Traditionsbetrieb an der Marinestraße
Schuhhaus Oles schließt - Kapitulation vor Internet und Billigkonkurrenz
Der Räumungsverkauf läuft bereits, und im Oktober werden die Pforten geschlossen. Dann wird mit dem Schuhhaus Oles an der Marinestraße wieder ein traditioneller und inhabergeführter Betrieb aus Bockum-Hövel verschwinden.
Bockum-Hövel – Gisela Hölscher, die das Geschäft leitet, und ihr Bruder Gerd Oles als Mitinhaber haben sich aus mehreren Gründen dazu entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. „Seit 2010 gehen die Umsätze kontinuierlich zurück“, berichtet Hölscher. „Die jungen Leute kaufen heute im Internet. Sie kommen nicht mehr zu uns“, so Hölscher.
Auch im Umfeld an der Marinestraße haben bereits viele Einzelhändler aufgegeben. Hinzu kommt die Konkurrenz der Ketten und Billiganbieter. Zudem gibt es keine Nachfolger. Und schließlich stünde eine grundlegende Sanierung des Gebäudes an. „Das lohnt sich nicht mehr“, sagt Hölscher. So fiel die Entscheidung zur Aufgabe des Geschäfts und zum Verkauf des Hauses. „Es wird abgerissen, und hier entstehen Wohnungen“, verrät ihr Bruder Gerd Oles.
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Ursprünge reichen 107 Jahre zurück
Vor 107 Jahren eröffnete Kaspar Meulenberg, Großvater der beiden, an der Marinestraße seinen Betrieb als mechanische Besohlanstalt Radbod. Damals war es noch eine Schuhmacherei. Und Gerd Oles weiß aus Erzählungen in der Familie, dass sein Großvater auch schwere Zeiten zu überstehen hatte.
„Während der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg fuhr er mit dem Fahrrad nach Münster, um neue Ware zu kaufen. Denn das Geld war am nächsten Tag nur noch die Hälfte wert“, erinnert Oles sich an eine Geschichte. Doch Kaspar Meulenberg überstand nicht nur diese Herausforderung, sondern auch den Zweiten Weltkrieg. Er baute mehrfach um und errichtete den Anbau, in dem das Geschäft heute ist.
Namenswechsel zu Schuhhaus Oles
Als er 1952 starb, war die Nachfolge noch nicht geregelt. Eigentlich war Kaspar jun. vorgesehen. Er kehrte aber nicht mehr aus dem Krieg nach Hause. So übernahm Tochter Käthe das Geschäft. Um das Erbe antreten zu können, musste unter anderem Kaspar jun. für tot erklärt werden. So dauerte es noch zwei Jahre, bis alles offiziell geregelt war. Gleichzeitig erfolgte auch der Namenswechsel zu Schuhhaus Oles.
Opa Meulenberg war selbst noch Schuhmacher gewesen. Fortan erfolgte für Reparaturen die Zusammenarbeit mit einem örtlichen Schuhmacher.
Zu Bergbauzeiten war alles gut
„Solange es den Bergbau noch gab, lief es gut“, erinnert sich Oles. Man führte zum Beispiel auch noch Bergbau- und Berufsschuhe mit Stahlkappen und Nägeln in den Sohlen. Und neben den Schuhen für Erwachsene gab es auch solche für Kinder, für Fußball und Sport. Zu Weihnachten wurden ein Paar neue Straßenschuhe und ein Paar Hausschuhe angeschafft. Gute Zeiten für fleißige Kaufleute. Äußerlich gab es eine Veränderung: Die Front wurde 1963 komplett erneuert.
Tochter Gisela ging bei ihrer Mutter Käthe in die Lehre und arbeitete im Laden mit. Als Käthe Oles 1991 starb, wurde eine offene Handelsgesellschaft (OHG) gegründet, und Gisela Hölscher führte das Geschäft weiter. Sie erlebte mit, wie Plastik als neues Material Einzug hielt und mehr und mehr das Leder ersetzte. „Damals sagten sie Industrieleder dazu“, erinnert sie sich. „Man kann den Unterschied heute oft gar nicht feststellen. Ich merke es sofort“, sagt sie.
Nur Monate bis zum Rentenalter
Wenn das Schuhhaus Oles schließt, wird es schwer für manch ältere Stammkunden. „Sie wollen noch bedient werden und wünschen Hilfe beim Kauf“, berichtet Hölscher. Beliebt seien bei ihnen insbesondere gute Hausschuhe. Und: „Heute kommen schon die Kinder, um für ihre Eltern einzukaufen, die es selbst nicht mehr schaffen.“
Ebenso gibt es einen Service, den kaum noch ein anderes Schuhhaus bietet. „Wir haben noch den alten Schuhspanner von Opa zum Weiten der Schuhe. Das machen wir ab und zu“, so Hölscher. Den Schuhspanner wird die Familie mitnehmen, bevor das Haus abgerissen wird. Auch für den Schriftzug „Oles“ gibt es bereits eine Anfrage. Gerd Oles hat sogar noch ganz altes Packpapier von seinem Opa. So werden wenigstens ein paar Andenken überdauern.
Derzeit hat das Schuhhaus noch drei Mitarbeiterinnen, darunter auch Monika Steininger. Sie hat 1969 die Schule verlassen, ist dann bei Oles in die Lehre gegangen und hat ihr ganzes Berufsleben dort verbracht. „Mir wird dann schon etwas fehlen, ein paar Tränen werden fließen“, sagt sie. Nur ein paar Monate fehlen ihr, bis sie das reguläre Rentenalter erreicht.
