Leben in Bahnhofsnähe
Obdachlos in Hamm: Die Geschichte eines Schicksals
Hamm - Sein Hab und Gut verteilt sich auf zwei Plastiktüten, einen Rucksack und einen Koffer. Bernd Löffler lässt sie nicht aus den Augen: „Da ist alles drin, was ich habe.“ Seine Habseligkeiten wiegen rund 20 Kilogramm. Er hat sie immer dabei. Bernd Löffler lebt auf der Straße.
Die Nächte in der vergangenen Woche waren lausig kalt. Drei Decken als Matratze und ein normaler Schlafsack, das ist Löfflers Schlafstätte. Mit seiner dicken Jacke, mehreren Pullovern darunter, Jeanshose und den Schuhen an den Füßen versuchte der 47-Jährige, in bitter kalten Nächten Schlaf zu finden. Vor dem eisigen Wind schützt er sich in Hauseingängen oder Tiefgaragen.
Als es ganz kalt wurde hatte er Glück: Die Bahn hatte den Aufenthaltsraum am Gleis 6 über Nacht offen gelassen und dort einigen Obdachlosen die Möglichkeit eingeräumt, zu übernachten. „Das hat geholfen“, so Löffler. Doch als sich die neue Schlafmöglichkeit in der Szene herumgesprochen hatte, da war es schnell aus mit der Ruhe. „Es wurden immer mehr, die hier schlafen wollten.“ Löffler zog lieber wieder auf die Straße – auch wenn er dort frieren musste.
Notunterkunft zu weit weg
Die Obdachlosenunterkunft an der Dortmunder Straße ist für ihn keine Alternative. Übernachtet hat er dort noch nie. Ihm ist der Weg bis nach Herringen zu weit. Mindestens 1,5 Stunden und die gleiche Zeit wieder zurück, das dauert ihm zu lange. Er fände es gut, wenn ein Bulli ihn abends abholen und am nächsten Tag wieder in die Stadt fahren würde. Dann könnte er sich vorstellen, in der Unterkunft zu übernachten. Löffler: „Mit meinen Taschen und dem Koffer ist mir der Fußmarsch zu anstrengend.“
Anstrengungen geht er lieber aus dem Weg. Alkohol und Drogen haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Vom Alkohol ist er inzwischen weg.
„Ich habe lange nicht mehr getrunken.“Aber die Drogen. Von denen kommt er nicht los. Die haben ihn bereits zweimal in den Knast gebracht. Löffler: „Ich sage nur Beschaffungskriminalität.“ Die nächste Verhandlung steht kurz bevor. Er muss sich wegen schweren Diebstahls verantworten. Mehr will er dazu nicht sagen.
Wieder rückfällig, wieder Kokain
Seine Hoffnung ist, dass er von den Drogen loskommt, möchte eine Therapie machen. Dafür muss er zwei Wochen clean sein. Beinahe hätte er es schon geschafft. Aber nach zehn Tagen brach die Sucht wieder durch. Löffler wurde rückfällig und griff zum Kokain. Wieder einmal.
Dramatische Entwicklung bei Obdachlosen in Hamm
Die Tage verbringt er meistens in Bahnhofsnähe, und zu jeder Tageszeit spürt er, wie gering sein Antrieb ist. Selbst der Weg zur Franziskusküche ist ihm manchmal zu weit. „Da bleibe ich lieber am Bahnhof und schnorre ein wenig.“
Geboren in eine Sozialfall-Familie
Bernd Löffler ist ein Einzelgänger. „War ich schon immer.“ Er vertraut lieber nur sich selbst. Vertrauen anderen gegenüber hat er schon längst verloren.
Löffler wird als zweites von sechs Kindern in eine Familie geboren. Diese ist ein Sozialfall. Mit 10 Jahren kommt er ins Heim, mit 15 zu einer Pflegefamilie. „Die hat sich gut um mich gekümmert.“ Kurz vor seinem 18. Geburtstag darf er seine leibliche Familie in Düsseldorf besuchen und bleibt da. „Ich durfte alles, trinken und rauchen.“ Regeln gab es bei seinen leiblichen Eltern keine. Für den Teenager ein Paradies, das sich erst später zur Hölle entpuppt. „Dass ich da geblieben bin, war mein größter Fehler.“
Durch die Abwärtsspirale auf die Straße
Schnell kommt er auf die schiefe Bahn und mit zuviel Alkohol und Drogen in Kontakt. Die Abwärtsspirale setzt sich in Gang. Er landet auf der Straße. Ein Therapieangebot führt ihn nach Hamm. Er findet in der Kesh-Wohngruppe für Substituierte – eine therapeutische Facheinrichtung für Drogenabhängige – am Caldenhofer Weg Unterkunft.
Nach Drogeneskapaden und Streit mit den Mitbewohnern fliegt er dort raus und landet schließlich wieder auf der Straße. Dabei sei es am Caldenhofer Weg toll gewesen. „Zwei Zimmer für mich alleine. Das war ein Traum.“ Dass er raus musste, hat er sich selber zuzuschreiben. Er gibt keinem anderen die Schuld daran.
Traum von besserem Leben immer dabei
Wo er die nächsten Nächte verbringt, weiß er noch nicht. Vielleicht in einer Tiefgarage, vielleicht in einem Hauseingang, vielleicht in einer Baustelle. Der Traum von einem besseren Leben wird ihn begleiten.


