihre Eltern hatten hier ein kleines Blumengeschäft. Im Laufe der Jahrzehnte änderte sich viel im beliebten Dortmunder Szeneviertel. Ihr Laden an der Ecke Lindemannstraße/Kreuzstraße war eine Konstante. Bald zieht sie sich nach Dortmund-Marten zurück, wo bereits seit Jahren Werkstatt und Lager sind. Sie konzentriert sich mit ihrer 14-köpfigen Belegschaft künftig mehr auf den Online-Handel und Geschäftskunden. Zur Ruhe setzen will sie sich noch nicht. Im Gegenteil.
Hinter sich lässt Ute Kersting im Kreuzviertel aber ein leeres Eckhaus in einst bester Lage – und den Frust über Baustellen, Staus, Parkplatzmangel und eine „drastische Mieterhöhung“, wie Kersting im Gespräch mit wa.de sagt. Als dann auch noch klar wurde, dass das gesamte Viertel an die Fernwärme angeschlossen wird, war Schluss. „Da habe ich die Reißleine gezogen“, sagt Kersting.
Bereits die Baustellen der Vergangenheit haben sie Kunden gekostet, die Aussicht auf weitere Jahre in diesem Zustand waren zu viel. Für die Zeit der Fußball-EM fließt der Verkehr zwar ungehindert, soll ja alles klappen und schön aussehen. „Aber danach“, so Kersting, „geht es wieder los mit Stau, Abgasen und Sperrungen.“
Frust über Baustellen, Parkplatzmangel und „drastische Miete“
Die Fernwärme-Baustellen sind es nicht allein. Auch das Radwegenetz wird in den kommenden Jahren massiv ausgebaut, dazu sollen wichtige Straßen zu Flaniermeilen werden. All das wird das notorisch zugeparkte Kreuzviertel viele weitere Parkplätze kosten. „Wir haben Kunden, denen wir den Blumenstrauß durch das Autofenster reichen, weil sie keine Chance auf einen Parkplatz haben“, sagt Kersting. „Ich selbst sammle hier Knöllchen. Eine Ladezone und einen Parkplatz gibt es nicht.“ Das Gehweg-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wird die Lage in Zukunft nicht verbessern.
„Ausbau der Radwege, dazu der neue Boulevard – das ist für die Anwohner ja alles schön, aber für den Einzelhandel der Super-Gau. Der bleibt auf der Strecke, ich sehe schwarz“, sagt Kersting. „Das, was hier noch funktioniert, sind Kneipen oder Imbisse“, sagt Kersting. Gerüchten zufolge soll ein Burgerladen einziehen, doch das ist nicht bestätigt.
BlumenCompany Kersting: Aus für Laden im Kreuzviertel, weiter im Internet
Kersting hat sich entschieden. Gegen Baustellen-Ärger, der sie Kunden, Nerven und Geld kostet – für die Schließung des Ladens im Kreuzviertel und für ein Weiter in Marten. In der dortigen Werkstatt werden schon seit Jahren die Produkte für Geschäftskunden hergestellt – riesige, fertig geschmückte Weihnachtsbäume, Deko für Events, Arztpraxen, Kirchen und mehr. Der Lieferservice und das Online-Angebot sollen ausgebaut werden. Bestellungen gehen künftig aber nur noch per Telefon, Beratung erfolgt vor Ort.
Nicht mehr lange, dann ist der Laden „BlumenCompany Kersting“, einer der wenigen bunten Punkte der Lindemannstraße, für laufende Kundschaft Geschichte. Auf dem großen, roten geflügelten Nashorn, ein Maskottchen von Dortmund, vor der Ladentür steht fett „Total Räumungs verkauf“. Auf der Straße stehen Regale mit allem, was sie bewegen lässt. Ab dem 1. Juli steht der untere Teil des Eckhauses, gegenüber der neuen Kneipe von Kevin Großkreutz, leer. „Es ist echt rührend, wie unsere Stammkunden reagieren. Sie bringen uns Kuchen und Süßigkeiten“, sagte Kersting und ahnt: „Der letzte Tag wird hart.“
So ganz wird die Blumen Company das Kreuzviertel allerdings nicht verlassen. Ute Kersting wird am nahe gelegenen Südwestfriedhof eine Abholstation für bestellte Sträuße einrichten und an anderer Stelle einen Automaten aufstellen. „Blumen to go, 24/7“, sagt Kersting. Es fehlt nur noch ein Ort.