Viele Fotos aus der Schatzkiste der Uentroper Institution
Über Jahrzehnte der Mann für alle Fälle: Wilhelm Westerhoff hört auf
Am 31. März 2020 öffnet das Geschäft „Westerhoff“ in Hamm-Uentrop zum letzten Mal. In den Schaufenstern kündigen Aushänge das Ende einer Institution an. Wir haben uns mit dem 79-Jährigen getroffen, der so vieles erzählen kann.
Uentrop – Es ist Montagmorgen, 6 Uhr. Draußen ist es dunkel und nasskalt. So wirklich freiwillig ist um diese Zeit niemand unterwegs. An der Mühlenstraße 47 (siehe Google-Karte unten im Artikel) aber werden die alten Holzrollläden hochgezogen. Dahinter kommt eine Welt zum Vorschein, wie man sie kaum noch findet: „Westerhoff“ – ein kleiner Laden „für Dinge des täglichen Bedarfs“ samt angeschlossener Fahrradwerkstatt.
In der Werkstatt überprüft und repariert Wilhelm Westerhoff seit Jahrzehnten die Fahrräder der Uentroper. Nicht die modernen Rennmaschinen von heute, aber mit den Hollandrädern und den unverwüstlichen Modellen von damals kennt Willi sich bestens aus. Ventile, Schläuche, Mäntel, Speichen, Flickzeug, Kettenfett, Lampen, Klingeln – ein wenig Zeit, etwas Sorgfalt, und bald darauf ist das Rad wieder funktionstüchtig.
Natürlich, denn Westerhoff ist gelernter Zweiradmechaniker. Das Wohnhaus, in das die Eltern des kleinen Wilhelm Westerhoff ungefähr 1946/47 eingezogen sind, ist von etwa 1928. Anfang der 50er Jahre wurde der Laden angebaut, der mit einer kleinen Treppe direkt mit der Wohnung verbunden ist. Die Fahrradwerkstatt und eine Autowaschanlage kamen kurz darauf hinzu. Propangas-Flaschen konnten die Uentroper ab 1955 bei Westerhoffs kaufen. Den Laden hat er als junger Mann von seinem Vater, Wilhelm Westerhoff senior, übernommen.
28 Jahre lang war eine Tankstelle dabei
Nun wird dieser junge Mann bald 80 Jahre alt. Von 1960 bis 1998 gehörte auch eine Tankstelle zum Geschäft. „Die notwendige Sanierung mit wesentlich strengeren Auflagen stand aber in keinem wirtschaftlichen Verhältnis mehr“, sagt Westerhoff, sodass die Tankstelle aufgegeben wurde.
Hildegard, die Verkäuferin aus Norddinker, die er seinerzeit in der Gaststätte Richter schräg gegenüber beim Erntedank kennenlernte, ist einige Jahre jünger. Sie war die Auserwählte, mit der Westerhoff junior in den nächsten Jahrzehnten den Laden zu einem florierenden Geschäft ausbauen sollte. Seither gehen die Rollläden um 6 Uhr hoch – und frühestens um 18 Uhr wieder runter. Mittagspause? Kennt das Paar nicht. Urlaub? „Ich wüsste nicht, dass Westerhoffs jemals geschlossen hatten“, heißt es.
Ein wahrlich breit gefächertes Angebot
Heutzutage kennt man Wilhelm Westerhoff eigentlich nur mit seiner blauen Latzhose. Seine Hildegard, mit der er jüngst die goldene Hochzeit feierte, sieht man nur selten ohne eine ihrer praktischen Kittelschürzen. Mit Kugelschreiber und Block bewaffnet, verschafft sie sich gerade einen Überblick über die Bestände im Laden.
Und der hatte schon immer ein wahrlich breit gefächertes Angebot: Installationsbedarf, Schleifenband, Wäscheklammern, Staubsaugerbeutel, Alleskleber, Eisenwaren, Besenstiele, Kaffeefilter, Notizblöcke, Glühbirnen, Wäscheleinen, Butterbrotpapier, Filzstifte, Geschenkpapier, Schmieröl, Glückwunschkarten, Schrauben, Nägel, Kartenspiele, Gießkannen, die guten alten Holzschlitten, und, und, und … Nur mit Schnee können selbst die Westerhoffs nicht dienen. Darüber tröstet aber womöglich das große Bonbonglas hinweg, das eigentlich in jedem guten Geschäft auf der Theke stehen sollte.
Kunden lieben die Bonbons und die Preise
Bei den Kunden ist nicht nur das Bonbonglas beliebt. Fahrradreparaturen seien immer schnell erledigt worden, hört man. Und hinter vorgehaltener Hand: „Zu einem extrem günstigen Preis“, denn – so habe Westerhoff gesagt – „Ist ja ein altes Fahrrad, da kann ich nicht so viel Geld für nehmen.“
Unschlagbar und damit sehr beliebt war bei den Uentropern auch die Möglichkeit, einzelne Schrauben, Luftballons oder gar Lämpchen für die Weihnachtslichterkette zu erwerben. Im Zweifelsfall bekam man bei Westerhoffs, als es die Tankstelle gab, sogar am Sonntag einzelne Tischtennisbälle fürs spontane Familienturnier. Natürlich wurden in den Schaufenstern des kleinen Ladenlokals auch die Vögel der beiden heimischen Schützenvereine zur Begutachtung ausgestellt.
Etwas wehmütig wirken Hildegard und Wilhelm dann doch, wie sie dort in ihrem kleinen Wintergarten sitzen. „Aber irgendwann ist auch mal gut.“
Einmal sogar Darsteller in einem Film
An eine Geschichte denken die Westerhoffs immer noch gern zurück, denn das besondere Flair ihres Ladens lockte 2009 sogar Filmemacher an. Für die Dokumentation „Wiedergeboren in Westfalen“ stellte Regisseurin Melanie Liebheit den Alteingesessenen aus Uentrop und Schmehausen die Hindus als „Neu-Uentroper“ gegenüber. Dazu gehört – natürlich – auch Westerhoff. Für die Aufnahmen sollte das Hochziehen der Rollläden gefilmt werden. Aber 6 Uhr? Das war den Kreativen wohl zu früh. Also ließen die Westerhoffs ihre Rollläden morgens um 8 nochmal herab, um sie für die Kamera gleich darauf wieder hochzuziehen. Was tut man nicht alles für seine Kundschaft...
Und was fangen Hildegard und Wilhelm Westerhoff nach dem 31. März mit ihrer vielen freien Zeit an? Westerhoff schaut sich um und meint: „Aufräumen.“



