Nagelstudios, Handyläden... Die Trends im Einzelhandel
Wie viele Friseure verträgt Hamm?
Hamm - Die Hammer Innenstadt ändert sich: 32 Nagelstudios, 46 Friseure und 39 Handyläden gibt es allein im Postleitzahlbezirk 59065. Ist das nun schlimm oder sind das die Zeichen der Zeit? Eine Analyse.
Können Dienstleister als Nachfolger des Einzelhandels in Innenstädten adäquat Lücken schließen? Wie viele Dienstleister verträgt eine Innenstadt wie Hamm, so dass sie für das allseits geforderte Einkaufserlebnis attraktiv bleibt? Ab wann beginnt ein Trading-Down-Effekt, also eine heruntergewirtschaftete Innenstadt, die sich durch eine Häufung bestimmter Gewerbe auszeichnet?
Manche Branchen scheinen in Hamm geradezu zu explodieren. Aktuell gibt es 32 Nagelstudios, 46 Friseure und 39 Handyläden allein im Postleitzahlbereich 59065, der die gesamte Innenstadt umfasst. Ein Großteil der Friseurgeschäfte, Nagelstudios und Handyläden ist in den vergangenen zehn Jahren eröffnet worden. Doch ist das ein Problem?
Die nackten Zahlen allein sind für Markus Kaluza, Sprecher des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland, nicht aussagekräftig. „Man muss sich genau ansehen, wie der Mix ist und wo diese Anbieter liegen“, sagt Kaluza. Friseur sei ein Meisterhandwerk und damit zunächst einmal kein Indikator für Trading Down. Das Thema Handyläden sei ebenfalls gesondert zu bewerten und als Zeugnis des technischen Fortschritts zu betrachten.
Und Nagelstudios? „Das Bedürfnis, sich hübsch zu machen, ist ja grundsätzlich nicht schlecht. Nagelstudios sind ein Zeichen dafür, dass es uns insgesamt ganz schön gut gehen muss.“ Und wo bleibt das „Aber“?
Wenn auch die bloßen Zahlen nichts über vitale, funktionierende Innenstädte aussagen, dann sind es laut Kaluza die Lagen und der Mix, die zu einem Urteil führen. Eine Zunahme von Nagelstudios, Friseuren, Handyläden, Spielhallen, 1-Euro-Shops in 1a-Lagen und die Ablösung von beispielsweise Textilern oder inhabergeführtem Einzelhandel sei bedenklich. „Hat der Trading-Down-Effekt einmal eingesetzt, geht es immer schneller. Dann ist es dringend Zeit zu handeln“, so Kaluza.
Mit einem Urteil, ob es in der Weststraße schon so weit gekommen ist, sind sowohl Kaluza als auch IHK-Geschäftsführer Ulf Wollrath vorsichtig. Der Trend in Innenstädten gehe zu Dienstleistern, der Einzelhandel verschwinde zunehmend, so Wollrath. Junge Gründer dächten entweder in den Kategorien stationär und online gleichzeitig oder ausschließlich online. Das zeigten die jährlich rund 800 Beratungsgespräche, die die IHK durchführe.
An der jüngsten Studie zur Situation der Innenstädte durch das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) hat sich die Stadt Hamm nicht beteiligt. Weil Kosten und zu erwartende Ergebnisse nicht im Verhältnis standen, wie Klaus Ernst vom Stadtmarketing sagt. „Wir kennen unsere Stärken und Schwächen.“ Das Einkaufserlebnis wurde von den Befragten laut Studie im Schnitt mit einer „Drei plus“ bewertet.
"Hier sind alle verantwortlich"
Das sei zu wenig und bedenklich, sagen Kaluza und Wollrath. Letzterer sieht in der Hammer Weststraße deutlich Handlungsbedarf. Weder die sogenannten weichen Faktoren wie Ambiente, Flair, Platzgestaltung und Grün noch der Angebotsmix deuteten insgesamt auf ein gutes Prädikat hin. „Hier sind alle gefragt“, sagt Wollrath. „Sich nur darauf zu verlassen, dass man Gewerbesteuer bezahlt, funktioniert nicht. Die Eigentümer sind für ihre Immobilien und das Erscheinungsbild verantwortlich. Die Händler für das Sortiment und alle zusammen noch mal für den Erlebnisfaktor obendrauf. „Uneinigkeit schwächt“, sagt Wollrath. „Keiner wird die Probleme für mich lösen, Einzelkämpfertum führt zu nichts.“
Kleinere Städte wie Unna oder Fröndenberg lieferten gute Beispiele für Einigkeit im Handel und den Umgang mit Leerstand. Der Besatz beispielsweise an Nagelstudios im Kernbereich Hamm sei „gefühlt hoch“, zahlenmäßige Vergleiche mit anderen Städten seien aufgrund unterschiedlicher Strukturen aber nicht zielführend.
Wollrath sieht in verhältnismäßig jungen Gewerben auch so etwas wie die Erprobung eines Trends. „Wenn zunehmend Textiler als Leitbranche verschwinden, dann muss ich mir ernsthaftere Gedanken machen“, sagt Wollrath. Eine hohe Verantwortung sieht er bei den Eigentümern: „Ich halte es für bedenklich, wenn man nimmt, wen man kriegen kann.“
