König des kultivierten Elends

„Zauberberg 2“: Heinz Strunk spricht im Interview über das Ende seiner Beschäftigung mit Thomas Mann

Heinz Strunk aktualisiert Thomas Manns Meisterwerk für die heutige Zeit. „Zauberberg 2“ wirft einen kritischen Blick auf menschliche Schwächen.

Mit beißender Präzision und schonungsloser Ehrlichkeit seziert er die Abgründe des deutschen Alltags. Heinz Strunk, der Meister des tragikomischen Realismus, hat sich als eine der markantesten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur etabliert. Seine Bücher sind wie ein Spaziergang durch die Vorhölle des kleinbürgerlichen Lebens – mal zum Lachen, mal zum Weinen, aber immer mit einem scharfen Blick für die menschlichen Unzulänglichkeiten. Im folgenden Interview spricht der Autor über seinen neuen Roman „Zauberberg 2“, seine literarischen Obsessionen und darüber, warum er Thomas Manns Klassiker in die Gegenwart verlegt hat...

Heinz Strunk im Interview

Autor Heinz Strunk legt mit „Zauberberg 2“ eine Hommage an Thomas Manns Klassiker vor.

Doch wer ist dieser Mann, der es schafft, selbst die tristesten Geschichten in literarisches Gold zu verwandeln? Wie entwickelte sich der ehemalige Musiker zum gefeierten Schriftsteller? Und was macht seine Bücher so unwiderstehlich?

Das Hamburger Abendblatt hat Ihr Buch als das bislang „härteste“ von Ihnen bezeichnet. Würden Sie das bestätigen?
Ich finde solche Formulierungen problematisch. Das klingt erst mal gut, aber ob sich das begründen lässt? Man könnte auch „Der goldene Handschuh“ als „härtestes“ Buch bezeichnen. In meinem Zusammenhang würde ich „härtestes“ eher bei einem Krimi von Sebastian Fitzek (hier im Interview mit IPPEN.MEDIA) einordnen. Mit „hart“ oder „weniger hart“ kann ich nicht viel anfangen.

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Wie ordnen Sie „Zauberberg 2“ in Ihrer Schaffensperiode ein?
Sprachlich ist es für mich das Beste. Ich versuche immer, mich zu steigern, stilistisch einen draufzulegen. Es gibt Instanzen, die meine Texte prüfen, bevor sie veröffentlicht werden, und man war allgemein zufrieden. Es gibt keinen roten Faden in meinen Veröffentlichungen, keine Strategie. Ich versuche nur, mich nicht zu wiederholen. Ein zweiter „Der goldene Handschuh“ oder „Fleisch ist mein Gemüse“ liegt mir fern. Ähnlich ist es mit der Frage nach „Buddenbrooks 2“. Das Thema Thomas Mann ist für mich abgeschlossen.
Würden Sie es als mutige Referenz an Thomas Mann sehen? Inhaltlich ist es ja an ihn angelehnt, aber Sie haben es an einen anderen Ort gepackt. Oder möchten Sie gar nicht verglichen werden?
Der Vergleich drängt sich auf. Parallelen sind impliziert. Es gibt aber Fragen, welche Parallelen erlaubt oder erforderlich sind und was man vermeiden sollte. Das Gebirge oder eine Lungenklinik wollte ich nicht, solche Kliniken gibt es heute auch nicht mehr. Stattdessen gibt es psychosomatische Kliniken. Alkohol, große Leidenschaften und ähnliches, was in früheren Büchern wichtig war, habe ich bewusst ausgespart. Parallelen gibt es trotzdem: Hofrat Behrens wird bei mir zu Professor Rodenberg, das Fiebermessen bei Thomas Mann wird bei mir zum ständigen Vitalwerte-Messen. Das Ende ist gelungen: Hans Castorp verschwindet im Ersten Weltkrieg, Jonas Heidbrink im Stettiner Haff.

Ein besonderes Kapitel ist „Kirgisische Träume“, eine Montage aus etwa 150 Originalzitaten aus dem „Zauberberg“. Das zeigt die Unterschiede zwischen Manns Sprache und meiner, aber auch eine gewisse innere Verwandtschaft. Humor spielt bei uns beiden eine große Rolle.
Wie hat sich Ihr Schreibprozess entwickelt? Wohin geht die Reise?
Autoren sollten nicht zu viel über ihre Arbeit reden. Kritikern überlasse ich die Bewertung. Es gibt zwei Grundepisoden: Bis zu „Der goldene Handschuh“ wurde ich eher als Anekdotenerzähler gesehen. Mit „Der goldene Handschuh“ kam die Reputation. Meine Arbeit bewegt sich zwischen ernster Literatur und Humor, wie bei der Kolumnensammlung „Nach Notat zu Bett“. Humor ist in der deutschen Literatur selten, vielleicht weil er als unangemessen gilt.
Würden Sie sagen, dass Humor in der hohen Literatur zu kurz kommt?
Ja, eindeutig. Bei mir gibt es Figuren wie Bernhard Zeissner, die philosophieren, aber auch unterhaltende Elemente. Ich sammle Redensarten, die in meinen Romanen Verwendung finden. Das lockert auf.
Ist Humor der hohen Literatur abhandengekommen, oder war er nie wirklich da?
Wahrscheinlich war er nie wirklich da. Wenn jemand ernste Literatur schreibt, scheint Humor keinen Platz zu haben. Ich lese viele preisgekrönte Bücher, auch aus früheren Jahrzehnten, und finde kaum Humor.
Sie haben Team Kafka erwähnt. Welche Autoren inspirieren Sie sonst?
Nordamerikanische Literatur ist führend: John Updike, Philip Roth, Richard Ford, Richard Powers, Michael Cunningham, Paul Auster. Europäisch beeindruckt mich Michel Houellebecq. Auch Natascha Wodin wäre Nobelpreis-würdig. Magischer Realismus aus Südamerika oder Paulo Coelho ist nicht meins.
Gibt es eine Routine, die sich beim Schreiben bewährt hat?
Meine Regel sind vier Stunden netto täglich. Das klingt wenig, aber bei voller Konzentration ist es enorm produktiv. Mehr würde nicht funktionieren.
Welche Projekte stehen an?
Wir schreiben gerade die Regiefassung von „Sommer im Kino“. Premiere ist am 28. März mit Charly Hübner im Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Im August erscheint der Erzählband „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“. Dann der Comic „Graf Fauchi Auf der Suche nach dem verschwundenen Gebiss“, und der Kalender „Maximize your life“ folgen. 2026 erscheint der nächste Roman „Memories of Heidelberg“. Natürlich gehe ich mit jedem Projekt auf Tour.
Was würden Sie jemandem raten, der ein Buch schreiben will?
Sich das gut zu überlegen. Bei 80.000 Neuerscheinungen jährlich sind die Aussichten auf Erfolg gering. Ich hatte Glück mit „Fleisch ist mein Gemüse“. Das war der Gamechanger. Ansonsten würde ich das Schreiben als Hobby empfehlen.

„Der goldene Handschuh“ bis „Zauberberg 2“: Die 10 besten Heinz-Strunk-Romane

Das Cover des Romans Der gelbe Elefant
Das Cover des Romans Ein Sommer in Niendorf
Das Cover des Romans Jürgen
Das Cover des Romans Es ist immer so schön mit dir
„Der goldene Handschuh“ bis „Zauberberg 2“: Die 10 besten Heinz-Strunk-Romane
Ist Musik für Sie ein guter Ausgleich?
Nein, Popmusik von einem 60-Jährigen interessiert nun wirklich niemanden. Meine Alben liefen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Musik mache ich nur noch nebenbei.
Wie stehen Sie zu Lesungen?
Die gehören dazu. Sie sind wichtig, auch wirtschaftlich. Ich habe gelernt, mit Auftritten umzugehen, obwohl ich am Anfang Angst davor hatte. Heute mache ich circa 45 Lesungen pro Buch.
Lieber Herr Strunk, vielen Dank für das Interview.

Wie Krimiautoren auf ihre Ideen kommen und schreiben, lesen Sie hier. Für Bestsellerautor Chris Whitaker ist Schreiben „Therapie“, wie er im Interview mit IPPEN.MEDIA verrät.

Heinz Strunk „Zauberberg 2“

2024 Rowohlt, ISBN-13 978-3-498-00711-9

Preis: gebunden 25 €, 288 Seiten

Rubriklistenbild: © Christian Charisius/dpa/Rowohlt (Montage)

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