Immer mehr Patienten mit Schmerzen
Riesenprojekt im Kurpark: Schmerzklinik baut für 20 Millionen Euro neu
Im Kurpark ist ein riesiges Neubauprojekt geplant: Die Klinik für Manuelle Therapie wird um ein neues Gebäude mit Tiefgarage erweitert. Der Grund: Die Klinik hat immer mehr Patienten - weil immer mehr Menschen unter Schmerzen leiden. Die Coronakrise verstärkt den Effekt.
Hamm – Zehn bis 20 Prozent der Deutschen leiden unter chronischen Schmerzen, erklärt die Deutsche Schmerzgesellschaft. „Die Tendenz ist steigend“, sagt Dr. Jens Adermann, Chefarzt der Klinik für Manuelle Therapie (KMT) im Kurpark in Hamm. Die Klinik zählt zu den größten Schmerzzentren in Deutschland und ist doch nicht groß genug. Um die steigende Nachfrage zu decken, soll die Klinik erweitert werden. Geplant ist ein dreistöckiger Neubau plus Staffelgeschoss und Tiefgarage, kosten soll der Bau 20 Millionen Euro. Bezirksvertretung und Rat haben den Erweiterungsplänen zugestimmt. Der Baubeginn ist im Frühjahr geplant, Anfang 2024 soll das Gebäude bezogen sein.
Neubau der Schmerzklinik: Das hat die Klinik im Kurpark vor
Das neue Gebäude soll dazu beitragen, dass die Klinik mehr Patienten als bisher behandeln kann und die Klinik moderner aufgestellt ist. Ein Großteil des heutigen Baus stammt aus den 1960er-Jahren. Üblich waren damals Dreibettzimmer, die heute nicht mehr zeitgemäß sind, sagt Karl Ehrmann, Geschäftsführer der KMT. Die meisten Patienten wollen in Zweibett- und Einzelzimmern bleiben. Das soll der Neubau ermöglichen. Im Zuge des Neubaus kommt es auch zu etlichen Veränderungen auf der Fährstraße.
Zusätzlich wird eine steigende Zahl an Patienten teilstationär behandelt. Sie verbringen also ihre Tage in der Klinik und fahren abends nach Hause. Auch ihnen soll die Klinik nach der Erweiterung Platz bieten.
Entwurf für Klinik: Eingang wird verlegt
Der Haupteingang der Klinik wird von der Ostenallee an die Fährstraße verlegt. Auf der rechten Seite dieses Eingangs wird der Altbau liegen, links der Neubau. Unterirdisch wird es eine Tiefgarage mit 40 Parkplätzen geben. Von außen blicken Patienten und Besucher dann durch große Fenster ins Erdgeschoss des Neubaus: Dort soll eine große Trainingsfläche mit Ergometern und vielen weiteren Übungsanlagen entstehen.
In der Klinik wurde früher viel gespritzt. Das ist heute nicht mehr so. Wir setzen auf Training, Edukation und Physiotherapie.
„In der Klinik wurde früher viel gespritzt“, sagt Chefarzt Adermann. Das sei die damals gängige Behandlung von Schmerzen gewesen und entspreche längst nicht mehr der heutigen Schmerztherapie. „Wir setzen auf Training, Edukation und Physiotherapie“, sagt Adermann. Medikamente kämen nur dann zum Einsatz, wenn es absolut nötig ist. „Es war uns wichtig, dass man direkt sieht: Hier wird gearbeitet“, sagt Geschäftsführer Ehrmann.
Klinik im Kurpark: Gespräche sind wichtiger Teil der Therapie
Neben der Trainingsfläche entstehen im Erdgeschoss 20 Zimmer für die Physiotherapie. „Früher hat man in solchen Bereichen mit spanischen Wänden gearbeitet“, sagt Adermann. Auch das passe heute nicht mehr: Die Gespräche gehörten zur Therapie. Um sie vertrauensvoll führen zu können, sind Physiotherapeuten und Patienten in den Zimmern akustisch abgeschirmt.
In den beiden Obergeschossen soll es 46 Zweibettzimmer mit Bad für stationäre Patienten geben. Sie werden alle gleich groß. Unterscheiden wird sich die Ausstattung, die für Privatpatienten höherwertig sein soll als in den Bereichen der Kassenpatienten. „Es gibt keinen Unterschied in der Therapie oder der Speisenversorgung“, sagt Adermann, eine Zweiklassenmedizin lehne er ab. Zugleich müsse man einen Unterschied machen – und halte es für sozialverträglich, wenn sich dieser in etwas höherwertigeren Möbeln zeigt. Zurückgesetzt ist in der vierten Etage ein Staffelgeschoss mit Besprechungsräumen geplant.
Anforderungen an den Bau: Mitarbeiter wollen Nachhaltigkeit
In Workshops beteiligten sich die Mitarbeiter am Entwurf, heißt es von Ehrmann und Adermann: „Sie haben sehr stark gefordert, dass es ein ökologischer Bau wird“, sagt Adermann. Gebaut wird nach Kfw-Standard 55, aufs Dach kommt eine Solaranlage. Auf eine Klimaanlage will die Klinik trotz großer Fensterflächen verzichten: Dazu wurden vor dem Bau Säulen und Dächer geplant, die für eine Beschattung sorgen.
Außerdem soll über eine Leitung kühle Luft aus dem Wald des Kurparks angesaugt und in die Klinik gepumpt werden. Das Regenwasser vom Dach des Neubaus und eines Bestandsgebäudes fängt die Klinik künftig in großen Zisternen auf. Die Stadt darf dieses Wasser nutzen, um etwa die Pflanzen im Kurpark zu gießen.
Immer mehr Schmerzpatienten: Coronakrise verstärkt den Effekt
Adermann macht mehrere Gründe dafür aus, dass die Zahl der Schmerzpatienten steigt: die Alterung der Gesellschaft, ein zweiter, dass man nicht mehr hinnehme wie früher, wenn man krank ist. „Früher hat man vielleicht gesagt: Gut, ich bin 70, mir tut alles weh, ich lege mich mal hin“, sagt Adermann. „Heute erwarten die Menschen mehr.“
Der stark gestiegene Druck ist die Ursache dafür, dass auch Jüngere häufiger unter Schmerzen leiden.
Gerade Jüngere litten ebenfalls häufiger unter Schmerzen als noch vor einigen Jahrzehnten. „Der stark gestiegene Druck ist die Ursache.“ In immer mehr Familien arbeiteten beide Partner, die Doppelbelastung von Job und Familie sorge für ebenso Stress wie die Digitalisierung samt ständiger Erreichbarkeit. „Auch die Coronapandemie hat einen Anteil“, sagt Adermann: Das Homeoffice könne bei Menschen an der Schwelle zur psychischen Erkrankung dafür sorgen, dass sie tatsächlich erkranken. Das kann sich unter anderem durch Schmerzen äußern. Außerdem gibt es immer mehr Patienten mit besonderen Anliegen, die in der Klinik behandelt werden.
Aktuell behandelt die KMT 3000 Patienten pro Jahr stationär, 2000 in der Ambulanz und 300 teilstationär. Es ist davon auszugehen, dass es künftig mehr werden.
