Besuch bei Diekmann in Bockum-Hövel
Phänomen Tiny House: Hammer Schreinerei richtet Schwerpunkt neu aus
Tiny Houses können von einem Ort zu einem anderen transportiert werden. Die einzuhaltende Gewichtsgrenze von 3,5 Tonnen auf der Straße ist bei jedem Mini-Haus immer die größte Herausforderung. Beim neuen Projekt der Schreinerei Diekmann aus Hamm spielt das keine Rolle mehr.
Hamm - Es riecht nach frischem Holz und Spänen. In den Ecken stehen halbfertige Regale oder Sanitäranlagen, die noch nicht an ihrem Platz sind. Überall sind Handwerker, auch „Diekmänner“ genannt, zu sehen, die emsig Kundenträume mit Holz in Form bringen. Je weiter man den langen Gang der Werkstatthalle entlanggeht, desto besser ist zu erkennen, woran sie feilen: Tiny Houses, also Häuser im Miniaturformat.
Fast am Ende der Produktionsstraße befindet sich schon die neueste Baustelle: Es ist das neue Projekt der Schreinerei Diekmann. Bislang standen die Häuschen auf speziellen Trailern und konnten jederzeit mit einem entsprechenden Zugfahrzeug bewegt werden. „Die neue Konstruktion steht nicht auf einem Trailer. Sie wird stattdessen später auf einem Punktfundament stehen“, erklärt Vera Lindenbauer, die für die Pressearbeit zuständig ist.
Tiny Houses aus Hamm: Keine Gewichtsgrenze
Der Hauptvorteil sei, dass man dadurch größer und schwerer bauen könne. Da dieses Tiny House auf einem Tieflader transportiert wird, müsse die Gewichtsgrenze von 3,5 Tonnen auf der Straße nicht eingehalten werden. „Weil das Haus nicht auf dem eigenen Trailer befördert wird, gelten da andere Beschränkungen des Straßenverkehrsrechts, was Höhe, Breite und Gewicht angeht.“ Durch schwere Einbauten und dickere Wände werde das Gesamtgewicht bei rund 6,5 Tonnen liegen. Es wird zwei Varianten geben, die sich preislich unterscheiden: Eine Rohbauvariante für knapp unter 70.000 Euro und eine möblierte, schlüsselfertige Variante für circa 100.000 Euro.
Der neue Prototyp ermögliche auch eine größere Wohnfläche: Sie liege bei gut 25 Quadratmetern. Anders als bei den Tiny Houses, die nicht punktgenau auf ein Fundament abgesetzt werden, komme man bei der neuen Konzeption meist nicht ohne Baugenehmigung aus: Zumindest immer dann, wenn man das Haus für Dauerwohnzwecke nutzen will. Einzige Ausnahme: „Wenn man mit dem Haus auf dem Campingplatz steht.“
Campingplatz-Feeling bietet auch das im Juni 2021 gestartete Tiny-House-Hotel „Pier 9“ nahe des Kanalufers. Seitdem sind die 28 Betten fast durchgehend belegt. Auch in den Herbstferien. „Es läuft super gut“, so Lindenbauer. Immer mehr Urlauber würden Hamm so als Urlaubsort neu entdecken.
Tiny Houses aus Hamm: Messehäuser im Mini-Format
Aber auch Leute, die sich für das Thema Tiny House interessieren und einfach mal in einem der inzwischen zehn Häuser Probewohnen wollen, kämen ins Hotel. Möglichkeit zum Fachsimpeln bietet eine Lounge mit Grill im Outdoorbereich. Auch Firmen sind inzwischen auf den Geschmack gekommen. Derzeit sei die Schreinerei mit dem Bau von Messehäusern im Mini-Format beschäftigt. Wöchentlich kommen zudem Kita-Kinder, um sich nach dem baulichen Fortschritt ihres mobilen Forscherlabors im Tiny House zu erkundigen.
In der großen Produktionshalle, wo vor anderthalb Jahren noch Fenster, Türen und Wintergärten gefertigt wurden, entstehen heute nur noch ausschließlich Tiny Houses und natürlich auch die Möbel dafür. Zwischen 30 und 40 Mini-Häuser werden dort jährlich produziert. Für ein Haus benötigen die knapp 50 Mitarbeiter sechs bis acht Wochen. Jedes Haus sei dabei ein Unikat, so Lindenbauer. Eine spannende Arbeit für die Tischler und Zimmerer. Probleme, Fachkräftenachwuchs zu finden, hat das Unternehmen daher nicht. Sechs Auszubildende, darunter auch drei weibliche, gibt es derzeit.
Tiny Houses aus Hamm: große Nachfrage
Bereits seit Anfang 2016 baut die Schreinerei Diekmann in Hamm Häuser im Miniaturformat. Nachgelassen hat das Interesse bis heute nicht: „Ganz im Gegenteil. Wir hoffen natürlich, dass es auch so bleibt“, sagt Lindenbauer. Der Trend zu nachhaltigen und minimalistischen Lebensentwürfen gibt der Firma Recht: Quer durch die Gesellschaft in allen Altersschichten kämen Kunden, die feststellen, dass sie zu viel Platz und Dinge haben, die sie eigentlich gar nicht brauchen.
