Verbände laufen auf der Felge
Dramatische Entwicklung bei Obdachlosen in Hamm
Hamm - Die Träger der Wohnungslosenhilfe in Hamm sind in der Betreuung an ihren Grenzen angelangt. In bisher nicht dagewesener Deutlichkeit äußerten sich Vertreter von Verbänden jetzt öffentlich über das Ausmaß der Situation.
Demnach herrscht bei steigenden Fallzahlen ein dramatischer Mangel sowohl an bezahlbarem Wohnraum als auch an Personal in der Betreuung. „Wir brauchen mehr Leute, die im Dreck wühlen. Keine Techniker, sondern mehr Fürsorge“, sagt Thomas Velmerig vom Katholischen Sozialdienst (KSD). Das wird Geld kosten und die Frage nach Prioritäten aufwerfen.
Mit Vertretern der Caritas-Wohnungsnotfallhilfe, des sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamts, des Sozialamts, der HGB, der Perthes-Sozialberatungsstelle sowie des Drogenhilfezentrums saß Velmerig auf Einladung der Caritas im inneren Kreis eines öffentlichen Diskurses zum Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit.
Netzwerkarbeit funktioniert gut
Sozialamtsleiter Frank Schulte betonte eingangs ausdrücklich, die Netzwerkarbeit zwischen den einzelnen Organisationen und der Stadt funktioniere gut: „Wir machen gute präventive Arbeit. Das zeigt sich in der erfolgreichen Vermeidung von Räumungsklagen und Zwangsräumungen.“ Aber das – so wurde deutlich – ist nur die eine Seite der Medaille.
324 Menschen in Hamm waren am Stichtag 30. Juni 2017 ohne Mietvertrag, 15 mehr als 2016.
Die Verbände laufen auf der Felge, denn ihr Klientel ist alles andere als homogen und die Ressourcen sind knapp. Bezahlbaren Wohnraum nach ALG II gibt es nicht. Neben Menschen mit Eigeninitiative und Perspektive stehen so genannte „Systemsprenger“, die sich Hilfe trotz einer Vielzahl von Angeboten entziehen. Sie gelten häufig als nicht „mietfähig“. Suchtproblematiken, Krankheiten, psychische Auffälligkeiten oder Überschuldung gehen Hand in Hand. Lösungen zu finden, gestaltet sich zunehmend schwieriger.
Mitarbeiterbelastung wird größer
Bei zwei Vollzeitstellen könne er gar nicht näher am Klienten sein, sagte Dieter Wahl von der Sozialberatungsstelle, die derzeit 100 Menschen betreut. „Die Mitarbeiterbelastung wird größer. Als Abteilungsleiter weiß ich die Antworten darauf nicht“, sagte Ewald Wehner vom Drogenhilfezentrum, der den Diskurs im äußeren Kreis verfolgte.
„Angesichts immer komplexerer Problemlagen bei den Klienten muss irgendwann mehr Personal her“, folgerte Benedikt Schulz von der Caritas-Wohnungslosenhilfe. Schulz betreut auch die Notfallunterkunft. Thomas Velmerig (KSD) warnte, die Situation werde sich in zehn Jahren weiter zugespitzt haben. „Dann haben wir es mit ganz anderen Fallzahlen zu tun.“ Den Beratern bleibe aktuell das Wort, Hilfe anzubieten. „Uns fehlt es aber an Hardware: Das sind Geld und Wände“, sagte Velmerig.
Arrangement mit öffentlichem Elend
Mehr Hilfe für Menschen in Notlagen oder ein Arrangement mit dem öffentlichen Elend? Josch Krause vom Drogenhilfezentrum polarisierte. In seiner offenen Sprechstunde schlagen vormittags regelmäßig rund 20 Personen mit unterschiedlichsten Problemen auf. Rein rechnerisch hat er zwölf Minuten Zeit, sich mit jedem Fall auseinanderzusetzen. Seine Optionen: Zeit dranhängen oder Menschen abweisen. Krause sprach von einem „riesigen Konfliktfeld“ und brachte das tägliche ethische Dilemma auf den Punkt: Wo endet die Eigenverantwortlichkeit der Klienten, wo beginnt und endet die Fürsorge, wo beginnt der Selbstschutz?
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