Tausende Patienten müssen umplanen
Drei Hausarztpraxen in Hamm schließen: Ärztemangel spitzt sich zu
Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Vertragsarzt niederzulassen. Vor allem niedergelassene Ärzte im hausärztlichen Bereich haben Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden. In Hamm spitzt sich die Situation nun zu.
Hamm – Drei Hausarzt-Praxen werden in diesem Quartal schließen: in Uentrop, Werries und im Hammer Westen. Es geht um Dr. Pipprich, Dr. Wackerbeck und Dr. Steinberg. Bis Ende des Jahres werden zwei weitere Mediziner mit einer Hausarztpraxis in den Ruhestand gehen. „Nachfolger sind nicht in Sicht“, sagt Dr. Matthias Bohle. Tausende Patienten werden sich einen neuen Arzt suchen müssen. In Hamm sind derzeit 104 Hausärzte tätig, ein Drittel ist älter als 60 Jahre.
Als Allgemeinmediziner sowie Vorsitzender des Hammer Ärztevereins hat Bohle tiefe Einblicke in die Hammer Medizinerszene. „Überall, wo ich herum höre, melden mir die verbleibenden Kollegen fast ausnahmslos zurück, dass sie vielleicht noch ein paar Patienten aufnehmen könnten, aber nicht alle, die jetzt einen neuen Arzt suchen“, sagt er.
Viele Praxen hätten sich schon jetzt einen Patientenstopp auferlegt. Ein Ende der schwierigen Situation ist nicht in Sicht: 32 der insgesamt 104 Hammer Hausärzte sind 60 Jahre oder älter, drei davon haben die 70 bereits überschritten. Nur zwei sind unter 40 Jahre.
Die Wartezimmer sind voll
Die Wartezimmer sind voll – was auch daran liegt, dass die Gesellschaft immer älter wird und viele mit jedem kleinen Zipperlein zum Arzt kommen. In Deutschland, so Mediziner Bohle, gingen die Menschen überdurchschnittlich oft zum Arzt im Vergleich zu anderen Ländern.
Inzwischen ist auch die Hammer Politik alarmiert. Die Grünen haben eine Sondersitzung des Ausschusses für Soziales und Gesundheit angestrebt. Sie findet am kommenden Mittwoch statt. Einziger Tagesordnungspunkt ist der Ärztemangel in Hamm. Dort wird ein Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigung die aktuellen Zahlen vorstellen. Bohle hält es für richtig, dass die Hammer Politik sich mit dem Thema beschäftigt.
„Das ist ein wichtiges Signal“, so der Hammer Mediziner. Die Stadt könne mehr als ein nur ein Moderator in dem Bemühen sein, Hausärzte nach Hamm zu locken.
Für Standort Hamm werben
Bohle rät der Stadt Hamm, zu den Medizinischen Fakultäten ins Ruhrgebiet zu blicken und dort für den Standort Hamm zu werben. Möglich wäre es auch, zukünftige Ärzte mit einem Bauplatz und einem verbindlichen Kita-Platz nach Hamm zu locken. Es gebe viele kreative Möglichkeiten. Bohle sieht dabei auch die Wirtschaftsförderung in der Pflicht.
Andere Rahmenbedingungen müssten von der Bundes- oder Landespolitik verändert werden. Bohle: „Seit immerhin 20 Jahren werden Hausärzte in Westfalen-Lippe deutlich unter Bedarf ausgebildet. Dies wurde viele Jahre lang von der Politik in Berlin und Düsseldorf geflissentlich ignoriert. Den Menschen vor Ort wird diese Entwicklung erst jetzt bewusst, da die Schließung von Hausarztpraxen wegen Verrentung der Ärzte die Menschen persönlich betrifft.“
Die Patienten, die bald ohne Arzt da stünden, müssten sich wohl umstellen. Denn nach der Berechnung der Kassenärztlichen Vereinigung sei eine Anreise von 25 Kilometern zumutbar.