Kriminalität im großen Stil
Bönen: Banden schlachten Woolworth-Komplex aus
BÖNEN - Von Außen wirkt die einstige Woolworth-Zentrale an der Edisonstraße fast noch respektabel, auch wenn überall auf dem Gelände das Unkraut hochschießt. Doch das, was sich hinter Glas und Stein abspielt, ist für die meisten wohl unvorstellbar – und lebensgefährlich zugleich. Verlassen ist diese Immobilie nämlich so ganz und gar nicht.
Erst seien die Rumänen und Bulgaren gekommen, erzählt ein Kenner der Immobilie. Nachdem die insolvente Handelskette den Sitz in Bönen verlassen hatte, fingen osteuropäische Diebesbanden an, im Gebäude alles abzubauen, was sich zu Geld machen lässt – insbesondere Kupfer (unsere Zeitung berichtete). Tonnenweise wurde das Metall aus dem ehemaligen Logistikzentrum geschafft, Leitungen auseinandergenommen, Kabel regelrecht geschält. Es ist von einem Schaden in Millionenhöhe auszugehen.
Erst am Mittwochvormittag gab es wieder einen Polizeieinsatz im Bönener Industriegebiet. Der Beobachter hatten im Woolworth-Komplex Kriminelle während der Arbeit überrascht. Die Täter sind geflüchtet, bevor die Beamten eintrafen, mussten allerdings ihr Werkzeug zurück lassen.
Immer wieder hat die Polizei in der Vergangenheit an der Edisonstraße eingegriffen, es gab einige Festnahmen. Doch eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung kann und will die Polizei dort nicht leisten. Schließlich ist das frühere Auslieferungslager in Privatbesitz. Sie wird nur dann tätig, wenn es konkrete Hinweise auf strafrechtliche Handlungen auf dem Grundstück gibt. Der Eigentümer, eine israelische Investorengruppe, hat zwar zunächst einen privaten Wachdienst engagiert, doch der hat diese Aufgabe aufgegeben, wie Daniel Nagy von der Freestage Sicherheit & Service GmbH aus Kamen erklärt. „Das Gebäude wird seit einer Woche nicht mehr überwacht.“
Gefahr im Inneren
Ungestört können sich nun Diebe und Kriminelle in dem Gebäude bewegen. Und das tun sie auch: Wer sich ins Innere wagt, begibt sich in Gefahr. Überall sind die Zeichen von Plünderung und Zerstörung zu sehen. Wo sich die Diebe aufhalten, weiß niemand – auch nicht, wie viele es sind. Schritte sind zu hören, zufallende Türen und manchmal Werkzeuge. Ob die Eindringlinge bewaffnet sind, ist ungewiss. Im Küchenfenster ist ein Einschussloch zu sehen.
Es seien vor allem russische Diebe, die zurzeit aktiv sind, weiß der Kenner. „Die Rumänen zerhacken alles mit der Axt, die Russen benutzen eine elektrische Säge. Sie bringen dafür Stromaggregate mit.“ Beweise – säuberlich durchtrennte Leitungen – hat er genug gesehen. Er kennt die Verstecke, die Stellen, an denen die Einbrecher erfolgreich waren. Hinter hunderten Türen türmt sich das auf, was sie zurückgelassen haben: Kunststoffummantelungen, Steinwolle, Kabel und Abfall. „Die haben hier über Wochen gelebt“, erzählt der Mann, der nicht genannt werden möchte. In einem engen, dunklen Schacht hätte einer gesessen, der die begehrten Metalle aus den Leitungen geschält hat, tage- oder wochenlang. Die Sicherheitskräfte hätten den Eindringlingen Lebensmittel und Getränke abgenommen. Irgendwann seien dann die „Bosse“ in einer Mercedes-Luxusklasse vorgefahren, um ihre Schergen entsprechend einzuweisen.
Die Banden seien hervorragend organisiert, weiß der Kenner. Sie sind einfallsreich, dreist und skrupellos. Überall hinter Türen und in Gängen haben sie Eisenstangen deponiert, damit sie sofort zuschlagen können, falls sich ihnen jemand nähert. Wo sie gerade sitzen, ist unbekannt. Vor allem die Lager sind gigantische, nicht zu überblickende Labyrinthe.
Die Kriminellen arbeiten im Dunkeln. Sie halten sich Fluchtwege offen. So haben sie Feuerwehrschläuche an Geländern festgebunden, um sich blitzschnell abseilen zu können. Die Dachfenster sind offen. Es gebe zudem Wachen, die vom Balkon aus das Gelände beobachten und sofort melden, falls sich jemand nähert, hat der Mann beobachtet.
Ein gefährliches Katz-und Mausspiel
Es ist ein riskantes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Wachleuten, Polizei und Kriminellen. Die Sicherheitskräfte hätten sich allein oder maximal zu zweit im Gebäude aufgehalten – welcher Übermacht sie gegenüber standen, vermag niemand zu sagen. Möglichkeiten, sich zu verstecken, gibt es in dem unübersichtlichen Komplex unzählige. „Die laufen nicht weg. Notfalls greifen sie an“, so der Kenner. Der Sicherheitsdienst habe sich zum Schluss gar nicht mehr ins Gebäude getraut, erzählt er. „Die saßen nur davor.“
Die Spuren der Diebe sind überall zu sehen. Keineswegs montieren sie Diebesgut ab und verschwinden direkt damit. Die Banden arbeiten im Schichtbetrieb. Ein Trupp bereitet die Kabel zum Abbau vor, ein anderer schneidet sie ab, bevor diejenigen kommen, die sie
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abfahren. Durch welche Tore das Material verschwindet, ist nicht klar. „Es gibt Gerüchte, dass es unter dem Gebäude einen alten Kriegsbunker gibt“, erzählt der Kenner. Er selbst habe diesen noch nicht entdeckt. Es kämen zwar ab und zu auch Kleinkriminelle, um sich das zu holen, was die „Profis“ liegen lassen. Ansonsten sei der Komplex aber fest in den Händen von organisierten Verbrechern. Das sei Kriminalität in ganz großem Stil.
Schlösser muss keiner knacken, der in die Brache will. „Jeder Zweite, der drinnen ist, hat einen Generalschlüssel“, weist der Mann auf geplünderte Schlüsselschränke hin. Die Räuberbanden sind nicht allein in der Immobilie. Ab und zu kommen „Schleicher“, Menschen deren Hobby es ist, leerstehende Gebäude zu fotografieren und zu filmen.
Illegale Veranstaltungen
Breit gemacht hätte sich vor allem aber die Dortmunder Street-Scene, die „Tuner“, wie sie sich nennen. Offen laden sie im Internet zu Feten auf dem Firmengelände ein. Die für den 18. Oktober geplante „Seasonend 2k14“ haben sie zwar abgesagt, doch „wir treffen uns wie gewohnt wieder ganz normal ab 20 Uhr auf unserem Platz, sodass wir auch ohne Veranstaltung und Rahmenprogramm einen tollen Abend verbringen können“, heißt es im sozialen Netzwerk „Facebook“. Bis zu 250 aufgemotzte Autos seien schon da gewesen, hat der Kenner gehört. Es gebe auch Autorennen. Eins endete offenbar im Zaun der Firma Welser. Die „Tuner“ haben sich eine „Hütte“ auf dem Nachbargrundstück eingerichtet.
Doch nicht alle bleiben vor der Tür. Paintballer haben die leerstehende Immobilie für sich entdeckt. „Die haben einen richtigen Spielplatz dort“, erzählt der Kenner. Mit ihren Farbpistolen trieben sie sich im gesamten Gebäude herum. Inzwischen sind der Empfang, etliche Büros und Hallen von ihnen okkupiert worden. Überall sind Farbflecken zu sehen, auf Wänden, an Fenster und Türen. Die illegalen Besucher haben Löcher in die Wände geschlagen, um dort durchzulaufen und zu schießen.
Die „Spielkinder“, wie der Mann sie nennt, haben jede Menge Graffitis hinterlassen. Mit einer übriggebliebenen „Ameise“, einem Elektrohubwagen „heizen“ sie durch die verlassenen Hallen. Um sich vor den Diebesbanden zu schützen, haben die Paintballer Türgriffe abgeschraubt. Helfen würde es ihnen wenig, sagt der Kenner. Bislang hätten die Kriminellen die „Spielkinder“ zwar in Ruhe gelassen, ob das so bleibt, sei fraglich. „Die haben den Russen ein Stromaggregat geklaut“, vermutet der Kenner baldigen Ärger. Er geht davon aus, dass die Einbrecher wenig tolerant sind, wenn sie bei ihrer „Arbeit“ gestört werden.
Diebesbanden organisieren sich im Gebäude
Der Mann kennt Gerüchte, nach denen heute eine Halloween-Party im Gebäude steigen soll. Die könnte tatsächlich gruselig werden. Nicht nur, dass die Mitglieder der Diebesbanden aggressiv werden und von ihren Eisenstangen Gebrauch machen könnten. „Die Böden sind auf einigen Etagen so aufgeweicht, dass es lebensgefährlich ist, dort lang zu laufen.“ Es gibt keinen Strom. Dort, wo kein Tageslicht hineinfällt, ist es stockdunkel. Und in jeder Ecke können Kriminelle lauern, die sich gestört fühlen.
Der Keller steht seit einem Rohrbruch vor zweieinhalb Jahren unter Wasser. Die installierten Pumpen können die Massen nicht bewältigen. Auf dem „See“ ist ein schmieriger Film zu sehen. „Die haben mit den Feuerlöschern herum gespritzt. Außerdem laufen Öl, Diesel und Chemikalien aus“, ist der Kenner sich sicher. „Das Gebäude ist komplett marode. Da geht nur noch abreißen.“ Schon lange gibt es kein fließendes Wasser mehr. Das sei den Toiletten anzusehen, die die Sicherheitskräfte und andere „Gäste“ monatelang benutzt haben. Dass das Gebäude jemals vermietet oder verkauft wird, glaubt er nicht. „Hier ist alles Schrott.“
Verwalter will sich nicht äußern
Verwaltet wird das Gebäude von einer Firma in Berlin. Die stattete dem Objekt im vergangenen Jahr einen kurzen Besuch ab, ließ einen Zaun aufstellen, engagierte den Wachdienst und war wieder verschwunden. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Unna (WFG) würde die Immobilie gerne vermitteln, es gebe durchaus Interessenten. Der Eigentümer wolle aber ausschließlich vermieten – zu einem stattlichen Zins.
Zur derzeitigen Situation will sich die Verwaltungsfirma nicht äußern. Die WFG hat sich bemüht, einen Kontakt zwischen Verwalter und unserer Zeitung herzustellen, dieser wurde abgelehnt. „Ich teile Ihnen mit, dass wir keine Informationen an Zeitungen herausgeben möchten“, heißt es in einer E-Mail an die WFG-Pressestelle.

