Viele abgegebene Tiere 2023
„Schlimmstes Jahr“: Tierasyl Hamm kämpft mit traurigen Tierschicksalen
„2023 war das schlimmste Jahr, das ich hier erlebt habe“, sagt Katja Skriginski, die Leiterin des Tierasyls Hamm. Viele Fundtiere, viele Beschlagnahmungen, viele traurige Tierschicksale erlebten Skriginski und ihr Team im vergangenen Jahr.
Hamm – Das Tierasyl Hamm hört man, bevor man es entdeckt. Hundegebell dringt aus dem Gebäude, vereinzelt ist das Miauen einer Katze zu hören. Besucher müssen am Eingang des Tierparks rechts abbiegen, durch ein Tor gehen und laufen einen langen Gang an den Zwingern vorbei. Früher konnten Besucher einfach durch das Tor gehen und sich die Bewohner ansehen. Seit Corona müssen sie sich vorher anmelden und einen Termin ausmachen. „Wir haben gemerkt, dass die Ruhe den Tieren guttut“, erklärt Katja Skriginski. Aktuell sind 19 Hunde, 42 Katzen, neun Kaninchen, ein Meerschweinchen und 27 Ratten im Tierasyl. Sie alle haben keine Besitzer mehr und warten auf ein neues Zuhause.
„Das schlimmste Jahr“: Tierasyl Hamm kämpft mit traurigen Tierschicksalen
Die 27 Ratten wurden in Vellinghausen einfach ausgesetzt. Eine Spaziergängerin fand die rund 50 Tiere bei einem Spaziergang zwischen Welver und Hamm. Einige der Tiere waren dann bereits tot, sie starben einen qualvollen Tod in der Kälte. Die meisten der Überlebenden sind jetzt im Tierasyl Hamm.
Der dringendste Fall des Tierasyls Hamm: Balu braucht ein neues Zuhause
Das Team von Katja Skriginski besteht aus fünf Mitarbeitern, einem Auszubildenden und einer jungen Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr. Insgesamt ist das Tierasyl Hamm in Frauenhand: Nur einer der Mitarbeiter und der Azubi sind Männer. Alle eint eine große Tierliebe, die auch dringend benötigt wird in dem Beruf. Und diese bleibt nicht auf der Arbeit, sondern kommt auch mit in den Feierabend. Katja Skriginski hat Zuhause sechs Hunde und sieben Katzen. Und sie hat ihre Leidenschaft an ihre Tochter weitergegeben: Alisha Skriginski arbeitet seit knapp zehn Jahren im Tierasyl. Die 25-Jährige war schon in ihrer Schulzeit ehrenamtliche Mitarbeiterin und hat jetzt seit drei Jahren eine feste Stelle. Und einen Hund: Die Akita Inu-Königspudelmischung Kito wurde gerettet.
Die Arbeit im Tierasyl ist hart. Beschlagnahmungen, Polizeieinsätze, illegale Zuchten oder einfach kein Interesse mehr am Tier, aus solchen Schicksalen stammen die Bewohner. Es ist aber nicht immer menschliche Ignoranz, die für die Aufnahme sorgt: Die Besitzerin von zwei Katzen, die am Dienstagnachmittag neu ins Asyl kamen, ist ohne Angehörige gestorben. Die Leiche lag schon länger in der Wohnung. Skriginskis Mitarbeiter gingen mit der Polizei ins Gebäude und retteten die Tiere. „Wir erleben schon schlimme Dinge“, sagt Skriginski.
Besitzer haben eine Woche Zeit ihr Haustier zu holen - viele nutzen diese Zeit nicht
Silvester etwa wurden drei Hunde und eine Katze ins Tierasyl gebracht. Die Tiere bekommen beim Feuerwerk oft Angst und können davonlaufen. Abgeholt wurden bis jetzt nur ein Hund und eine Katze. Die beiden anderen Tiere werden Zuhause nicht vermisst.
Insgesamt sieben Tage haben Besitzer Zeit, sich beim Tierasyl zu melden, wenn ihnen ein Tier fehlt. Danach startet die Vermittlung. Sechs Monate lang kann der Besitzer das Tier zurückholen, wenn er beweisen kann, das es ihm gehört.
Scheinbar möchten viele Menschen ihre Haustiere wieder loswerden, doch Abgaben nimmt das Tierasyl nicht an. Trotzdem klingelt jeden Tag etwa fünf Mal das Telefon, weil Besitzer ihre Hunde und Katzen lieber ins Tierasyl geben wollen, als sie Zuhause zu behalten. „Die meisten dieser Tiere sind zwischen zwei und drei Jahre alt“, sagt Katja Skriginski. Sie denkt, dass sie während Corona angeschafft wurden. Während die Pandemie wütete, gab es deutschlandweit einen Haustier-Boom. Dabei sind auch Kleinanzeigen-Käufe, die nicht den Erwartungen entsprachen und jetzt nicht mehr vom Verkäufer zurückgenommen werden. Ebenfalls eine Herausforderung für das Tierasyl sind Auslandshunde. Die Tiere werden aus anderen Ländern gerettet, Zuhause zeigt sich jedoch, dass sie Hüte- oder Straßenhunde waren und damit eine große Herausforderung für die neuen Besitzer hier.
Gute Nachrichten aus dem Tierasyl Hamm: Jede Vermittlung ist ein Lichtblick
Es gibt aber auch gute Nachrichten aus dem vergangenen Jahr im Tierasyl Hamm. Zwei davon betreffen Katja Skriginski persönlich und sitzen auf ihrem Schoß oder schlafen auf kleinen Kissen an ihrem Arbeitsplatz: Aus der Beschlagnahmung einer Zucht nahm sie zwei Welpen bei sich auf. Vorher hatte sie „Siggi“ und „Erbse“ sechs Monate Zuhause aufgenommen und wartete zittrig darauf, ob der ehemalige Besitzer noch Anspruch auf die Tiere erheben würde. Dazu konnte eine Mitarbeiterin wieder eingestellt werden, die als Hundeverhaltentherapeutin viel Fachwissen mitbringt. Und jede Vermittlung ist ein Lichtblick: Insgesamt 180 Katzen, 70 Hunde und 70 weitere Tiere wie Nagetiere oder Schlangen fanden im vergangenen Jahr ein neues Zuhause.
„Unser Job ist richtig hart. Es gibt viel Wut, viele Tränen“, sagt Katja Skriginski. 365 Tage im Jahr stellen die fünf Mitarbeiter des Tierasyls einen Bereitschaftsdienst, um sich um die Notfälle von Feuerwehr, Polizei und Ordnungsdiensten zu kümmern. Auch auf Facebook ist Skriginski schnell zu erreichen, sie wird oft unter Fotos von toten Katzen oder Fundtieren markiert. „Ich muss mir bewusst Pausen nehmen, auch von Facebook.“
Nachts fahren die Frauen nur mit Begleitung zu den Einsätzen. Gefährliche Tiere werden immer zu zweit gesichert. So bleibt die „personelle Beißstatistik“ sehr gering. „Wir haben nur ein Leben“, sagt Katja Skriginski. „Und die Tiere haben nur uns“, ergänzt ihre Tochter Alisha Skriginski.
Rubriklistenbild: © bellgardt
