WA.de-Serie "Mut zu Hamm" (Teil 18)

Ben Böhm alias Lady Sarafina: "Die Hammer sind tolerant"

Ben Böhm (links) ist (auch) Lady Sarafina.
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Ben Böhm (links) ist (auch) Lady Sarafina.

Hamm – Man könnte meinen, ein Travestie-Künstler sei am Ziel seiner Träume angelangt, wenn er in Hamburg mit Olivia Jones arbeiten kann. Für Ben Böhm, bekannter als Lady Sarafina, trifft das nicht zu.

In der WA.de-Reihe „Mut zu Hamm“ erzählt Böhm bzw. Sarafina, wieso er Hamm einst verließ –

Die Serie: In unserer Serie „Mut zu Hamm“ berichten Menschen, die in die Stadt gezogen sind, wieso sie hergekommen sind und wieso sie bleiben. (Hier klicken für alle bisherigen Folgen!)

Ihr Vorschlag: Möchten Sie auch jemanden vorschlagen, der „Mut zu Hamm“ beweist? Dann schreiben Sie uns an lokales-hamm@wa.de.

und dann immer wieder zurückkehrte.

Woher stammen Sie?  

Ben Böhm/Lady Sarafina: Aus Hamm. Ich bin hier geboren und aufgewachsen.

Sie sind Hamm schon früh untreu geworden. 

Böhm/Sarafina: Ja, mit 17 Jahren bin ich nach Paderborn gegangen und habe dort eine Ausbildung zum Koch gemacht.

Sie sind Koch? 

Böhm/Sarafina: Ich habe die Ausbildung nicht abgeschlossen, weil ich der Liebe wegen mit 19 nach Iserlohn gegangen bin. Als das nach einem halben Jahr vorbei war, zog es mich wieder nach Hamm. Hier habe ich jeden Job angenommen, den ich kriegen konnte. Ich habe für 400 Euro im Einzelhandel gearbeitet, im Internetcafé, hatte eine Dreiviertel-Stelle in der Gastronomie – teilweise alles gleichzeitig. Dann habe ich eine Ausbildung zum Einzelhandels-Kaufmann angefangen, der Liebe wegen in Bielefeld. Dort war ich für drei Jahre und habe mir nebenbei das mit der Travestie aufgebaut.

Aufbauen? Schlüpft man da nicht einfach in Kleidung, Perücke und hohe Schuhe – fertig?

Böhm/Sarafina: So einfach ist das nicht. Man braucht irre viel Ausstattung, die teilweise auch irre viel kostet. Die Haare, die Federkragen, die Kleidung. Das ist alles maßgefertigt und muss viel abkönnen, außerdem Dinge irgendwo wegmogeln, so man sie nicht sehen will, und woanders hinschieben.

"Am Anfang war Alkohol im Spiel"

Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee gekommen? 

Böhm/Sarafina: Da war Alkohol im Spiel. Ich hatte dem Cousin eines Freundes – der Friseur und Künstler war – geholfen, seinen Salon zu renovieren. Er fragte mich, ob er mir im Gegenzug etwas Gutes tun könnte. Der Geburtstag meiner Oma stand bevor, und ich sagte, ich bräuchte Hilfe, um bei der Feier eine Show auf die Beine zu stellen. Am nächsten Tag stand er tatsächlich mit diesen Klamotten vor der Tür und hat mich gestylt. Das war enorm. Auch, weil ich damals noch 50 Kilogramm schwerer war.

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Ihr erster Travestie-Auftritt war auf dem Geburtstag Ihrer Oma? 

Böhm/Sarafina: Ja. Die ganze Familie war da. Die fanden das gut. Auch die Oma? Die hat das total gefeiert! Sie war eine sehr lebenslustige Frau. Ich glaube, wenn sie noch leben würde, wäre sie heute mein größter Fan. Und dann kamen andere Omas, die ebenfalls meine Show buchten.

Lebten Sie noch in Bielefeld?

Böhm/Sarafina: Ja. Aber als die Beziehung dort in die Brüche ging, bin ich zurück nach Hamm gekommen. Bielefeld ist lebenswert, es gibt da richtig viel Kultur. Aber das Herz war nicht dabei. In Hamm ist das anders. Für mich ist Hamm die schönste Stadt.

"Hamm ist schön - man hat hier alles"

In dieser Interview-Reihe war schon viel Gutes über Hamm zu hören. Aber nicht, dass die Stadt ausnehmend schön ist.

Böhm/Sarafina: Ist sie aber! Man hat hier alles: Die Stadt ist grün. Sie hat diesen Charme zwischen Groß und Klein. Und will man doch mal in eine größere Großstadt, ist man in einer Stunde da.

Trotzdem sind Sie wieder weggegangen. 

Böhm/Sarafina: Ich war zwei Jahre in Hamm. Dann – da war wieder Alkohol im Spiel – erfuhr ich in einer Kneipe, dass Olivia Jones in Hamburg Künstler für die Bar in Hamburg sucht. Noch an dem Abend habe ich dahin geschrieben und ein paar Fotos mitgeschickt. Dann wurde ich zum Casting eingeladen und habe es gewonnen.

Olivia Jones mit Lady Sarafina im Mai 2013.

Ist das nicht ein Traum für einen Travestie-Künstler: in Hamburg mit Olivia Jones arbeiten?

Böhm/Sarafina: Hamburg ist toll zum Urlaub machen. Aber es hat mir nicht gefallen, dort zu leben – die Stadt ist viel zu groß. Und man kann sich dort als Travestie-Künstler keinen Namen machen, die gibt’s an jeder Ecke. Als ein Jahr nach meiner Ankunft mein Vater krank wurde, bin ich zurück nach Hamm gegangen. Darüber bin ich froh.

Was zieht Sie neben der Familie immer wieder zurück? 

Böhm/Sarafina: Hamm ist einfach meine Heimat. Ich habe nicht vor, noch mal wegzugehen.

"Ich mag die Kodderschnauze der Hammer"

Wie sind die Menschen hier im Vergleich zu den Orten, an denen Sie sonst gewohnt haben?

Böhm/Sarafina: Offen, sehr offen. Ich mag ihre Kodderschnauze. Die meisten sagen sehr direkt, was sie denken. Und wenn man hier alleine in eine Kneipe geht, findet man Anschluss. Versuchen Sie das mal in Hamburg: klappt nicht.

Lady Sarafina mit Clown Püppi (links).

Ein Klischee wäre, dass die Leute in Hamburg toleranter sind als hier. Haben Sie das so empfunden?

Böhm/Sarafina: Eher nicht. Die Hammer sind auch tolerant. Ich habe hier nie Diskriminierung erlebt. Vielleicht liegt es auch daran, dass es mich nie interessiert hat, was andere über mich denken. Das strahlt man aus. Wer sich diskriminiert fühlt, fühlt sich als Opfer – das merken andere und nutzen es aus. Auch hier: Ich habe „Sarafinas Bar“ vor einem Jahr eröffnet. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass mir im ersten Jahr drei Mal die Scheibe eingeschlagen wird oder irgendwer Eier an die Fassade schmeißt. Nichts dergleichen ist passiert.

Was könnte denn hier insgesamt besser laufen?

Böhm/Sarafina: Die Stadt könnte auf Geschäftsleute zukommen. Als ich den Laden eröffnet habe, hatte ich gedacht, dass mal einer vorbeikommt und mich als Gründer begrüßt. Ist nicht passiert. Da beklagt die Verwaltung Leerstände und tut dann nichts für Geschäftsleute, die etwas eröffnen! Außerdem brauchen wir eine bessere Infrastruktur. Versuchen Sie mal, nachts von hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Herringen zu kommen. Das ist sehr schwierig und sollte sich verbessern.

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