Ausbruch aus dem alten Leben
Ex-Einbrecher berichtet: Darum habe ich geklaut
Hamm - Nein, es ist keine Zahl, auf die Hermann Wenning stolz ist. Und doch geht er heute ganz offen damit um, dass er vor vielen Jahren bis zu 150 Einbrüche verübt hat. So offen, dass er diesen Lebensabschnitt auf 186 Seiten in seinem neuen Buch verarbeitet hat.
Die Drogensucht war es, die Hermann Wenning Mitte der 1990er Jahre erst dazu trieb, Pfandflaschen auf Baustellen zu stehlen. Später überfiel er Büros, Tankstellen, Wohnungen. Seine Strafe: Insgesamt zweieinhalb Jahre lang saß er im Knast.
Heute ist der 55-Jährige längst clean und ein gefragter Autor. In seinem neuen autobiografischen Buch widmet er sich ganz dem Thema Einbruch. Er hat dabei ein Ziel: „Wenn ich auch nur einen Mensch davon abhalten kann, einen Einbruch zu verüben, hat es sich gelohnt“, sagt der gebürtige Münsterländer, der seit vielen Jahren in Hamm lebt.
Er setzt sich öffentlich für die Drogenprävention ein, was letztlich der Beschaffungskriminalität vorbeugt. „Einbruch! Ex-Einbrecher Hermann Wenning packt aus“ heißt sein neues Buch. Es ist mehr für ihn als eine bloße Warnung an andere. Er will damit – anders als bei seinen beiden Büchern vorher – seine Vergangenheit bewältigen. „Nach gut 20 Jahren ist der Zeitpunkt erreicht, an dem ich meine Vergangenheit akzeptieren kann. Ich kann die Fehler nicht rückgängig machen, aber ich stehe dazu“, sagt er.
Wenning war früher Spitzenläufer, sein Erstlingswerk „Lauf zurück ins Leben“ hat für Furore gesorgt. Er schildert darin, wie er mithilfe des Laufens der Drogensucht und der Kriminalität entrinnen konnte.
Das neue Buch beginnt mit drastischen Worten. „Arbeitslos, alkoholabhängig, drogenabhängig und gesellschaftlich ziemlich abgefahren, so ist meine Situation im Frühjahr 1997“, heißt es. Wenning schildert, wie er anfangs probierte, seine Drogensucht mit einem Versicherungsbetrug zu finanzieren. Der Versuch scheiterte. Stattdessen schlich Wenning sich nachts auf Baustellen, um Pfandflaschen zu stehlen. „Bierflaschen habe ich selbst leer getrunken, alles ohne Alkohol habe ich weggeschüttet“, erinnert er sich. Bis zu 100 Mark habe er auf diese Weise pro Nacht zusammenbekommen.
Skrupel vor Wohnungseinbrüchen
Wenning erzählt seinem neuen Buch auch, wie er in Büros einbrach. Eine Handvoll Male stieg er auch in Wohnungen ein, hatte aber Skrupel. „Ich wollte nicht auf Menschen treffen“, sagt Hermann Wenning. Trotz seiner Drogensucht sei ihm klar gewesen, was er mental bei den Opfern von Wohnungseinbrüchen anrichten würde.
In der Rückschau gibt Wenning Einblicke in sein Seelenleben. Es habe sich im Laufe der Zeit gewandelt. „Bevor ich zum ersten Mal in einen Laden eingebrochen bin, stand ich bestimmt eine halbe Stunde davor. Es hat mich viel Überwindung gekostet“, sagt er. Vor Einbrüchen habe er immer Drogen genommen, um weniger Angst zu haben.
Doch er stumpfte ab. Irgendwann sei er in ein Restaurant eingebrochen und habe zunächst die Kasse geplündert. Weil das Essen aber so gut roch, habe er sich etwas in der Mikrowelle warm gemacht, sich ein Pils gezapft, gegessen und getrunken, bevor er flüchtete.
Warnung vor Drogenmissbrauch
Wenning möchte mit dem Buch darauf hinweisen, dass der Drogenkonsum auch die Ursache der Beschaffungskriminalität ist. Er warnt deshalb vor illegalen Substanzen und Alkoholmissbrauch.
Im Hauptberuf arbeitet Wenning heute als Straßenwärter in Ahlen. Pro Jahr gibt er rund 60 Lesungen, vorwiegend in Schulen. Nach all den Einbrüchen und der Zeit im Gefängnis begann Wenning die Resozialisierung mit Entgiftung und Therapie.
Seit knapp 20 Jahren nimmt er keine Drogen mehr. Er kam auch nicht mehr mit dem Gesetz in Konflikt. Im Gegenteil: „Auf dem Weg zu meinen Lesungen habe ich insgesamt drei Smartphones und eine Geldbörse gefunden“, erzählt er. Er behielt sie nicht. „Ich freue mich, wenn ich etwas finde und es dann zurückgeben kann“, sagt er.
Schlechtes Gewissen bleibt
Doch so sehr er seine Vergangenheit heute akzeptiert hat: Sein schlechtes Gewissen plagt ihn weiterhin. Dagegen hilft es wenig, dass er neben den Gefängnisaufenthalten mehrere Tausend Euro an Entschädigungen gezahlt und sich bei mehreren seiner Opfer entschuldigt hat. Durch sein neues Buch nehme er zwar nicht viel ein. Dennoch entschied er sich, die Hälfte des Geldes an den „Weißen Ring“ zu spenden. Dieser kümmert sich um den Opferschutz.
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