2016 auf die Azoren ausgewandert
Brigitte Kalle: So lebt die Haus-Refus-Frau auf der Trauminsel
Hamm/São Miguel - Reisende schätzen die Abgeschiedenheit und atemberaubende Vulkanlandschaften der Azoren. In die hat sich auch Brigitte Kalle verliebt. Seit 2016 lebt die Hammerin auf São Miguel, der Hauptinsel der Azoren – mitten im Atlantik.
Gibt man die Adresse von Brigitte Kalle in das Navigationsgerät des Autos ein, findet man keinen Eintrag. „Endereço não encontrado“ – portugiesisch für Adresse nicht gefunden – leuchtet auf dem kleinen Display auf. Stattdessen hilft Durchfragen, um die unscheinbare Hangstraße im kleinen Küstenort Varzea zu finden. Das Haus von Kalle und ihrem Lebensgefährten André liegt ganz oben. Dort, wo aus der steilen Straße ein steiniger Weg geworden ist. Von hier aus schauen sie auf eine Postkartenkulisse: Den Atlantik und die umliegenden Weiden, auf denen Kühe grasen oder in der Nachmittagssonne dösen.
Schritt noch keine Sekunde bereut
„Wir fühlen uns richtig wohl und haben den Schritt, auszuwandern, noch keine Sekunde lang bereut“, sagt Kalle. Sie hatte 2015 das erste Mal Urlaub auf São Miguel gemacht und nur ein Jahr später alle Zelte in Hamm abgebrochen, um dauerhaft in der portugiesischen Autonomieregion, 3100 Kilometer von der ehemaligen Heimat entfernt, zu leben.
18 Jahre wohnte sie in Weetfeld und betrieb unter anderem einen Versandhandel und eine Boutique. Zuletzt war sie von 2009 an Eigentümerin und Wirtin von „Haus Refus“ an der Weetfelder Straße. Schlagzeilen machte die umtriebige Unternehmerin unter anderem mit der Anschaffung des „Schoolbus Diner", einem ausrangierten amerikanischen Schulbus, in dem Kalle Burger servierte.
Refus-Nachfolger bisher glücklos
War die mittlerweile 60-Jährige ein Stabilitäts-Anker für die Traditionsgaststätte, die vor ihrem Engagement von schnellen Pächterwechseln gebeutelt war, glückte den Wirten in Wiescherhöfen zuletzt wenig. Kalles Nachfolger im Schankraum schlitterte in die Privatinsolvenz. Die derzeitigen Eigner der Familie Darcan, die den Betrieb selbst aufrechterhalten, wollen die Gaststätte am liebsten neu verpachten. „Ich halte mich natürlich auf dem Laufenden, was im Dorf passiert“, sagt Kalle zu der Entwicklung. „Trotzdem bin ich hier so ausgelastet, dass ich mir nicht pausenlos Gedanken mache, was in Hamm passiert.“
Wirklich zur Ruhe gesetzt hat sich die 60-Jährige noch nicht. „Ich stehe auch hier früh am Morgen auf. Es haben sich nur die Dinge verändert, die zu erledigen sind“, sagt Kalle. Auf São Miguel kümmert sie sich um die Vermietung von Ferienhäusern (E-Mail: Azoren-urlaub@gmx.de). „Alles ist ein Stück weit entspannter. Und das schöne Wetter tut sein Übriges“, sagt sie. Selten fällt das Thermometer auf den Azoren unter 10 Grad – auch im Winter. Dagegen sind die Höchsttemperaturen im Sommer von bis zu 28 Grad noch angenehm.
Kleine Strandbar als Lieblingsort
Das Leben auf São Miguel spielt sich draußen ab. An fast jeder Ecke sitzen Einheimische, die nach getaner Arbeit die Füße hochlegen, gemeinsam lachen oder den Sonnenuntergang über dem Meer bewundern. Der Lieblingsplatz von Kalle und ihrem Lebensgefährten André ist eine kleine Strandbar in Mosteiros, nur wenige Autominuten von ihrem Haus entfernt. Über Serpentinen kommt man zu einem schwarzen Sandstrand, die Wellen brechen erst unter Getöse an den schroffen Felsen vor der Promenade. Hier werden die beiden begrüßt wie alte Bekannte.
Schnell haben sie sich auf der Insel einen großen Freundeskreis aufgebaut. So seien sie schon nach kurzer Zeit auf einen Kindergeburtstag und eine Hochzeit eingeladen worden, erzählt Brigitte Kalle. „Es wird zwar ab und an auch ein gemeinsamer Abend für Deutsche ausgerichtet. An solchen Veranstaltungen haben wir aber kein Interesse. Wir wollen uns nicht vor den Einheimischen verstecken“, betont die Unternehmerin. Sie schätzt die Hilfsbereitschaft der Portugiesen, die Freunden gerne unter die Arme greifen würden. „Ganz ohne Hintergedanken.“
Tiere ins Herz geschlossen
Ins Herz geschlossen hat Kalle auch die vielen Straßenhunde und streunenden Katzen auf São Miguel. Am Strand in Mosteiros tummelt sich gleich ein ganzes Rudel. Ein kleiner Pinscher wuselt zwischen den Beinen von Urlaubern umher und hofft auf einen Leckerbissen vom Teller. Einzelne Tiere vermittelt Kalle in die alte Heimat. Auf ihrem Grundstück stehen dafür mehrere Boxen bereit, damit die Hunde nicht mehr auf der Straße leben müssen.
Sie findet es schade, dass sich nicht mehr Einheimische um die Tiere kümmern. „Für die Portugiesen haben Haustiere einen anderen Wert als für Deutsche. Den Einheimischen ist die Kuh wichtiger als ihr Hund. Die gibt Milch und sichert so das Einkommen“, erklärt Kalle.
Zweimal auf Stippvisite in Hamm
Seitdem sie sich im Sommer 2016 aus Hamm verabschiedet hat, war Brigitte Kalle zweimal auf Stippvisite in der alten Heimat. Eine dauerhafte Rückkehr kann sie sich allerdings nicht vorstellen. Sie will auf São Miguel ihren Lebensabend verbringen. „Für mich gibt es hier noch einiges zu tun. Und auf Leberwurst müssen wir schließlich auch nicht verzichten. Die bringen unsere Urlaubsgäste mit“, sagt Kalle. „Ich lade jeden ein, mal hierher zu kommen. Wir zeigen den Leute gerne unsere neue Heimat.“



