Fehlen Hamm bald die Hausärzte?

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Hamm - Wer wird künftig die Hammer Patienten versorgen? Während immer mehr Hausärzte ins Rentenalter kommen, zieht es Absolventen eines Medizinstudiums eher in Krankenhäuser als in eigene Praxen. Der Vorsitzende des Hammer Ärztevereins warnt vor einem Ärztemangel.

Zum Beispiel Uentrop. Seit 29 Jahren hat Dr. Brigitte Pipprich im Uentroper Dorf ihre Hausarztpraxis. In dieser Zeit begleitete sie ganze Familien vom Opa bis zum Enkel, baute zu ihren Patienten enge Bindungen auf. Sie schätzt ihren Beruf und würde ihn weiterempfehlen – und findet doch keinen, der ihre Praxis übernehmen will. „Ich suche jetzt seit zwei Jahren. Ich glaube nicht, dass es realistisch ist, dass ich einen Nachfolger finde“, sagt sie. Im Frühjahr will sie ihre Praxis aus Altersgründen aufgeben. Sollte sie mit ihrer Prognose recht haben, gibt es dann in Uentrop keinen Allgemeinmediziner mehr. 104 Hausärzte gab es zuletzt in Hamm. Ein Drittel ist mindestens 60 Jahre alt. 18 Prozent der Ärzte sind jetzt schon über 65. Diese Zahlen hatte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) in der Hammer Gesundheitskonferenz vorgelegt.

Doch wer folgt den Hausärzten, die in Ruhestand gehen? „Die Situation spitzt sich immer weiter zu“, sagt Dr. Matthias Bohle, Allgemeinmediziner sowie Vorsitzender des Hammer Ärztevereins. Er findet, dass ein Umdenken in der Medizin erforderlich ist – und zwar bald. Sonst lasse sich auf Dauer keine gute Versorgung gewährleisten. „Wenn wir nicht jetzt steuern, werden in ein paar Jahren diejenigen eine Versorgung bekommen, die am lautesten schreien – und nicht die, die am kränkesten sind“, sagt er.

Mediziner arbeiten lieber im Krankenhaus als selbstständig in der eignen Praxis

Befragungen unter dem medizinischen Nachwuchs zeigen, dass nur eine Minderheit eine eigene Praxis führen will: Nur ein Viertel der Absolventen will sich mit eigener Praxis selbstständig machen. Die Hälfte dagegen würde lieber in Kliniken arbeiten. Die Übrigen interessieren sich für Positionen im öffentlichen Gesundheitswesen oder würden gern in Praxen angestellt werden. „Außerdem wurde die Zahl der Medizinstudienplätze vor 20 Jahren um ein Drittel gekürzt“, sagt Bohle. Es studieren also weniger Menschen Medizin als früher – und unter den Studenten sind noch dazu wenige, die Hausarzt werden möchten.

So überrascht es wenig, dass Brigitte Pipprich in Uentrop keinen Nachfolger findet. Sie ist in Hamm auch kein Einzelfall. Bohle zählt mehrere Kollegen auf, die kürzlich ihre Praxen aufgegeben haben oder das in den nächsten Monaten planen.

Hamm gilt als überversorgt mit Ärzten

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung sieht man allerdings keinen Grund zum handeln, eher im Gegenteil. Denn offiziell gibt es in Hamm mehr Ärzte, als die Bevölkerung braucht. Die Versorgungsquote liegt bei 110 Prozent, Hamm gilt damit als überversorgt.

Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Sie basiert darauf, dass der Gemeinsame Bundesausschuss in den 1990er-Jahren erfasste, wie viele Hausärzte es gab. Er bildete ein Verhältnis zur Einwohnerzahl und definierte es als 100 Prozent. „Das sagte nichts darüber hinaus, was tatsächlich gut oder nötig ist“, sagt Ärztesprecher Bohle.

Zudem müssen die Menschen im Ruhrgebiet mit besonders wenigen Ärzten auskommen. Über Jahre war man laut KV davon ausgegangen, im dicht besiedelten Ruhrgebiet könnte ein Arzt mehr Patienten versorgen als anderswo. Vor zwei Jahren stellte der Gemeinsame Bundesausschuss fest, dass das nicht stimmt. Die Versorgungsquote wird nun bis 2028 Schritt für Schritt angepasst.

Aktuell soll es im Ruhrgebiet laut Quote pro 2000 Einwohner einen Hausarzt geben. Im Rest von Deutschland liegt die Quote bei 300 Einwohnern weniger pro Arzt. Würde die Quote der übrigen Bundesrepublik in Hamm gelten, hätte die Stadt zu wenige Ärzte statt zu viele.

Patienten in Deutschland 19 Mal pro Jahr beim Arzt

Und doch ist auch das nur ein Teil der Wahrheit. Denn auch das Verhalten der Patienten trägt dazu bei, dass Mediziner fehlen. „In Deutschland gehen Patienten etwa 19 Mal pro Jahr zum Arzt. In Dänemark ist es nur fünf oder sechs Mal pro Jahr – trotzdem sterben die Menschen nicht früher“, sagt Bohle. Um auf Dauer eine gute ärztliche Versorgung zu gewährleisten, sei es unumgänglich, dass die Patienten sich umstellten, glaubt er. Momentan gäbe es allerdings keine Politiker, die dieses Thema angingen.

Eine Umstellung steht aller Voraussicht nach den Patienten von Brigitte Pipprich bevor. „Sie haben große Sorgen, wohin sie künftig gehen werden“, sagt die Ärztin. „Die Patienten müssen sich wohl mobiler werden und einen neuen Hausarzt suchen.“ Wo sie einen finden, weiß sie nicht – denn auch ihre Kollegen haben viel zu tun.

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