Sprechstunde in der St.-Barbara-Klinik
Wenn das Baby nur noch schreit: Hier gibt es Hilfe
Hamm – Es gibt kein friedlicheres Baby als Marie. Sie sitzt zufrieden auf Mamas Arm. Vor drei Monaten noch schrie sie ständig, die Eltern waren verzweifelt. Hilfe bekamen sie in der Schreisprechstunde der an der St.-Barbara-Klinik in Hamm.
Auf dem Arm ihrer Mutter Lisa Vorwerk schaut sich Marie um. Neugierig wirkt sie, dabei ruhig und entspannt. „Das war vor drei Monaten noch ganz anders“, sagt ihre Mutter. Marie hat geschrien. So laut und so oft, dass die Eltern schließlich die Schreisprechstunde an der St.-Barbara-Klinik aufsuchten.
Lisa Vorwerk sitzt im Büro von Oliver Elbers in einem Nebengebäude des Krankenhauses. Der Diplom-Pädagoge hält die Sprechstunde ab, mehr als 500 Paare hat er nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren bei Schrei-, Schlaf und Fütterproblemen beraten.
Hier finden Sie die Kontaktdaten zur Schreisprechstunde
Bei Marie, sagt er, habe sich der Erfolg schnell eingestellt. Für die Vorwerks ist Marie das zweite Kind. Beim älteren Sohn sei alles gut gegangen, sagt Lisa Vorwerk. Doch die Tochter habe von Beginn an viel geweint, sich nur durch Stillen beruhigen lassen. Ganz akut sei es mit vier Monaten geworden. Das Kind habe extrem gefremdelt, ihr Mann habe seine Tochter nicht mehr berühren können. „Wir haben alles versucht“, sagt die Mutter. „Aber nichts hat geklappt.“
„Wir haben alles versucht. Aber nichts hat geklappt.“
Eine enorm belastende Situation für die gesamte Familie. Elbers nickt. Wichtig sei erst einmal die Anerkennung, wie schwer die Situation für Eltern sei. Die Vorwerks hätten viel richtig gemacht: Beim Kinderarzt ließen sie abklären, ob Marie medizinisch etwas fehlt – eine Voraussetzung für die Beratung in der Schreisprechstunde. Und dann haben sie sich schnell gemeldet.
Wichtiger Hinweis: Eltern dürfen Babys niemals schütteln!
Es sei besser, früh Hilfe zu suchen und einen Knacks in der Eltern-Kind-Beziehung zu vermeiden, sagt Elbers. Den Hinweis auf die Schreiprechstunde, sagt Lisa Vorwerk, habe sie in einem Baby-Massagekursus bekommen. Zwei Wochen dauere es, einen Termin zu bekommen, sagt Elbers. In extremen Notfällen komme er aber auch schon mal am selben Tag.
Und dann schaue er erst einmal zu. Das Geschrei habe seine Daseinsberechtigung. „Ein Baby weint nicht ohne Not“, sagt Elbers. Die Kinder zeigten damit Bedürfnisse an: Hunger, Schmerz oder eine nasse Windel. Und sie reagierten auf die Eltern. Wenn die sich nach Babygeschrei unsicher zeigten, so die Idee, werde auch das Baby unsicher und schreie umso mehr.
Eltern müssen ihre Babys erst kennenlernen
Die Eltern zu stabilisieren, war Elbers‘ Rezept. Dass Marie sich nur durch Stillen beruhigen ließ, deutet Elbers als Suche nach Sicherheit. „Arm und Brust der Mutter sind der sichere Hafen für das Kind“, sagt der Pädagoge. „Auf Unsicherheit reagiert es mit Weinen.“
Der Vater hatte die weinende Marie immer zur Mutter gegeben, um das Kind zu beruhigen. Eltern, so Elbers, entwickelten Strategien, um solche Situationen zu bewältigen, nach dem Motto „wird schon irgendwie gehen“. Maries Vater sollte der Tochter Sicherheit vermitteln. Elbers ließ ihn das schreiende Kind bewusst auf dem Arm halten. Nach einer halben Stunde, sagt Maries Mutter, habe die Tochter nicht mehr geweint. Inzwischen könne ihr Mann das Kind ganz normal halten.
Spannungen, sagt Elbers, könnten sich in kurzer Zeit auflösen – „es wirkt wie Zauberei, ist es aber nicht“. Vier Termine hatte der Pädagoge mit den Vorwerks. Grundsätzlich sei die Sprechstunde als Kurzzeitberatung gedacht, sagt er. Es gebe aber Einzelfälle, die sich eineinhalb Jahre hinzögen.
Beraten wird im U3-Bereich, in Sachen Schreien sind die Kinder meist um die vier Monate alt, beim Thema Einschlafen eher neun Monate. Die Sprechstunde sei ein Erfolg, meint Birgit Sauer, ebenfalls Diplom-Pädagogin und Leiterin der Elternschule an der St.-Barbara-Klinik.
Begonnen habe man 2014 zunächst nur für die nördlichen Stadtbezirke, das Angebot wegen der großen Nachfrage aber schnell stadtweit zugänglich gemacht. Die Probleme zögen sich durch alle Stadtteile und alle Gesellschaftsschichten, sagt Elbers. Für alle, die ihren Wohnsitz in Hamm haben, ist die Beratung kostenlos. Inzwischen, sagt Sauer, kämen Elternpaare auch aus der Nachbarschaft, den Kreisen Unna, Warendorf, dem Ennepe-Ruhr-Kreis.
Es war eine bewusste Entscheidung, die Sprechstunde an einer Klinik statt in einer Elternberatungsstelle anzusiedeln, sagt Sauer. Man wolle die Schwelle niedrig halten. Hamm sei bei frühen Förderangeboten gut aufgestellt, meint sie. In anderen Städten scheiterten solche pädagogischen Angebote an der Finanzierung. Hier sei es gut ausgegebenes Geld.
Wichtige Fragen zur Sprechstunde
Wann sollte man die Sprechstunde in Anspruch nehmen?
Wenn das Baby viel schreit, sich schwer beruhigen lässt, nicht einschlafen kann, nicht durchschläft und Füttern und Essen schwierig sind.
Wer darf kommen?
Alle Eltern von Kinder unter drei Jahren. Ein vorheriger Besuch beim Kinderarzt ist Pflicht.
Welche Kosten entstehen?
Keine. Für Eltern aus Hamm ist die Sprechstunde kostenlos.
Wo meldet man sich an?
Bei Oliver Elbers, Telefon 681-1342, E-Mail oelbers@barbaraklinik.de.
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