RWE-Kraftwerkstandort Westfalen in Schmehausen
Abgeschaltet, Teilabriss und jetzt? Wie es am RWE-Kraftwerk weitergeht
Rund 104 Fußballfelder hätten allein auf dem eingezäunten Gelände des abgeschalteten RWE-Kohlekraftwerks „Westfalen“ in Schmehausen Platz. Viel Fläche für Ideen. RWE plant die Zukunft im Industriegebiet. Fußballfelder werden es wohl nicht sein.
Schmehausen – Mit dem weitgehenden Abriss der drei kleineren Kühltürme des RWE-Kraftwerks Westfalen ist die 60-jährige Industriegeschichte nordöstlich der Lippestraße so gut wie abgeschlossen. Während dort künftig ein wechselfeuchtes Biotop gedeihen soll, stehen aber auf der anderen Seite noch die mächtigen Gebäude und Anlagen, vor allem des eigentlich hochmodernen, aber im Sommer abgeschalteten Kohlekraftwerks. Es wird noch gebraucht, wie die laufenden Arbeiten zeigen.
Das betrifft allerdings nur einen Teil des Standortes. So bleibt die Frage: Welche Zukunftspläne verfolgt RWE in Schmehausen? Die Flächen bergen ein großen Potenzial, heißt es.
Klar ist aber: Hier wird keine Kohle mehr verfeuert. „Im Juli 2021 haben wir mit der Stilllegung von Block Westfalen E die Ära der Steinkohleverstromung bei RWE beendet“, sagt Unternehmenssprecher Olaf Winter. Mit Blick auf den Kohleausstieg hat RWE im Dezember 2020 bei der ersten bundesweiten Stilllegungsauktion für Steinkohlekraftwerke den Zuschlag für den seit 2014 Strom produzierenden 800-Megawatt-Block E erhalten.
Phasenschieber im RWE-Kraftwerk Westfalen
Gleichwohl werden Teile seiner Anlagen in den kommenden Jahren noch gebraucht. Die Bundesnetzagentur hat das Kraftwerk als systemrelevant eingestuft. Es wird benötigt, um die Stromversorgung zu stabilisieren. Dazu ist die Umrüstung des Generators von Block E zum rotierenden Phasenschieber vorgesehen.
„Die Arbeiten für den Umbau sind Mitte Januar angelaufen“, sagt der RWE-Sprecher. Mitarbeiter der Firma Siemens setzen den Umbau gemeinsam mit RWE-Personal um. „Wir haben die Turbine vom Generator abgekoppelt und so Platz geschaffen für die Kupplung, über die der Generator später auf Touren gebracht werden soll.“ Das heißt, der Generator wird zum Motor für den Phasenschieber. In Betrieb zieht er den Strom aus dem 380 kV-Netz. Dazu muss die so genannte Leittechnik angepasst werden. „Die Inbetriebnahme ist für Mai dieses Jahres geplant“, sagt er.
Phasenschieber im RWE-Kraftwerk Westfalen
Der Phasenschieber wird bis mindestens Mitte 2027 so genannte Blindleistung zur Spannungshaltung erzeugen. Das sei eine wichtige Dienstleistung zur Stabilisierung des Stromnetzes, die die Energiewende dringend benötige, erklärt der Unternehmenssprecher.
Der Netzbetreiber Amprion sichert den Betrieb bis 2027 zu. Er hat die Option zu einer Verlängerung bis 2030. Bei dieser Entscheidung sei RWE „von Amprion abhängig“, sagt er. Wie viele Mitarbeiter dann am Standort verbleiben, „lässt sich heute noch nicht beziffern“. Von der Schließung des Kraftwerks waren vor rund einem Jahr insgesamt 160 Mitarbeiter betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen schloss RWE aus.
„Pannenblock D“ des RWE-Kraftwerks Westfalen
Was aus dem zeitgleich mit Block E entstandenen „Pannenblock D“ wird, bleibt unklar. Die Bezeichnung bekam die Anlage nach einer Salzsäurepanne und wegen Baumängeln. Der Block ging nie in Betrieb. Das Energieunternehmen beabsichtigte den Verkauf von Anlagenteilen. Kraftwerksbetreiber aus Brasilien, Kasachstan und anderen Ländern sollen als potenzielle Käufer gehandelt worden sein.
Auch wenn sich RWE „zuversichtlich und guter Dinge“ sah für positive Ergebnisse von Verkaufsgesprächen, auch rund vier Jahre später steht die Anlage noch in Schmehausen. „Bemühungen, Teile von Block Westfalen D zu veräußern, verliefen ergebnislos“, sagt der Unternehmenssprecher über den aktuellen Stand.
Trockenlegung der Anlagen im RWE-Kraftwerk Westfalen
Was nicht für den Betrieb des Phasenschiebers benötigt wird, ist „entweder konserviert oder in der Trockenlegung“, erklärt er. Was auf dem Kraftwerkgrundstück bleibt, sind große, bebaute Flächen, samt den Bereichen der 2011 beziehungsweise 2016 abgeschalteten Kraftwerksblöcke A, B und C. Sie sollen nicht dauerhaft brachliegen.
„Wir prüfen Möglichkeiten für eine Nachfolgenutzung des Standortes“, sagt er. Bis die feststeht und umgesetzt wird, werden die 165 Meter hohen Kühltürme der Blöcke D und E die Skyline im Osten der Großstadt prägen.
THTR-Atomkraftwerk in Schmehausen
Beim Kernkraftwerk stehen die Flächen nicht so bald zur Verfügung. Vor rund zwei Jahren war noch von einer Fortsetzung des sicheren Einschlusses bis zum Jahr 2030 die Rede. Die Planung des Abbaus des Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktors sollte demnach 2023 beginnen. 2044 sollte vom THTR nichts mehr stehen.
Freie Industrieflächen am RWE-Kraftwerk in Schmehausen
Das Gelände des Energieunternehmens ist weitaus größer als die umzäunte Kraftwerksfläche. RWE veräußert das weitgehend freie Schmehauser Feld. Hier lagerten vor Jahren die Bauteile der Blöcke D und E.
Die trimodalen Industrie- und Gewerbeflächen (Anschluss an Autobahn, Kanal und Bahn) sind etwa so groß wie 50 Fußballplätze. Sie reichen vom Kanal im Süden bis zur Siegenbeckstraße und Lippestraße sowie von der Autobahn 2 bis zum Kraftwerkszaun. Der Parkplatz an der alten Kraftwerkspforte gehört auch dazu.
Freie Industrieflächen am RWE-Kraftwerk in Schmehausen
Auch wenn das Planungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist, hat RWE schon einen Teil vermarktet. „In Absprache mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Hamm haben wir im März 2021 eine 7,8 Hektar große Teilfläche des Kraftwerksgeländes veräußert“, sagt der Unternehmenssprecher.
An wen? Das bleibt weiterhin intern. „Details kann ich aus Gründen der Vertraulichkeit nicht nennen“, sagt er. So kann über die Gründe für den frühzeitigen Eigentümerwechsel erst einmal nur spekuliert werden. Denn so viel steht für RWE fest: „Weitere Flächenverkäufe kommen erst infrage, wenn die Konzepte für die Nachnutzung des Kraftwerkes klar sind.“