Drogen, Alkohol und Schulden

Drei bewegende Schicksale: So leben Obdachlose in Hamm

Ilja (links) und die beiden Michaels sind häufig gegenüber der Pauluskirche anzutreffen. Von der Straße wollen sie weg, aber die Hürden sind hoch. 
+
Ilja (links) und die beiden Michaels sind häufig gegenüber der Pauluskirche anzutreffen. Von der Straße wollen sie weg, aber die Hürden sind hoch.

Hamm - Auch das ist Hamm: Drei Hammer Obdachlose sprechen über ihre Vergangenheit, Brüche im Leben, Drogen, den Wunsch nach Hilfe und ihre Ängste vor der "Penner-Klatsche".

Es ist 11 Uhr morgens. Immer wieder fallen Michael die Augen zu und sein Kopf sinkt langsam Richtung Tischplatte. Dem Gespräch kann er nur noch in Teilen folgen. Seine beiden Freunde stoßen den 43-Jährigen an, um ihn wach zu halten. Hinter den dreien liegt eine von ungezählten immergleichen Nächten: eine Nacht zwischen Vergessen, Angst und Anstrengung. Die drei sind obdachlos, schlafen in Etappen und halten gegenseitig Wache. Wegen möglicher Übergriffe, der „Penner-Klatsche“, die sie am eigenen Leib erfahren haben.

Traum von einer WG

Quartiere finden sie in den Foyers von Banken und Sparkassen oder am Kanal. Tagsüber kommen neuer Alkohol und die Müdigkeit. „Manche meinen das aus Büchern oder Filmen zu kennen“, sagt Ilja (45). „Für uns ist das das Leben. Wir machen das nicht aus Spaß.“ Die drei träumen von etwas wie einer WG mit Leuten, die sich gegenseitig vertrauen. „Wer aufgibt, hat verloren“, sagt Ilja. Aufgegeben haben sie noch nicht, aber sie spüren jeden Tag aufs Neue, wie gering ihr Antrieb und wie unendlich schwer eine geregelte Tagesstruktur ist. Sie spüren das riesige Loch zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die Folgen von Alkohol und Drogen. Sie stehen am äußersten Rand der Gesellschaft. 

Bedarf an Wohnraum ist immens

Ende des Monats legen die Träger der Hammer Wohnungslosenhilfe die neuen Zahlen von Menschen ohne festen Wohnsitz vor. Als Zahl darin enthalten sind auch Michael, Ilja und der dritte Freund, der ebenfalls Michael heißt. Schon jetzt ist klar: Die Zahlen von Menschen ohne eigenen Mietvertrag sind seit dem Vorjahreszeitraum noch einmal auf deutlich über 300 gestiegen. 

Die Foyers von Banken sind beliebte Schlafplätze von Obdachlosen.

Der Bedarf an Wohnraum ist immens, die Chance auf eine Wohnung für manche Menschen verschwindend gering. So auch für die beiden Michaels und Ilja. „Machen Sie einem Vermieter bei drei Promille und der Anschrift ,Gulli 17’ mal klar, dass Sie eine Wohnung mieten möchten“, sagt Ilja.

Mit dem Tod der Mutter gerät das Leben aus dem Takt

Der zweite Michael (45) hatte 2011/2012 seinen letzten Mietvertrag. Aus dem Takt geriet sein Leben schon wesentlich früher, als 2001 seine Mutter starb. Es folgten Drogenabhängigkeit, Kriminalität, Gefängnis und „Platte“. Immer wieder. Das Leben hat Spuren im Gesicht des 45-Jährigen hinterlassen: Er ist ausgezehrt, wirkt deutlich älter. Dabei hatte alles so gut begonnen: Der gebürtige Hammer absolvierte bei der Bahn eine Ausbildung zum Industriemechaniker, ging zur Bundeswehr und schulte dann noch einmal beim Kolpingwerk zum Metallbauer um. Zwar sei er zeitweise ohne Arbeit gewesen, sagt er, aber Beschäftigung habe er immer wieder gefunden. „Mir ging es gut. Ich konnte verreisen“, erinnert er sich. Bis das Jahr 2001 und der Tod der Mutter kamen, der für ihn alles veränderte. 

Tief gefallen

Prüfungsbester als Dachdecker. Auch sein Namensvetter, der aus dem Siegerland kommt, hatte einmal eine sichere Basis. Als Dachdecker war er einst Prüfungsbester, habe wegen seiner Auszeichnung sogar in der Zeitung gestanden. Nach einem Sturz konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben und wurde Gerüstbauer. Aber auch das ließ die Gesundheit irgendwann nicht mehr zu. Der 43-jährige versuchte sich mit einer Umschulung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit. „Auch mir ging es gut“, sagt er. „Ich hatte Geld.“ Dann folgte der Bruch. „Mit 32 habe ich meine große Liebe verloren“, schaut er zurück. „Damit kamen Kokain und Alkohol und mit 36 die erste Therapie. Meine neue Partnerin verlor mit 37 Jahren unser Kind und trennte sich. Ich wurde heroinabhängig.“ Gut sechs Jahre habe er bei Bethel ambulant betreut gewohnt, bis er Anfang dieses Jahres nach einem Streit dort rausgeflogen sei. 

Mit 14 Jahren in den Jugendarrest

Wenn Ilja von Filmen und Romanen spricht, schaut er zurück auf seine eigene Kindheit: „So viele Schicksalschläge klingen wie ausgedacht“, sagt er. „Sind sie aber nicht.“ Mit vier Jahren verlor der Junge, der am Borsigplatz in Dortmund aufwuchs, seinen Vater. Die Mutter sei kaum zuhause gewesen. Sein elf Jahre älterer Bruder sei in die Vaterrolle geschlüpft, habe ihn oft geschlagen. Bei seiner alkohol- und tablettenabhängigen Tante sei er schon als Kind selbst zum Rauchen und Trinken gekommen: „Mal eine Zigarette anmachen, mal den Wein probieren.“ Bei einer Feier sei der Onkel erhängt im Bad gefunden worden. Mit elf Jahren probierte Ilja zum ersten Mal Haschisch. „Als mein Cousin auf seiner eigenen Hochzeit an einem Herzinfarkt starb, habe ich mich komplett in die Drogen geflüchtet“, sagt der 45-Jährige. Die Folgen: mit 14 Jugendarrest, mit 17 Jugendgefängnis, mit 21 drei Jahre wegen Raubes. „Ich habe das nicht aus Lust an der Kriminalität gemacht“, sagt er, „sondern weil ich das Geld für Drogen brauchte“. Vier Ausbildungen hat er abgebrochen, die längste Episode als Maurer dauerte eineinhalb Jahre. 27 Jahre hatte er keinen Kontakt zur Familie, neun Jahre ist er jetzt mit kurzer Unterbrechung obdachlos. „Ich kann schlecht mit Geld umgehen“, sagt er von sich selbst. Auch deshalb sei sein letztes Wohnverhältnis gescheitert. Erbschaft zerronnen Das Geld zerrann Ilja auch, als er nach dem Tod der Mutter seinen Anteil am Haus erbte. „76 000 Euro waren das“, erinnert er sich. Einen Teil davon habe er seinen zwei Kindern zahlen müssen, ein Teil sei in die Schuldentilgung geflossen. „Das waren 40 000 Euro.“ Jeweils 2500 Euro habe er noch bei seiner Schwester für die Kinder festgelegt. „Sonst wär das Geld auch futsch gewesen.“ Den Rest habe er nach und nach verbraten. „Jetzt bin ich pleite. Erst im nächsten Monat kann ich wieder einen Antrag auf Unterstützung stellen. Das Erbe wurde angerechnet. Außerdem hatte ich noch 60 Tagessätze wegen einer gestohlenen Dose Thunfisch.“

Obst- und Gemüsereste vom Markt

Beide Michaels erhalten monatlich den Hartz-IV-Regelsatz von 409 Euro. Weil noch alte Verbindlichkeiten getilgt werden müssen, schrumpft der Betrag bei beiden um 50 beziehungsweise 80 Euro pro Monat. „Wir betteln jeden Tag“, sagt Ilja. Abends würden sie von netten Gastronomen manchmal mit den Resten des Tages versorgt. Auch auf dem Markt gebe es ab und zu Wurst-, Obst oder Gemüsereste. „Dafür sind wir dankbar“, sagt der ältere der Michaels. Zur Tafel könne er nicht, ergänzt Ilja, weil er keinen Sozialhilfebescheid als Bedürftigkeitsnachweis vorlegen könne. 

Fünf bis zehn Flaschen Bier pro Tag

Die drei sind in der Substitution, erhalten täglich ihre Medikamente. „Würde man das in Heroin umrechnen, hätten wir einen Bedarf von etwa 100 Euro pro Tag nur für die Droge“, rechnet Ilja vor. Jetzt bleibt die zweite Droge, der Alkohol. Auf fünf bis zehn Flaschen Bier am Tag plus den ein oder anderen Schnaps beziffern die drei ihren Konsum pro Kopf. „Alkohol ist für alle frei zugänglich, aber es ist so schwer davon loszukommen“, sagt einer der Michaels. Alle sind sich sicher: „Aus eigener Kraft ist das nicht zu schaffen. Man wird antriebslos und vernachlässigt Termine“, sagt Ilja. Hilfe gelingt nicht immer. Den letzten Entgiftungsversuch brach der ältere der Michaels ab, weil er sich in der Einrichtung nicht wohlgefühlt habe. „Es gibt viel Konkurrenz und Neid, auch von solchen, denen es viel besser geht“, sagt er.

Dass sie nicht in der Wohnungslosenunterkunft an der Dortmunder Straße übernachten wollen, hat für sie mehrere Gründe: „Die ist viel zu weit raus“, sagt Ilja. „Abends dort zu Fuß hin und am nächsten Tag wieder zu Fuß zum Arzt in die Stadt ist keine Option. Da bleibt man lieber draußen. Außerdem findet dort keine Veränderung der Situation statt.“ In den Foyers der Banken sei es warm, besonders im Winter (Bericht vom 25. Mai: "Obdachlose übernachten in Foyers mehrerer Banken") . Und ihren Müll nähmen sie auch mit. Das sei ihr Kodex. Auch anderswo, wo ihre Übernachtung geduldet werde. „Andere sauen richtig rum“, sagt Ilja. Den Ärger könne er nachvollziehen. Wo die drei die nächsten Nächte verbringen, wissen sie noch nicht. Die Angst und die Unrast wird sie begleiten, ebenso wie der Wunsch, einmal wieder einen festen Wohnsitz zu haben.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare