Sorge um Nahversorgung
Uentrop blutet im Eiltempo aus - Was bleibt überhaupt noch?
Die Nahversorgung im östlichen Dorf der Stadt Hamm schrumpft in rasantem Tempo. Eine Bestandsaufnahme.
Uentrop – Die Absperrkette zeigt es unmissverständlich: Die Zahnarztpraxis von Magdalena Niewiadomski an der Mühlenstraße ist für immer geschlossen. Wie angekündigt, war die Zahnärztin im Oktober in den Ruhestand gegangen. Für das Uentroper Dorf heißt das, dass ein weiteres Stück Infrastruktur verloren gegangen ist. Daher stellen sich die Fragen: Was gibt es überhaupt noch im Uentroper Dorf? Was sagen die Uentroper dazu und was wünschen sie sich für die Zukunft ihres Dorfes? Wir sind diesen Fragen nachgegangen.
Ein Gang durch das Dorf zeigt: Es gibt die Pizzeria „La Dolce Vita“ an der Hülshoffstraße, die derzeit nur vormittags geöffnete Bäckerei Dördelmann an der Uentoper Dorfstraße, den Dönerladen an der Zollstraße und den „Kiosk Klos“ an der Mühlenstraße. Das war es dann aber auch schon in Sachen Nahversorgung für den täglichen Bedarf.
Industrie- und Gewerbebetriebe gibt es natürlich auch, darunter Steuerberater, Physiotherapeuten und die Sauna- und Hotelanlage „Gut Sternholz“. Ärzte gibt es mittlerweile nicht mehr, mit der Zahnärztin schloss jetzt die letzte Praxis.
Uentrop blutet aus - die Entwicklung im Dorf
Rückblick: Noch vor wenigen Jahren sah das anders aus im Uentroper Dorf. Da gab es die Zahnarztpraxis, zwei Hausärzte, eine Volksbank-Filiale, eine Apotheke und die Fahrradwerkstatt Westerhoff mitsamt „Krimskrams-Laden“. Inzwischen ist all das Geschichte. Selbst der Geldautomat der Volksbank ist seit August weg, nachdem vor zwei Jahren schon die Filiale geschlossen und es für den Automaten nun keinen neuen Mietvertrag gegeben hat. Kurzum: Die Infrastruktur im Uentroper Dorf ist zuletzt in rasantem Tempo geschrumpft.
Uentrop blutet aus - Das sagen die Bürger:
Und doch ist das nur die eine Seite der Medaille. „Ich lebe gerne im Uentroper Dorf“, sagt eine Bewohnerin der Graevinghoffstraße und scheint damit auch vielen anderen Bewohnern aus der Seele zu sprechen. Denn ob Supermarkt, Ärzte und Einzelhandel hin oder her: Was die Uentroper an ihrem Dorf schätzen, ist die hohe Wohn- und Lebensqualität fernab vom Stadttrubel.
Was sich die Uentroper für ihr Dorf wünschen? Bei einer Umfrage vor Ort fällt die Antwort fast immer gleich aus: ein Lebensmittelgeschäft. Denn: „Die Nahversorgung ist schon lange ein Problem hier im Dorf“, erzählt eine betagte Bewohnerin der Mühlenstraße.
Ein wesentlicher Aspekt für die Beurteilung ist das Alter: Während die geringe Infrastruktur für jüngere Leute meist kein Problem ist, ist das bei älteren und vor allem weniger mobilen Leuten anders. „Ich muss mir ein Taxi rufen und dann bis nach Werries zum Arzt fahren“, sagt die ältere Frau. Für sie, betont sie, sei jede Fahrt eine Herausforderung.
Uentrop blutet aus - Ärzte in Werries und Dolberg
Was die Ärzte angeht, hat sich inzwischen für manchen Uentroper nicht nur der Standort Werries etabliert. Auch nach Dolberg weichen viele aus. „Das ist genauso weit wie nach Werries zu fahren“, erzählt die Dame. Wenn sie einkaufen möchte, müssten schon ihre Kinder helfen, sagt sie.
Wo es dann hingeht? „In das Maxicenter, da ist alles gebündelt“, so die Seniorin. Ein Lebensmittelmarkt direkt vor der Tür („auch wenn es nur ein kleiner ist“) wäre trotzdem schön, findet sie. Was die Frau schön am Dorfcharakter findet: „Man hilft sich gegenseitig“, sagt sie und erzählt, dass die Nachbarn ihr auch schon mal etwas vom Supermarkt in Werries mitbringen.
Andernfalls hilft aber auch der „Kiosk Klos“ aus, der sich durchaus als „Tante-Emma-Laden“ versteht. Im Kiosk von Dagmar und Hans-Joachim Klos an der Mühlenstraße gibt es mehr als nur die klassische „gemischte Tüte“ mit Süßigkeiten, Zeitschriften und Brötchen. „Wir haben zum Beispiel auch Salz, Butter und Milch“, sagt Dagmar Klos, die sich auf die Bedürfnisse der Uentroper eingestellt hat. Denn auch ohne großen Supermarkt soll es für die Dorfbewohner eine Nahversorgung mit Lebensmitteln geben – wenn auch in kleinem Umfang. Entsprechend beliebt ist der Kiosk im Dorf. Er fungiert auch als Treffpunkt. Man kommt gerne auch auf ein Pläuschchen her – nach dem Motto: Man kennt sich und hilft sich gegenseitig.
Uentrop blutet aus - Pluspunkt Dorfgemeinschaft
Tatsächlich: Was die Infrastruktur nicht liefert, wird durch die starke Gemeinschaft im Dorf wettgemacht, wie viele Uentroper in unserer Umfrage vor Ort immer wieder betonen. Dazu gehören aber nicht nur Nachbarschaftshilfen, sondern vor allem auch das Vereinsleben durch den Sportverein TuS Uentrop, den Schützenverein und den Karnevalsverein, um nur einige zu nennen. „Es gibt im Uentroper Dorf ein ganz aktives Vereinsleben“, weiß auch Bezirksvorsteher Björn Pförtzsch.
Auch wenn es mittlerweile keine Kneipe mehr im Dorf gibt – mit Oberg an der Lippestraße und „Die kleine Kneipe und Imbiss“ an der Mühlenstraße schlossen die letzten beiden vor wenigen Jahren – gibt es dennoch viele Gelegenheiten, um im Dorf mit anderen Leuten in Kontakt zu kommen und Gemeinschaft zu erleben. Auch die vielen Veranstaltungen, Aktionen und Treffen bieten jede Menge Raum für Freizeitgestaltung in Uentrop.
Wunsch(traum) Supermarkt
Klar ist aber auch, dass der Wunsch nach einem Lebensmittelmarkt im Dorf weiterhin ein zentrales Anliegen vieler Uentroper ist. Die Chance für die Ansiedlung eines Supermarktes oder auch anderen Läden und Praxen ist allerdings gering. Denn: Je weniger Infrastruktur vorhanden ist, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Supermarkt-Betreiber hier niederlässt.
Auch wenn der Wunsch womöglich ein Wunschtraum bleiben mag: Weitgehend sind die Uentroper zufrieden mit ihrem Dorf. Pluspunkte sind unter anderem die ruhige Lage, das geringe Verkehrsaufkommen und vor allem die Natur vor der Haustür. „Das Uentroper Dorf hat andere Qualitäten“ sagt daher auch Bezirksvorsteher Björn Pförtzsch – auch ohne Ärzte, Supermärkte und Co. in der Nähe zu haben. Er bringt den Blick auf das Dorf deshalb mit einem Satz gut auf den Punkt: „Die Uentroper wissen die Wohn- und Lebensqualität zu schätzen.“
Übrigens: Damit wenigstens die letzten Läden noch lange da bleiben, hat Pförtzsch einen Wunsch: „Man sollte die lokalen Händler unterstützen“, sagt er ganz allgemein. Nur wenn man lokal einkaufe, könnten sich die Geschäfte vor Ort halten. Sein Appell sei zwar allgemein gerichtet. Allerdings: Im Uentroper Dorf scheint das angesichts der wenigen Läden besonders wichtig zu sein.


